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Die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg (Solen Mainguené) mit Octavian (Štĕpánka Pučálková, re). © Kirsten Nijhof

Die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg (Solen Mainguené) mit Octavian (Štĕpánka Pučálková, re). © Kirsten Nijhof 

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Ein Fabergé-Ei zu Ostern – Vokales Richard-Strauss-Glück beim Rosenkavalier in Leipzig

Vorspann / Teaser

Die Oper Leipzig glänzt mit einer in jeder Hinsicht prachtvollen Neuproduktion des Schmuckstückes von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. 

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Für einen überwältigenden „Rosenkavalier“ braucht man ein Orchester, das schwelgen, funkeln und aufschäumen kann, das aber nicht vom Pfad der Geschichte abkommen darf. Denn das, was Hugo von Hofmannsthal so genial als Maria-Theresia-Wien für uns frei erfunden und Richard Strauss in Töne gesetzt hat, ist eine Welt für sich. Mit hinreißenden Wortschöpfungen, einem feinsinnigen Humor und jeder Menge Lebensklugheit. Die Feldmarschallin ist eine der lebensklügsten Frauengestalten der Opernliteratur überhaupt.

Gleich nach bzw. neben der Sächsischen Staatskapelle in Dresden, die den verführerisch betörenden Ist-es-ein-Traum-kann-nicht-wirklich-sein-Klang 1911 quasi zur Welt gebracht hat und ihn seither beispielhaft hütet, kommt in dieser Beziehung das Gewandhausorchester. Zumindest, wenn es wie jetzt mit Christoph Gedschold am Pult so aufrauschend opulent und zugleich klar durchhörbar dirigiert wird, seine Hauptrolle behauptet und doch die Stimmen nicht untergehen lässt oder auch nur in Bedrängnis bringt. 

Deren Kombination ist bei dieser Neuproduktion ein darstellerischer und vokaler Glücksfall. Nicht nur, dass die Bettszene nach der Liebesnacht zwischen der Feldmarschallin und ihrem halb so alten Liebhaber Octavian optisch glaubwürdig gelingt, auch die Stimmen passen in ihrer Färbung zusammen. Solen Mainguené verbindet für die Feldmarschallin die Lebensklugheit einer reifen Frau mit dem Format einer attraktiven Diva. Štĕpánka Pučálková für ihren Octavian burschikosen, jungenhaften Charme mit einer fokussierten Eloquenz. Wenn dann im großen Terzett auch noch die mit ihren betörend engelsgleichen Spitzentönen sofort bezaubernde Olga Jelínková als Sophie dazu kommt, ist das vokale Richard-Strauss-Glück perfekt. Auch Tobias Schabel als übergriffig erotomanischer Ochs auf Lerchenau und Mathias Hausmann als Herr von Faninal liefern eindrucksvolle Rollenporträts. Ulrike Schneider als Intrigantin Annina und Piotr Buszewski als schmetternder Tenor ragen auch mit ihren kleinen Partien aus dem ausufernden Ensemble heraus. 

Dieser neue Leipziger „Rosenkavalier“ ist aber nicht nur musikalisch und vokal, sondern auch optisch ein Fabergé-Osterei! Allen schon das Jugendstilschlafzimmer, mit den Türzargen, den Lampen und der prächtigen Tapete ist ein Genuss. Vom Morgenmantel der Marschallin ganz zu schweigen. Hier sind Dirk Becker (Bühne) und Renée Listerdal (Kostüme) in die Vollen gegangen. Intendant Tobias Wolff dürfte mit der Vermutung richtig liegen, dass sich diese Neuproduktion viele Jahre das Repertoire zieren wird. 

Beim „Rosenkavalier“ kann man einerseits mit komödiantischem Schalk durch das Pseudorokoko rauschen, andererseits aber auch Interpretationsehrgeiz an den Tag legen und das Philosophieren über die Zeit und die Vergänglichkeit der Jugend und die „richtige“ Art zu lieben ins Zentrum rücken. Michael Schulz gelingt in Leipzig das Kunststück eines sowohl als auch. Das Maria-Theresia-Wien Hofmannsthals liefert nur die historischen Kostümierungen für Octavian und Sophie oder das Personal im Hause Faninal. Schulz lässt sich auf die Zeit das sonderbar Ding ein, indem er das Liebespaar Octavian und Sophie so unaufdringlich wie gekonnt durch die Zeiten reisen und alle anderen um sie herum altern lässt. 

Der erste Akt profitiert von der ästhetischen Verführung des Jugendstils – also der Entstehungszeit der Oper. Im Palais des neureichen Armeelieferanten Faninal gibt es um 1930 zwar die Perücken-Maskerade, aber die Wappen-Banner mit den gekreuzten Schwertern unterm F kommen ebenso per Knopfdruck von der Decke, wie auch die Drehscheibe ferngesteuert werden kann, auf der die verkleidete Sophie wie auf einem Präsentierteller von allen Seiten betrachtet wird. Dem Ochs und seinen Plänen, sich per Einheirat in den Geldadel zu sanieren, macht Octavian dann in einem heruntergekommenen Nachtklub der 1980er-Jahre so handfest einen Strich durch die Rechnung, dass der einem fast schon leidtut. Dieses Séparée ist das ziemlich lädierte und geschmacklos verunstaltete Schlafzimmer aus dem ersten Aufzug. Wie in den Räumen, so hat die Zeit auch beim Ochs seine Spuren hinterlassen. 

Dass sich Schulz tief und mit Liebe in das Stück (das er nicht zum ersten Mal inszeniert) hineingedacht hat, merkt man daran, wie er dem musikalischen Aufbäumen der Komödie den leichten, kleinen Witz im Detail hinzufügt. Allein schon wie der Arzt die angebliche Wunde des Ochs mit einem klitzekleinen Pflaster bedenkt, ist eine Minishow für sich. Am Ende sitzen Sophie und Octavian an der Rampe, lassen die Beine in den Orchestergraben baumeln und hoffen noch, dass ihr Traum von der ewig währenden Jugend und Liebe wirklich bleibt …. Wenn sich der Raum hinter ihnen auflöst und eine alte Frau einen Mann im Rollstuhl vorbeischiebt, dann wissen wir, dass die Marschallin Recht behalten hat. Und wenn wir dann sehen, wie eine andere ältere Dame mit einem reifen Herrn abzieht, dann ahnen wir, dass Octavian nicht zwingend ihr letzter Liebhaber gewesen sein dürfte. Was neben aller Einsicht in den Lauf der Dinge ja auch irgendwie tröstlich ist. Jubel für alle!

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