Der Komponist Bernd Franke ist 1959 tatsächlich in Weißenfels an der Saale geboren worden. Nicht wie Heinrich Schütz nur in der Nähe oder wir Adrian Leverkühn in der Phantasie von Thomas Mann auch nur in der Nähe. Zur Tradition bekennt sich der Leipziger Professor für Komposition, neue Musik und Tonsatz aber (in einem Porträt in der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung) ausdrücklich. Er hat die Luft der Musikstadt Leipzig inhaliert, lehrt aber auch in den USA, Asien, Skandinavien und Litauen. Und er komponiert. Seine erste, 1998 in Bonn uraufgeführte Oper „Mottke der Dieb“ entstand als Auftragswerk der Münchner Biennale auf Anregung von keinem Geringeren als Hans Werner Henze; die zweite, jetzt als Auftragswerk der Oper Leipzig. Da hier mit dem Gewandhausorchester (unter der kundigen Leitung von Matthias Foremny einer der berühmten deutschen Klangkörper im Graben der Oper sitzt, das Haus einigen Besetzungsehrgeiz in die vokale und sonstige Ausstattung der (hier selten gewordenen) Uraufführung gelegt hat, dürfte dafür gesorgt haben, den Komponisten über den Kreis von Spezialisten hinaus auch bei den Opernbesuchern bekannter zu machen.
Franz Xaver Schlecht (Pieter), Aaron Klatt (Bear, sein Sohn). Foto: © Kirsten Nijhof
Durch Raum und Zeit – Bernd Frankes Oper „Coming Up for Air“ in Leipzig uraufgeführt
In dem Dreiakter „Coming Up for Air“ sind drei zeitlich und räumlich weit auseinanderliegende Welten parallel geschaltet. Das Libretto von Jessica Walker folgt dem Roman von Sarah Leipciger dessen Titel deutsch „Das Geschenk des Lebens“ heißt. Hier werden Episoden um drei Personen vom Ende der 1890er Jahre in Paris, Mitte der 1950er Jahre in Norwegen und ab 2015 in Kanada miteinander verknüpft. Sie folgen aber nicht einfach durch eher willkürliche Berührungspunkte aufeinander (wie es etwa im Blockbuster „Cloud Atlas“ der Fall war). Sie sind durch ein existenzielles Thema miteinander verbunden und finden dafür biografische Variationen persönlicher Schicksalsschläge.
Zunächst geht es um die historische Unbekannte aus der Seine, „L’Incounnue“, deren Gesicht umso bekannter wurde. Die Schönheit der jungen Selbstmörderin hatte den Pathologen seinerzeit so beeindruckt, dass er eine Totenmaske von ihr abnahm, die es als vervielfältigtes Kunstobjekt zu modischer Popularität als Wandschmuck in vielen Wohnzimmern brachte. Dieser Unbekannten gibt die Oper eine Geschichte. Im Dienst von Madame Debord (mit stilechter Matronenattitüde: Ulrike Schneider) lernt sie die junge, von einer Mannequin-Karriere träumende Axelle Paquet (Maya Gour) kennen. Beide beginnen ein Liebesverhältnis und werden vom Handwerker Nicolas (Einar Dagur Jónsson) erwischt. Er erpresst die Unbekannte und vergewaltigt sie. Sie wird schwanger, aber ist der Situation nicht gewachsen. Vor ihrem Selbstmord vertraut sie ihr inzwischen zur Welt gebrachtes Kind Madame Dabord an.
In Norwegen ist der Tod ein Unfall. Als der Puppenbauer Pieter so in seine Arbeit vertieft ist, dass er den geplanten Ausflug mit seinem kleinen Sohn vergisst, macht sich der Junge allein auf den Weg ans Wasser und ertrinkt. Für den Vater wird der Bau einer Puppe, an der man die Wiederbelebung bei Herzstillstand üben kann, zur Selbsttherapie, um mit dem Tod seines Jungen fertig zu werden. Der Erfolg seiner Erfindung ist ausgemacht, als er diese Puppe mit den Gesichtszügen jener Unbekannten komplettiert. In seiner Familie befand sich nämlich auch so ein Exemplar der schönen Unbekannten aus Paris.
Die dritte (ganz erfundene) Geschichte ist nicht weniger dramatisch – die Journalistin Anouk wartet in einem kanadischen Krankenhaus verzweifelt auf eine Lungentransplantation, weil ihr eine Mukoviszidose die Luft zum Atmen zu nehmen droht. Als die Transplantation endlich erfolgt, erleidet sie einen Herzstillstand und tritt quasi neben sich. Sie wird es sein, die am Ende die beiden Geschichten aus der Vergangenheit recherchiert und aufschreibt. Dass sie überlebt steht für jene Hoffnung, die noch in jeder Katastrophe steckt.
Samantha Gaul (L’Inconnue). Foto: © Kirsten Nijhof
Obwohl sich Franke selbst gegen das Etikett „Neue Musik“ verwahrt, ist seine Musik natürlich neu. Aber nicht im verschreckenden Sinne eines verbissenen Ehrgeizes, der alles, was war und ist, zu vergessen und neu zu erfinden versucht, sondern im Sinne des Anknüpfens an große Traditionen und deren Weiterführung durch das fruchtbare Integrieren von Einflüssen fremder Regionen und ferner Zeiten. Es ist eine eingängige, gemäßigte Moderne, die sich nicht arrogant am Publikum vorbeidrängelt, sondern es da abholt, wo es mit seinen Hörerfahrungen angekommen ist. Und das schließt den großen dramatischen Ton, der sich auch mal ins Pathetische steigert, ebenso wie atmosphärisch Illustriertendes ein. Bei der musikalischen Charakterisierung der verschiedenen Orte des Geschehens der Oper, Frankreich, Norwegen und Kanada, sind etwa Anregungen von norwegischen Volksliedern oder der isländischen Sängerin Björk in den hochdramatischen Strudel der Geschichten eingeflossen. Ebenso hat er den drei Hauptfiguren eigene Instrumente zugeordnet: der von Sopranistin Samantha Gaul überzeugend zerbrechlich verkörperten Unbekannten aus der Seine ein Solocello; dem von Franz Xaver Schlecht eloquent mit Baritonwohlklang versehenen Norweger Pieter eine Trompete und der Anouk von Mezzosopranistin Gabrielė Kupšytė eine Bassklarinette. Der von Thomas Eitler de Lint und Franziska Kuba einstudierte Chor wiederum verkörpert den immer fließenden Fluss (und die von Anna Sofie Tuma opulent historisch kostümierte Pariser Gesellschaft). Das ist alles klug gebaut, lässt die emotionale Suggestionskraft nie abebben.
Durch die Dreiteilung der Geschichte und ihre Verschränkung hatten Florentine Klepper (Regie) und Dirk Becker (Bühne) im Grunde leichtes Spiel. Sie haben die Spielfläche auf der Drehbühne so in drei Segmente aufgeteilt, dass das Besondere des Pariser Milieus, der Werkstatt in Norwegen und der Klinik in Kanada wohl zu unterscheiden ist, aber die Akteure sich ebenso mühelos durch die Räume und Zeiten bewegen können.
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