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Zornfried (UA). Uraufführung von Philipp Krebs nach dem Roman von Jörg-Uwe Albig. Statisterie. © Sylwester Pawliczek

Zornfried (UA). Uraufführung von Philipp Krebs nach dem Roman von Jörg-Uwe Albig. Statisterie. © Sylwester Pawliczek

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Im Reich der dräuenden wabernden Kunstlyrik – Das Staatstheater Kassel stellt mit „Zornfried“ ein spannendes Musiktheaterprojekt zur Diskussion

Vorspann / Teaser

Das Staatstheater Kassel hat bei dem Autor Jörg-Uwe Albig und dem Komponisten Philipp Krebs mit „Zornfried" ein Stück Musiktheater in Auftrag gegeben, dessen brisante Relevanz offensichtlich ist. Der Zufall wollte es, dass es am Tag der zweiten „Zornfried“-Vorstellung in der Interims-Spielstätte spätabends bei Markus Lanz auch um das Problem des journalistischen Umgangs mit der Neuen Rechten und ihren tatsächlichen oder vermeintlichen Plänen für einen Umbau der Gesellschaft ging. Der Wortführer der Correctiv-Recherche saß da neben einer AfD-Politikerin, die an jener berüchtigten Zusammenkunft im November 2023 teilgenommen hatte. Ein paar Massendemonstrationen und Gerichtsurteile zum Thema später, ließ der Moderator weder den einen noch die andere vom Haken, versuchte hartnäckig tatsächlich Gesagtes und vermutlich Gemeintes auseinander zu klamüsern. Mit der wie so oft nur möglichen Melange aus Entlarven, Attackieren oder Denkanregung fürs Publikum als Ergebnis.

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Das passte als Epilog ganz gut zu der von Kerstin Steeb (Regie), Jade J. Boeckh (Bühne), Hanne Lenze-Lauch (Kostüme) und Rosa Wernecke (Video) geschickt die Möglichkeiten der Interims-Spielstätte nutzenden Inszenierung der Musiktheater-Novität. Kapellmeister Viktor Jugović und die Musiker des Staatsorchesters Kassel sowie die dazu engagierten Gäste Thilo Ruck (Gitarre) und Felix Nagl (Synthesizer) lieferten hinter der Spielfläche den akustisch gut dosierten Sound dazu. Eine Kammermusikformation bekam einmal den Platz auf dem runden Spielpodest in der Mitte der Spielfläche vor der Tribüne auf der wieder genutzten Drehscheibe.

Auf dem Podest zunächst noch ohne Musik und im Stil eines dokumentarischen Reality-Theaters eine vom tatsächlichen Intendanten Florian Lutz als er selbst moderierte Stuhlkreis-Expertenrunde zu einer Ausgrabung neben der Interimsspielstätte, der Rolle von Geschichte und des Theaters. Samt eingezäunter Beleg-Steine in der Tiefe, versteht sich. Das Orchester ist da noch durch eine Transparentwand mit dem Spruch DIE TOTEN SINDS IN DENEN LEBEN WOHNT verdeckt. Nach mitinszenierten Buhrufen aus dem Publikum zu den vorhersehbaren Sprechblasen aus der Runde stürmen junge Männer mit nacktem Oberkörper die Bühne. Das W auf ihrer Haut und dann auf diversen Fahnen (erfahren wir später) kann für Wir, Wachsam, Widerstand, Waffen, Wölfe oder Waldgänger stehen.

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Zornfried (UA). Uraufführung von Philipp Krebs nach dem Roman von Jörg-Uwe Albig. Filippo Bettoschi (Storm Linnè), © Sylwester Pawliczek

Zornfried (UA). Uraufführung von Philipp Krebs nach dem Roman von Jörg-Uwe Albig. Filippo Bettoschi (Storm Linnè), © Sylwester Pawliczek

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Von da an begleiten wir den Journalisten Jan Brock (mit abnehmender Distanz: Schauspieler Aljoscha Langel als Sprechrolle) und die zeitweise dazu stoßenden Influencerin Jenny Zerwien (mit ausgestellter Naivität: Annabelle Kern) auf ihrer Exkursion zur Burg Zornfried, ins Reich der dräuenden Wortfinsternis einer wabernden Kunstlyrik und Waldmetaphorik. Die W-Bubis und blondbezopften Maiden für die gilt „Denn die da folgen, müssen nicht begreifen“, leben im Banne des lyrischen Raunens ihres mönchshaften Dichter-Gurus Storm Linné (weihevoll getragen: Filippo Bettoschi) unter dem Kommando von Wilhelmine Freifrau von Schierling (eloquent und entschieden: Maren Engelhardt) und ihres arischen Blondies Matzek (aalglatt und präsent: Johannes Strauß). Mit Waldausflug und Tafelrunde. Und jeder Menge sozusagen kontrafaktischer, neurechter Blut-und-Boden-Lyrik. Brock wird dorthin für eine Homestory eingeladen – und folgt ihr. Wobei abnehmende Distanz seinen anfänglichen Enthüllungsehrgeiz schwinden lässt.

Nur selten überblendet mal realpolitische Sprache plakativ (à la Lisa Eckert) den kontrafaktischen Lyriksound, der uns aus dem deutschen Wald entgegenschallt.

Etwa, wenn Brock auf Matzeks Imbiss-Angebot aus Couscous vom Ziegenlamm mit Runkelrüben-Haschee kontert: „Auf dem Obersalzberg hätte es so was aber nicht gegeben.“ Oder, wenn Frau von Schierling auf die Frage von Zerwin „Warum der Weg in den Wald?“ erwidert: „Laufen Sie doch mal durch Kassel. Einfach nur quer durch die Nordstadt. Dann wissen Sie schon die Antwort.“ Einmal wird es überdirekt. Da sagt Blondi Matzek in griffigem Alternativ-Sprech zu Brock: „Wenn Ihre Regierung die Grenzen aufmacht und dort eine Lüge mehr gilt als Papiere, dann können wir das zurzeit noch nicht ändern. Doch hier auf Burg Zornfried gilt noch das Recht. Und das ist eindeutig auf unserer Seite.“

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Maren Engelhardt (Wilhelmine Freifrau von Schierling), Johannes Strauß (Matzek) und Statisterie, © Sylwester Pawliczek

Maren Engelhardt (Wilhelmine Freifrau von Schierling), Johannes Strauß (Matzek) und Statisterie, © Sylwester Pawliczek

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Ansonsten verkündet die Freifrau „Leben will Herrschaft. Natur will Hierarchie. Das spürt man im Wald.“ Was das für sie heißt, kommt dann wie aus dem verbalen Flammenwerfer:

„Und wenn auch brunst-geschmeiß und vieh die kirchen fluten
Wenn hass aufs eigne schrill vor den altären klingt
Wenn üble priester mann und mann vermählen
Und grauser chor der massen herrschaft singt
So bleibt uns doch der größte dom von allen
Wo wahrhaft frommer sang durch kuppeln hallt
Wo licht durch säulen bricht und ornamente
So bleibt uns doch der ewig deutsche wald.“

Klingt am Ende wie „die heilige deutsche Kunst“ am Schluss von Wagners „Meistersingern“. Und soll es wohl auch. Es ist keine optische Täuschung, wenn die Freifrau im Video für Momente die Gestalt mit Alice W. tauscht und die wie ein verirrtes Original durchs Waldvideo huscht.

Wenn am Ende der Dichter-Guru auf die Gurke kommt, sprich den Verstand verliert und die Gurke im Sterben zu einer Art Gral stilisiert, mag man diese surreale Pointe als Hoffnung dafür nehmen, dass die zelebrierte Kunst das bleibt, was sie ist.

In Kassel haben sie damit von den Diskursen und Sprachbildern der Gegenwart aus eine kontrafaktische Dichtung und Musik rekonstruiert und das Resultat zum Menetekel von (nur) einer Version der realen Zukunft gemacht. Das ist des Pudels Kern. Dem haben Autor und Librettist mit Raffinesse nachgedichtet, so wie der Komponist nachkomponiert. Mit einem verfremdet romantisierenden Orchestersound und ironisch tümelnder Melodik, die so hätten werden können. Sie haben das Instrumentarium der Moderne bewusst eingesetzt, um genau die zu verleugnen. Das muss man erstmal hinkriegen. Nicht ganz so emotional aufgeladen und sofort verführerisch wie „Der morgige Tag“ im Musical „Cabaret“. Aber schon so ähnlich. Die Kunst ist, die Verführung der Verführung zu zeigen, ohne aus Versehen selbst der Verführung zu erliegen. Ob so etwas dem Jan Brock im Stück tatsächlich passiert, mag am Ende jeder selbst entscheiden.

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