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David Soares und Ensemble. Foto: Carlos Quezada.

David Soares und Ensemble. Foto: Carlos Quezada.

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Getanzt für alle Zeiten – „Nurejew“ an der Deutschen Oper Berlin

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Die Deutsche Oper bietet mit „Nurejew“ einen spektakulär getanzten Ballettabend und ein Stück Ballett- und Zeitgeschichte.

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Ein Ballettabend, der bewegt – das klingt nach Kalauer. In diesem Falle ist es aber so. Weil „Nurejew“ oben drübersteht und eine Hommage der besonderen Art an den Ausnahmetänzer Rudolf Nurejew (1938–1993) drin ist. Was hier an der Deutschen Oper in einer schnell komplett ausverkauften Vorstellungsserie geboten wird, ist nicht nur großartiger Tanz, sondern choreografierte Geschichte. 

Den ganz großen Rahmen deuten die Herrscherporträts an, die im luxuriösen Tanzsaal den Kirill Serebrennikov für seine Inszenierung des von Yuri Possokhov choreografierten Abends ein paar mal ausgetauscht werden. Erst hängt da der Zar, dann Lenin, gefolgt von Stalin und schließlich Chruschtschow, der bis 1964 Parteichef blieb. Da hatte sich Nurejew längst gegen angepasste Unterordnung entschieden und 1961 bei einem Gastspiel in Paris geblieben. Von da aus startete er zu seiner Weltkarriere durch.

Ein Lebens- und Perspektivenwechsel, den auch Serebrennikov ein paar Jahrzehnte, und mehrere weitere Wechsel im Kreml später, erlebt hat. Seine künstlerische Kreativität wurde vom Regime zunehmend auch politisch als Aufmüpfigkeit wahrgenommen. Zudem kollidierten offen schwul lebende Künstler wie er mit einer immer mehr von liberaler Offenheit abdriftenden klerikal reaktionären Staatsraison, die man gegen die „Dekadenz“ des liberalen Westens in Stellung brachte. In Moskau hatte er mit seinem Gogol-Theater ab 2012 einem rebellisch subversiven Geist eine Bühne geboten. 2017 wurde er verhaftet, unter Hausarrest gestellt. Trotzdem arbeitete er unverdrossen weiter. Nachdem er 2020 zu drei Jahren bedingter Haft verurteilt worden war, konnte er im April 2022 Russland schließlich verlassen. Im Westen hat er sich mit erfolgreichen Arbeiten in Zürich, Wien, Paris oder Berlin gleich in die Spitzenriege der Theater- und  Opernregisseure eingereiht.

2017 war in Moskau immerhin noch die Uraufführung des „Nurejew“-Balletts möglich, das natürlich auch das Thema Homosexualität nicht ausgrenzte. Mit der Verschärfung der Anti-LGBTQ-Gesetze 2022 verschwand das Ballett vom Spielplan. Das veränderte innen- und kulturpolitische Klima in Putins Russland mit seinen absurden homophoben Ausfällen und Gesetzen schlug so durch. Wenn heute viele russische Künstler das kulturelle Leben im Westen (dauerhafter, als sie ursprünglich wollten) bereichern, ist das zwar ein Gewinn für die kulturelle Vielfalt im Westen, vor allem aber ist es zugleich ein Verlust für die Russen selbst. Auch im Ballett, das der Biographie Nurejews folgt, wird das nach seiner Flucht in den Westen einmal ausdrücklich thematisiert und gilt leider immer noch, bzw. wieder.

Serebrennikov hat der Biographie einen Rahmen gegeben. Er lässt die beiden Auktionen aus dem Jahr 1995 in New York und London, in denen Nurejews erheblicher Besitz versteigert wurde, nachspielen. Das illustre, extravagante Bieterpublikum wird von ehemaligen Berliner Tänzern verkörpert, die bei jedem Zuschlag ihren kleinen Auftritt der Begeisterung haben. Dabei werden die Erinnerungsstücke zum Ausgangspunkt für episodische Rückblenden, die dann natürlich getanzt werden. Als Auktionator schwingt der US-amerikanische Schauspieler Odin Lund Biron mit flotter, mal englischer, mal französischer oder russischer Zunge den Auktionshammer.

Der Staatsballett-Intendanten Christian Spuck hat die Choreographie von 2017 mit den Tänzern seines Balletts neu einstudieren lassen. Ilya Demutskys Musik spielt bemerkenswert instinktsicher mit dem Genre und seiner Geschichte. Es ist ein Ritt durch die Ballettmusikgeschichte, aber doch so maßgeschneidert auf den Helden zugeschnitten, dass sie auch ein eigenes Charisma entfaltet. Dominic Limburg hat das Orchester und Vocalconsort so im Griff, dass sich auch die gesungenen Beiträge von Mezzosopranistin Aleksandra Meteleva, Bariton Navasard Hakobyan und Countertenor Iwan Borodin organisch einfügen.

Natürlich geht es in den auf zwei Akte verteilten elf Bildern um Nurejews Vorbilder und Schüler, seine Anfänge als Tänzer in Russland, den Sprung in die Freiheit und die Faszination des freien Lebens mit den Drag Queens in Paris, seine große Liebe Eric Bruhn (Martin ten Kortenaar), um Briefauszüge und getanzte Erinnerungen, die berühren. Wir erleben aber auch den Perfektionisten Nurejew als ungeduldigen Choreografen und Exzentriker.

Zu einer packenden Nummer wird natürlich die legendäre Fotosession bei Richard Avedon, bei der David Soares mit lässiger Nonchalance ein Duett des Nackmodells Nurejew mit seinem Pelzmantel hinlegt. Eins der Bilder ist mit Le Roi Soleil überschrieben und zeigt ihn in der opulenten Ausstattung des Sonnenkönigs. Mit entsprechendem Hofstaat drumherum. Am Ende wird der schon todkranke Nurejew auch in Berlin ans Pult des Orchesters treten und dirigieren.

Natürlich ist David Soares keine Reinkarnation Nurejews. Wie auch. Aber der Brasilianer war schon 2017 bei der Moskauer Uraufführung dabei – er hat sich 2022 wie das Vorbild seiner Figur und der Regisseur entschlossen, Russland zu verlassen. Kann gut sein, dass auch daraus ein Teil einer ganz eigenen Authentizität erwächst, mit der er sich die Figur anverwandelt, ohne sie zu imitieren. Abgesehen davon sind seine tänzerische Präzision und Kondition atemberaubend. Fürs Publikum. Keineswegs für ihn, denn er muss Souveränität und Perfektionismus nicht behaupten, sondern verkörpert sie.

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