Lange nicht gesehen und doch gleich wiedererkannt. Einen „Otello“ von Giuseppe Verdi gab es in Meiningen schon fast 60 Jahre nicht mehr. Der packende Wow-Effekt, den dieser fulminante Opernsturm auch bei der jüngsten Neuinszenierung auslöst, liegt natürlich zuerst an der Musik. Und am Libretto, das Arrigo Boito aus der berühmten Vorlage gemacht hat. Diese Nach-Shakespeare-Oper aus dem Jahr 1887 steht als Meisterwerk ganz oben auf dem Treppchen mit den populärsten Opern-Schmuckstücken des großen Italieners. Der ließ danach nur noch seinen „Falstaff“ folgen. Als Gruß des „Alten“ an das Neue, das die Nachwelt von der Oper erwarten durfte. Jedenfalls meinte man in Meiningen jetzt, Anklänge an jene sonderbar moderne, letzte Shakespeare-Vertonung Verdis zu hören.
„Otello“ am Staatstheater Meiningen. Emma McNairy und Owen Metsileng. Foto: © Christina Iberl
Im Labyrinth der Leidenschaft – Killian Farrell und Hinrich Horstkotte überzeugen mit Verdis „Otello“ in Meiningen
Für die Hofkapelle und ihren GMD ist „Otello“ natürlich Chefsache. Killian Farrell versteht es, den stürmischen Auftakt aus dem Nichts zu entfachen. Er hält aber fokussiert und inspirierend wie er ist, dieses Energieniveau. Zugleich führt er Protagonisten und Chor mit sicherer Hand so durch die aufgewühlt leidenschaftliche Musik, dass alle ihr Potential ausschöpfen können.
Nach Händels „Amadigi di Gaula“ (2021), Bizets „Ivan IV.“ (2023) und Mozarts „Don Giovanni“ 2025 ist jetzt zum vierten Mal Hinrich Horstkotte der Alles-aus-einer-Hand-Regisseur, der auch die Szene zum Ereignis macht. Für das präzise geführte Personal hat er die Kostüme und die Bühne maßgeschneidert. Auch mit „Otello“ gelingt ihm die Balance, mit Verweisen auf das Historische der Vorlagen Opulenz zu bieten und zugleich die Relevanz der Werke aufzuspüren, ohne sie mit ästhetischen Kraftakten zu überschreiben.
Die Bühne ist ein Halbrund, das an eine Festung erinnert, von der aus man bei tobendem Sturm die Rückkehr des Feldherren im heimatlichen Hafen erwartet. Nach dessen bejubelter Ankunft öffnet die sich zu einer Spielfläche, die Innen- und Außenraum zugleich ist. Es ist ein Labyrinth aus Geländern mit einem Foucaultschen Pendel. Das verschwindet, wenn Jago sein teuflisches Intrigen-Uhrwerk in Gang gesetzt hat. An der schwebenden Deckenscheibe hängen dann etliche Exemplare jenes berühmten Taschentuches, das Otellos Fantasie beherrscht und seine Eifersucht zum Kochen bringt.
Grandios ist das Bild des Skandals beim Empfang des Gesandten, bei dem Otello völlig die Fassung verliert. Wir sehen die Szene so, wie sie der verblendete Otello empfindet: Er wird von allen Seiten bedrängt und verspottet, wobei er auch Desdemona in seinem Wahn über ihn lachen sieht.
Dass Jago nicht nur die Eifersucht Otellos geschickt ausnutzt, sondern auch mit den rassistischen Verletzungen spielt, die der erfolgreiche Feldherr bei seinem Aufstieg aushalten musste, wird deutlich, wenn Jago sein Gesicht schwarz färbt, als seine Intrige verfangen hat. Komplementär färbt Otello sein Gesicht weiß, als er dem verhängnisvollen Schein der „Indizien“ für Desdemonas angeblichen Treuebruch erliegt. Auch eine Art, die etwas außer Kontrolle geratene sogenannte Blackfacing-Debatte selbst subtil als Stilmittel der Verdeutlichung zu nutzen. Das gilt auch, wenn sich der junge Südafrikaner Owen Metsileng als Otello (Ensemblemitglied Isaac Lee ist die Zweitbesetzung) vergeblich versucht, in einem verzweifelten Moment seine natürliche Hautfarbe aus dem Gesicht zu wischen. Der Tenor besticht beim Wechsel von einer Chorsolisten-Position an der Oper Hamburg in die Riege der Tenöre für den Verdi-Olymp nicht nur mit den vokalen Ausbrüchen seiner Eifersucht, sondern auch mit einschmeichelndem Timbre in den lyrischen und dann verzweifelten Passagen. Emma McNairy punktet als Desdemona nicht nur mit betörender vokaler und darstellersicherer Präsenz. Sie verfügt hier auch über so viel emanzipiertes Selbstbewusstsein, dass sie versucht, sich gegen die Unterstellungen aktiv zur Wehr zu setzen. Ihre Desdemona hat die Sympathie auf ihrer Seite, auch wenn sie auf Otellos Unverschämtheit mit einer Ohrfeige reagiert.
Natürlich ist Shin Taniguchi als Jago die in jeder Hinsicht überzeugende Kanaille im Stück. In seinem Credo gibt er seine Lust am Zerstören – zumindest uns gegenüber – ja auch zu. Mit schmieriger Geschmeidigkeit, immer die Maske des biederen Ratgebers vor sich hertragend. Taniguchi bleibt diesem wohl finstersten aller Verdi-Bösewichter nichts schuldig. Am Ende schneidet ihm Otello die Kehle durch. Aber so, dass er im Sterben nicht umsinkt und sein höllisches Gelächter noch zu einem Krächzen wird; als Spielmacher des Bösen noch vor dem geschlossenen Vorhang.
Auch der übrige Besetzungszettel belegt, was das Meininger Ensemble draufhat. Garrett Evers ist ein hinreißender Großerjunge-Cassio. Tamta Tarielashvili ist eine Emilia, die ihren Mann Jago von Anfang an durchschaut, sich aber zu spät zum Handeln entschließt. Selcuk Hakan Tiraşoğlu ist mit jedem Ton und jeder Geste der würdige Vertreter des Dogen Ludovico. Tobias Glagau (Roderigo), Mark Hightower (Montano) und Hans Gebhardt (Herold) komplettieren das durchweg überzeugende Protagonistenensemble. Roman David Rothenaicher hat die Chöre und Sebastian Fuhrmann den Kinderchor präzise einstudiert.
Dieser Otello ist ein Schmuckstück, das in jeder Hinsicht ins theaterherzogliche Jubeljahr passt!
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