„Faust“ – das ist eine unendliche Geschichte. Zwischen zwei Buchdeckeln, auf der Leinwand und vor allem auf der Bühne. Als Schauspiel und als Oper. Der Faust-Stoff ist so mit dem deutschen und dem bürgerlichen Selbstverständnis verbunden, dass er unerschöpflich ist. Bis jetzt jedenfalls, obwohl modischer Übereifer versucht, ihn in die Archive, die Ablage oder eben ins Nichts zu verbannen. Noch ist das aber nicht gelungen. Man darf gespannt sein, was demnächst in Weimar aus dem nie ganz ausgeloteten „Faust II“ wird.
Chor. Foto: © Christina Iberl
Faust mal anders: Meiningen startet mit Alfred Schnittkes „Historia von D. Johann Fausten“ erfolgreich in die Spielzeit
In Meiningen kann man jetzt als gefeierte Spielzeiteröffnung die „Historia von D. Johann Fausten“ von Alfred Schnittke (1934–1998) bestaunen, die, obwohl schon 1995 in Hamburg uraufgeführt, so gut wie unbekannt geblieben ist. Was aber weder an der Qualität der Musik und schon gar nicht am Stoff liegen dürfte, eher an der Besonderheit der Quelle und an den Umständen der Entstehung. Erst verzögerte sich die Uraufführung organisatorisch, dann musste er die Fertigstellung seiner zunehmenden gesundheitlichen Beeinträchtigung abringen. Die meisten der gängigen Faust-Opern gehen mehr oder weniger direkt auf Goethes „Faust“ zurück – sind davon inspiriert oder polemisieren damit. Berlioz, Schumann, Gounod, Boito, Busoni – um nur die berühmtesten zu nennen, die Faust, Mephisto oder Margarete im Titel führen und fest zum internationalen Kanon gehören.
Der deutsch-russische Komponist Schnittke, der durchaus als Nachfolger von Dmitri Schostakowitsch als bedeutendster Komponist der Sowjetunion gilt und ab 1990 in Hamburg lebte, bezieht sich im Unterschied zu seinen Kollegen in seinem (zusammen mit Jörg Morgener) erstellten Libretto auf das Volksbuch von 1587. Hier wird Faustens Maßlosigkeit in seinem Wissensdrang und seiner Lebensgier vor allem als abschreckendes Beispiel dargestellt. Ohne Teufelspakt waren seine Überschreitungen der von der Kirche gesetzten Grenzen nicht vorstellbar. Dass er die nicht gelten ließ, führte ihn geradewegs in die Hölle. Trotz seiner späten Versuche, Buße zu tun und sich aus dem auf 24 Jahre geschlossenen und mit Blut unterzeichneten Vertrag zu lösen, hat er am Ende nicht nur seine Seele verspielt. Auch sein Körper wird in einer drastisch geschilderten Orgie der Grausamkeit zerstückelt. Das kommt davon – so die abschreckende Moral von der Geschicht’.
Anna Maria Wünsch, Mateusz Ługowski. Foto: © Christina Iberl
Der Sprache merkt man die Quelle an, aus der sie sich speist. Aber das passt zur pointierten Vehemenz der Musik, die sich vieler Quellen bedient und daraus souverän etwas Eigenes macht. Dank der präzisen Verve, mit der Killian Farrell und die Hofkapelle diese Musik zum Klingen bringen und die Protagonisten und den Chor zu Wort kommen lassen, findet man sich schnell in den Duktus von Sprache und Musik. Dazu kommt der Wechsel zwischen den Stilen, mit denen Schnittke souverän spielt. Die rezitativischen Gesänge à la Heinrich Schütz oder das Choralartige von Bach korrespondieren mit dem Jahrhundert des Volksbuches, Anklänge an Unterhaltungsmusik oder Tangorhythmen eher mit der Gegenwart. Bei der mitunter im fragmentarisch Sparsamen, auch Spröden verharrende Musik wirken die von Farrell und Regisseurin Eva-Maria Höckmayr eingefügten Passagen aus Schnittkes Konzert für Viola und Orchester eingefügten Passagen wie ein emotionales Bindemittel. Anna Maria Wünsch ist mit ihrem Instrument und im üppigen Gewand zugleich die Helena von Troja. Die so entstandene Meininger Fassung jedenfalls funktioniert. Tobias Glagau führt als Erzähler souverän durch die Geschichte. Mateusz Ługowski ist ein überzeugender Titelheld. Den Teufel gibt es gleich zweimal in Gestalt von Counter Meili Li als Mephostophiles als männlicher und der von Mezzosopranistin Abongile Fumba als Mephostohila als weiblicher Teufelsvariante. Beide tragen ihre hautengen Latexanzüge mit Würde. Da geht es ihnen wie Fausten mit seinem transparenten Leichenhemdchen … Dafür dürfen die drei Grafen, obgleich nur Randfiguren, mit barocker Haar- und Kleiderpracht auftrumpfen.
Den von Roman David Rothenaicher bestens einstudierten Chor hat Kostümbildnerin Julia Rösler zunächst mittelalterlich kostümiert. Am Ende kommt er in Gegenwartskleidung auf die Bühne. Aus der hat Michele Taborelli einen eher abstrakten Raum gemacht, durch den mitunter etwas Theaternebel wallt. Oder das eingeblendete Video eines Aufgebahrten an einen Anatomiesaal oder die Pathologie erinnert. Den Meiningern ist mit ihrer ersten Opernpremiere ein musikalischer und szenischer Wurf gelungen, der entsprechend bejubelt wurde.
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