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Orlando an der Komischen Oper Berlin. Foto: Jan Windszus Photography

Orlando an der Komischen Oper Berlin. Foto: Jan Windszus Photography

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Im Klangwunderland – Olga Neuwirths „Orlando“ an der Komischen Oper Berlin

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Es ist ein ziemlicher Brocken, den die Komische Oper jetzt gestemmt hat. Schon, weil es neben der Erfolgsspur ihrer sonstigen Spielplanangebote liegt: die deutsche Erstaufführung von Olga Neuwirths Oper „Orlando“, die vor sieben Jahren an der Wiener Staatsoper uraufgeführt wurde. In Hamburg gehörte Neuwirths neueste Oper „Monster’s Paradise“ zu dem Premieren-Eröffnungsfeuerwerk, mit dem Tobias Kratzer seine Intendanz begonnen hat. Dafür steuerte Elfriede Jelinek das Libretto zur Komposition bei (oder umgekehrt). Für „Orlando“ hatten die Komponistin selbst und Catherine Filloux auf den gleichnamigen Roman von Virginia Woolf zurückgegriffen und dessen Zeithorizont (der im Erscheinungsjahr 1928 endet) bis in die Gegenwart erweitert.

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Es geht um eine Zeitreise des Titelhelden, der zur Titelheldin mutiert. Nicht per Selbstbekundung, wie heutzutage und hierzulande möglich. Sondern nach einem geheimnisvollen Tiefschlaf, in den der junge Dichter (irgendwann Anfang des 17. Jahrhunderts) als Mann versinkt, um als Frau wieder zu erwachen und ein paar Jahrhunderte so weiterzuleben.

Das Ganze wird als „fiktive musikalische Biographie“ bezeichnet. Für die deutsche Erstaufführung in Berlin setzt die Komische Oper noch eins drauf und macht daraus „The ultimate queer Sci-Fi hybrid Grand opéra!“. Übersetzen muss man das wohl nicht – der superdiverse Dresscode des Premierenpublikums genügt als Erläuterung. Und natürlich der Blick auf das szenische Gewand, das Ewelina Marciniak (Regie), Mirek Kacz­marek (Bühne), Julia Kornacka (Kostüme) und Agnieszka Kryst (Choreografie) dieser Erstaufführung geschneidert haben.

Wobei die Bühne auf den klassischen Guckkasten baut. Sie ist mit einem englischen Rasenhügel samt Baum gefüllt, der es am Ende nicht aufrecht durch die Zeitreise schafft. Dazu kommen von der Seite hereingeschobene Zimmer mit Schreibtisch für Virginia bzw. Orlando, auch mal einem für einen hochnäsigen Verleger oder ein Podest samt Rockband. Immer bleibt Platz für die zehnköpfige Tänzertruppe. Deren Einsatz ergibt vor allem im ersten Teil des Abends Sinn. Nicht nur, weil damit immer wieder auch kleinere Rollen abgedeckt werden, sondern, weil die phantasievolle Choreographie wie aus dem untergründig pulsenden Rhythmus der Musik entspringt, ihn damit sichtbar macht und in die episodisch aufgefädelte Zeitreise hineinzieht.

Im zweiten Teil gelingt das nicht ganz so. Der beginnt schon in der Pause. Da flimmern Filmsequenzen aus den Schlachten des Ersten Weltkrieges über den Vorhang. Auch hier führen Narrator Alma Sadé, als Wiedergängerin von Virginia Woolf, im Dauerdialog mit ihrem Geschöpf Orlando durch die Zeiten.

Dass der Zweite Weltkrieg, mit dem reichlich videopräsenten und zitierten Kriegspremier Winston Churchill quasi als Ikone des Sieges über die Nazi-Barbarei, die Zerstörungen und die Nachkriegszeit mit Wiederaufbau und Wirtschaftswunder quasi im Schnelldurchlauf abgehandelt werden, ist ebensowenig ein wirkliches Problem, wie die Gleichsetzung des Kampfes um eine liberale, offene Gesellschaft mit dem um Gleichberechtigung von Schwulen, Lesben (und allen dazwischen und außerhalb). Der Griff in die Klischeekiste, um das wie eine Show im Käfig voller Narren zu illustrieren, aber schon. Damit werden zwar die (maßvoll aggressiv) aufmarschierenden Baseballschläger-Truppen, Spießbürger und exemplarischen, heteronormativen Perückenträger der Vergangenheit plastisch eingeführt. Damit wird aber nicht nur selbstbewusster Witz mit Irritationszuschlag zu Tage gefördert. Der in der U-Bahn aufgeschnappten Frage eines Männerpärchens, warum die Community wie Vollidioten daherkommen müsse, kann man freilich mit dem Blick ins ESC-Finale dann doch beantworten. Offensichtlich ist eine quotengängige Ästhetik genauso.

Es ist ein angenehm subtiles Detail, wenn das auf diese Zeitreise in unser Jahrhundert mitgenommene Virgina-Woolf-Alter-Ego auf der Bühne über diesen Zirkus, sagen wir mal, leicht verwundert schmunzelt. Vielleicht denkt diese Figur dabei an den Preußenkönig Friedrich II. und seinen Satz, dass jeder nach seiner Facon selig werden solle. Orlando freilich ist zusammen mit ihrem Sohn (bzw. dem von ihr als Frau geborenen Menschen mit eskalierendem Selbstbewusstsein und Emanzipationsdrang) im kämpferischen Selbstbehauptungs-Modus.

Wer sich an die Uraufführung und die szenische Umsetzung der Einspielung eines Violinensolos von Gustav Mahlers in Auschwitz ermordeter Nichte mit der Einblendung von Namen dort Ermordeter erinnert, der wird die zurückhaltend getanzte Einlage jetzt für zu verästelt, gar verschenkt halten. Der auf allen Vieren den Fußboden schrubbende Tänzer freilich erinnerte schon an die Erniedrigungsrituale, zu denen die Nazis Wiener Juden gezwungen haben.

Gegen den musikalisch grundierten Deklarations-Ehrgeiz vor allem im zweiten Teil lässt sich im Prinzip nur wenig einwenden – eine Warnung mehr vor möglichen gesellschaftlichen Rollbacks kann nicht schaden. Dem Abend freilich schadet wie schon in Wien das endlose Episoden-Dauerfeuer – mit einem sinnvoll hergeleiteten Finale hat die Komponistin offenbar ein Problem. Wie schon bei der Uraufführung ist zumindest bei dieser zweiten Inszenierung der Respekt vor der Integrität der Partitur so groß, dass keiner der Machenden strafend dazwischengegangen ist. 

Musikalisch geht der auch als Komponist erfahrene Dirigent Johannes Kalitzke mit dem Orchester der Komischen Oper beherzt zu Sache, lässt den Klangfluten samt ihrer aufspritzenden, kleineren und größeren Schaumkronen aus elektronischen Zuspielungen, Tutti-Schlägen und aparten Zitatspielereien ihre Lauf, bremst sie jedenfalls nicht aus, hält alles zusammen.

So überzeugend Alma Sadé als Erzählerin fungiert, schreitet Ema Nikolovska als Orlando mit imponierender Sicherheit alle vokalen Dimensionen ihrer Rolle aus! Die beiden führen ein Ensemble an, das sich für diese Produktion vehement ins Zeug legt. Herausragend: der Counter Eric Jurenas als Schutzengel, Anna Nekhames als Sasha, Günter Papendell als Shelmerdine bzw. Greene und als Putto der Tölzer Knabenchor Solist Leo Eisenreich. Und natürlich Non-Binary Performer Kevin(a) Taylor als Orlandos (kämpferisches) Kind.

Dieser fordernde Dreistunden-Ausflug ins genderfluide Klangwunderland steht im Schillertheater immerhin ein halbes Dutzend Mal auf dem Programm.

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