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De Materie © Opera Ballet Vlaanderen / Annemie Augustijns

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Ein Faustschlag des Weltgeistes – De Materie von Louis Andriessen in Antwerpen

Vorspann / Teaser

Die Flämische Zweistädte-Oper mit ihren Häusern in Antwerpen und Gent ist ein Stagionebetrieb. In der Regel wechseln sich die Häuser mit den Premieren ab und übernehmen dann die Produktion des Partnerhauses für eine eigene Aufführungsserie. Im Falle der Oper „De Materie“ des Niederländers Louis Andriessen bleibt es bei der Aufführungsserie in Antwerpen, weil das Opernhaus in Gent, optimistisch veranschlagt, bis 2030 umfassend restauriert werden soll. Trotz Ausweichspielstätten wird es im Falle der Andriessen-Oper bei Antwerpen bleiben. Dass die auch bei der vorletzten Vorstellung nahezu ausverkauft war, mag auch damit zu tun haben, liegt aber vor allem an dieser Oper selbst und an einem Publikum, das grundsätzlich aufgeschlossen und auch auf Modernes neugierig ist. Immerhin ist es die erste belgische Produktion dieser 1989 in Amsterdam uraufgeführten Oper, die bislang nur einmal bei der Ruhrtriennale 2014 im letzten Jahr seiner Intendanz von Heiner Goebbels nachinszeniert wurde. Der Komponist, Musiker und Theaterpraktiker setzte bei seiner Inszenierung bewusst auf den Charme des Besonderen der Spielstätten im Ruhrgebiet.

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Louis Andriessen (1939–2021) hatte schon vor und dann auch nach „De Materie“ (1989), vor allem mit „ROSA – a Horse Drama“ (1994), „Writing to Vermeer“ (1999), „La Commedia" (2008) und noch einmal 2016 mit „Theatre of the World“ seine Stellung als Meister der niederländischen Komponisten-Moderne und seine Bedeutung für das Musiktheater auch über die Niederlande hinaus bekräftigt. Seine Opern sind schon rein quantitativ keine schlechte Bilanz für ein Land ohne große eigene Tradition.

In Antwerpen haben die renommierte, genreübergreifend arbeitende französische Performerin und Choreografin Pia Ménard (Regie und Ausstattung) mit ihren Choreografen-Mitstreitern Antonio De Rosa und Mattia Russo (KOR'SIA) auf die Imaginationsmöglichkeiten und das ästhetische Potenzial einer klassischen Guckkastenbühne mit dem dort möglichen Zusammenspiel von Szene und Tanz mit Musik und Text gesetzt. Der Neuinszenierung merkt man zudem mitunter an, dass Robert Wilson nicht nur am Libretto mitgewirkt hat. Gleichwohl findet Ménard zu einer eigenen stilisierten Lesart. Die changiert zwischen assoziationsoffen und bilderstark. Für eine Vorlage, die aus vier aneinandergefügten Episoden besteht, war das  genau richtig. Es ist inhaltlich eine Zeitreise, die auch musikalisch aus vielen verschiedenen Quellen schöpft. Sie beginnt mit einem atemberaubenden Crescendo von 144 eskalierenden Orchesterschlägen, die in abgewandelter Form auch später wieder auftauchen. Überhaupt prunkt die Musik immer wieder mit harten, pointierten Rhythmen, die die Möglichkeiten des Schlagwerks ausloten.

Nach den wuchtig suggestiven, immer schneller werdenden Schlägen des Orchesters finden wir uns im Jahr 1581 wieder. Ganz so, als hätte Hegels Weltgeist mit der Faust auf den Tisch der Geschichte gehauen. Acht Chorsolisten skandieren die Unabhängigkeitserklärung der niederländischen Provinzen von der spanischen Krone. Diese Lossagung u.a. von Brabant und Flandern vom spanischen König hat den Rang eines Vorbildes für die berühmte Unabhängigkeitserklärung der nordamerikanischen Kolonien, die sich damit freilich nicht nur von der englischen Krone lossagten, sondern gleich in den republikanischen Teil der Weltgeschichte wechselten. Wenn danach detailliert vom niederländischen Schiffbau gesungen und dieses konstruktive Tun von zwei Schiffbauern auf offener Bühne mit einem Hammerduett beglaubigt wird, bei dem man unwillkürlich an das Hämmern von Hans Sachs in den „Meistersingern“ denken muss, dann ist das ein beherzter, konstruktiver Lärm des Aufbaus und des Aufstrebens. Das solcher Art Greifbare wird konfrontiert mit im frühen 17. Jahrhundert revolutionären Überlegungen des Philosophen Gorlaeus, nach denen die Materie aus unteilbaren Atomen bestehe. Tenor Robin Tritschler schleudert diese Überlegungen mit Vehemenz über die Rampe in den Saal. So, wie dessen historischer Stichwortgeber in die damalige Zukunft.

Es hat einige Raffinesse, wie zu diesem Kapitel von zwei Seiten Bodensegmente wie riesige Bohlen für einen Schiffsrumpf an Seilen vom Bühnenboden gelöst und nach oben gebogen werden. Ein stilisierter Hauch von „Philosoph und Zimmermann“ kommt auf. Und nötigt Respekt ab. Denn gedreht entsteht aus diesem Konstrukt ein sakrales Gewölbe für den, wenn man so will, zweiten Satz dieser sinfonischen Oper.

Da steht eine Vision der Mystikerin des 13.Jahrhunderts, Hadewijch von Antwerpen, im Mittelpunkt, die mit durchaus erotischer Spannung ihre Begegnung mit Gott so schildert, dass es nicht weit von Paul Hindemiths „Sancta Susanna“ entfernt ist. Hadewijchs Begegnung mit Gott ist hier mindestens ein musikalischer Höhepunkt, den Sopranistin Katrien Baerts mit entsprechender Inbrunst gestaltet.

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De Materie © Opera Ballet Vlaanderen / Annemie Augustijns

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Wie ein musikalischer Paradigmenwechsel wirkt dann der Aufbruch, für den der niederländische Moderne-Klassiker Piet Mondrian (1872–1944) mit den gelben, blauen und roten Flächen die Formen und Farben der Bühne vorgibt. Hier wird der Diskurs zu Linie und Kreis geführt. Tänzerisch hinreißend, mit witzigen Boogie-Woogie-Anklängen choreografiert. Nach dieser ästhetisch assoziativen Wendung ins Offene, wird es im letzten Teil wieder innerlich. (Bei Heiner Goebbels war das der Akt mit den leibhaftig blökenden Schafen.) Hier kommt in Gestalt von Schauspielerin Lies Pauwels Marie Curie zu Wort. Mit eleganter Würde erst im Schreiten um einen geheimnisvollen Kreis, dann mit Auszügen aus ihrer Rede zu ihrem zweiten Nobelpreis 1911 und mit persönlichen Worten der Liebe und Verzweiflung an ihren verstorbenen Partner Pierre aus ihren Tagebüchern. Die Art von musikalischem Rückzug aufs Innere kommt fast in Form einer Gralsenthüllung daher. Ergreifend und doch aus der Ferne.

Diese dritte Inszenierung von Andriessens „De Materie“ bietet nicht nur einen spannenden, pausenlosen zweistündigen Opernabend, sondern ist zugleich ein überzeugendes Plädoyer für dieses Werk. Zumal hier ein Gesamtkunstwerk gelungen ist, das vor allem das zehnköpfige Tänzerensemble ebenso einbezieht wie die Choristen der flämischen Oper. Am Pult des zusammen mit dem Ensemble Ictus im Graben platzierten und mit reichlich Schlagwerk, Saxophon und Keyboards  aufgerüsteten Symphonischen Orchester hat Bas Wiegers Musiker und Akteure auf der Bühne fabelhaft im Griff.

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