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Komparserie, Im Hintergrund: Georg Zeppenfeld (Gurnemanz), Jin Yu (4. Knappe), Aaron Godfrey-Mayes (3. Knappe), Michèle Losier (Kundry). Foto: © Semperoper Dresden/Jochen Quast
Komparserie, Im Hintergrund: Georg Zeppenfeld (Gurnemanz), Jin Yu (4. Knappe), Aaron Godfrey-Mayes (3. Knappe), Michèle Losier (Kundry). Foto: © Semperoper Dresden/Jochen Quast
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Durch Neugier wissend – Die Semperoper Dresden hat wieder einen „Parsifal“ im Spielplan

Vorspann / Teaser

In Dresden wurde es Zeit für einen neuen Parsifal. Die Vorgänger-Inszenierung von der Edelbass-Legende Theo Adam stammte noch aus dem Jahr 1988. Sie lief bis 2010. Dass Daniele Gatti jetzt als seine zweite Neuproduktion als Chef der Sächsischen Staatskapelle sich nach Verdis „Falstaff“ auch für Wagners Spätwerk entschieden hat, zeigt nicht zuletzt auch, wie ernst er es mit der Nachfolge von Christian Thielemann in Dresden meint, gilt doch der deutsche Amtsvorgänger des Italieners (nicht von ungefähr) als eine Art Statthalter Wagners auf Erden. Durch Neugier wissend – Die Semperoper Dresden hat wieder einen „Parsifal“ im Spielplan.

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Dass auch Gatti ein an seinen Bayreuther-Parsifalerfahrungen gewachsenes Gefühl für den deutschen Überkomponisten und vor allem auch für dessen Bühnenweihfestspiel hat, spielte er jetzt bei der Dresdner Premiere voll aus. Obwohl Wagner das Werk speziell für „sein“ Haus in Bayreuth komponiert hat (und es dort tatsächlich seine besondere Magie voll entfaltet), passt es natürlich auch in den offenen Graben der Semperoper. Auch wenn an wenigen Stellen, an denen Parsifal-Sänger Eric Cutler verdienstvollerweise ein Piano riskiert hat, es eben auch riskant klang und leicht überdeckt wurde. Im Ganzen hat Gatti die Partitur getragen und mit einer Stunde 46 Minuten für den ersten Aufzug weder zu überdehnt noch zu flott, sondern eher im Mittel überzeugender Interpretationen zelebriert; bei den Gralsenthüllungen aber auch die volle Klangpracht aufsteigen lassen.

Mit Georg Zeppenfeld hatte er auf der Bühne nicht nur den Gurnemanz vom Dienst der letzten Jahre auf seiner Seite, sondern auch einen Sängerdarsteller, der mit jedem Auftritt ein Lehrbeispiel von textverständlicher Artikulation gratis mitliefert und mit unaufgeregter Souveränität besticht. Eric Cutler glänzte mit seinem ersten Parsifal. Oleksandr Pushniak als kraftvoller Amfortas, Scott Hendricks als diabolischer Klingsor und Albert Dohmen als Titurel ergänzten das Protagonistenensemble angemessen. Michèle Losier steuerte eine Kundry, durchaus von dieser Welt bei.

Für jede Parsifal-Inszenierung bleibt es eine Herausforderung, welchen Akzent des Bühnen-weih-fest-spiels man bedient, ob und falls ja, wie weit man sich von Wagners religiösem Erlösungsraunen entfernt oder ob man eine Annäherung wie eine Polemik gegen die Säkularisierung der heutigen Gesellschaft auffasst. Allein die letzten Bayreuther Beispiele nach Wolfgang Wagners Inszenierung reichen von Christoph Schlingensiefs „Hasifal“ über Stefan Herheims Deutschstunde und Uwe Eric Laufenbergs Religionskritik bis zur aktuellen Melange aus Bühne und Videospieloptikzugabe durch die AR-Brillen von Jay Scheib. Alle hatten und haben etwas Experimentelles, natürlich immer auf dem sicheren Fundament der singulären Akustik des Festspielhauses.

Floris Visser (Regie), Frank Philipp Schlößmann (Bühne), Jon Morell (Kostüme) und Will Duke (Video) setzen bei ihrer Neuinterpretation auf ambitionierte Originalität, optische Opulenz und szenischen Aktionismus. Wobei erst eine organische Verflechtung zum gelungenen Gesamtkunstwerk führen würde.

Ein ästhetischer Coup der Inszenierung ist die Ruine der fiktiven Abtei St. Parsifal, die Schlößmann nach dem toskanischen Vorbild in San Galgano auf die Drehbühne gebaut hat. Dadurch lässt sich zum Beispiel das „Zum Raum wird hier die Zeit“ effektvoll simulieren. Der Raum zwischen den dachlosen Wänden und hinter der Giebelwand mit der großen Fensterrose liefert alle Schauplätze, die es braucht, und erlaubt durch diverse Videoüberblendungen Niederschläge der verschiedensten Art (von Flocken über Blüten bis Regen) atmosphärische Verwandlungen. 

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Jasmin Delfs (1. Knappe), Kinderkomparse, Ekaterina Chayka-Rubinstein (2. Knappe), Im Hintergrund: Jin Yu (4. Knappe), Aaron Godfrey-Mayes (3. Knappe), Michèle Losier (Kundry), Komparserie. Foto: © Semperoper Dresden/Jochen Quast
Jasmin Delfs (1. Knappe), Kinderkomparse, Ekaterina Chayka-Rubinstein (2. Knappe), Im Hintergrund: Jin Yu (4. Knappe), Aaron Godfrey-Mayes (3. Knappe), Michèle Losier (Kundry), Komparserie. Foto: © Semperoper Dresden/Jochen Quast
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Eine zentrale Idee dieser Inszenierung ist der Blick auf die Geschichte mit den Augen eines Kindes. Praktisch sieht das (schon vom bebilderten Vorspiel an) so aus, dass unter den bunt zusammengewürfelten Besuchern der Abtei auch eine Schulklasse ist. Ein besonders interessierter Schüler entwickelt mit einem alten Buch (vermutlich mit der Parsifalsage) und im Kontakt zu einem alten Mann im Rollstuhl Interesse an der Geschichte, setzt sich von seiner Gruppe ab und nutzt eine Logik, die besonders in der Oper funktioniert, dazu, die Geschichte zu imaginieren, ja zu inszenieren und (als wäre man in einer Neuenfels-Inszenierung) sie zu kommentieren, auch mal Hilfestellung zu leisten, wenn einer in Bedrängnis ist, Empathie zu entwickeln.

Was der 14jährige Leander Wilde hier fertigbringt, ist ganz erstaunlich. Hinter seinem Namen ist Komparserie vermerkt – mit seinem Spiel übernimmt er aber eine (zwar stumme und bei Wagner nicht vorgesehene) regelrechte Hauptrolle. Stellenweise ist man voll auf sein Spiel und sein Staunen im und über das Stück fixiert. Er wird sogar zu einem kindlichen Alter Ego Parsifals. Als solche funktioniert diese Idee im Kern. Allerdings gerät ihre Umsetzung streckenweise zu einem Overkill, für den sich die Regie ausgiebig an der Geschichte und den Ritualen der christlichen Religion bedient.

Man sieht nachgespielt, wie Amfortas verführt, verletzt und des Speers beraubt wird. Auch, wie sich Klingsor (der im dritten Aufzug erhängt noch mal zu sehen ist) selbst entmannt. Man sieht Adam und Eva, den Teufel, jede Menge Weihrauch, Weihwasser, Sternsinger, reichlich Blut und einen Mann, der ans Kreuz genagelt wird – es fehlte eigentlich nur noch das Lachen von Kundry als Jesus sie ansieht als Laienspiel.

Mit der exzessiven Bebilderung von allem, was schon im Text und der Musik nachvollziehbar gestaltet ist, geht sich der Ansatz selbst in die Falle. Auch wenn sich das mit dem programmatischen „kindlichen Blick“ begründen lässt. Irritierend seltsam ist die erste Gralsenthüllung – da bringt ein geflügelter Engel offensichtlich ein Neugeborenes, das auf dem Altar abgelegt wird und dann möglicherweise – ganz genau sieht man das nicht – für das Blut im Gralskelch sorgt, den Amfortas bis zur Neige zu leeren scheint.

Aber nicht nur von innen, sondern gleichsam auch von außen überdehnt die Regie ihre Bilder. Zur zweiten Gralsenthüllung flutet wieder das bunt durchmischte Besucherpublikum den Raum. Nachdem diverse Videoeinspieler schon vorher reichlich das Elend unserer Welt mit ihren Krisen und Kriegen in Erinnerung gerufen hatten, haben sie jetzt alle diverse Plakate dabei. Mit gängigen Losungen gegen alles Schlechte und für das Gute in der Welt. Das Spiel im Spiel schlägt sich auf die Seite einer diffusen Erlösungsutopie, alle Teilnehmer räumen dann aber das Feld. Und morgen erzählen sie sich hier vielleicht ein ganz anderes Märchen. Am Ende des Vorstellungsmarathons ist der (Religions-)Lehrer froh, dass er seinen Primus endlich wiedergefunden hat, und gratuliert ihm zu seiner Show, die man mit einem „Durch Neugier wissend“ überschreiben könnte.

Für alle Interpreten gab es einheilige Zustimmung – für die Regie mischten sich einige Buhs unter den Beifall.

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