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Hamburgische Staatsoper: „Macbeth“ (Gabriel Boettcher, Kartal Karagedik und Nino Machaidze. Foto: © Monika Rittershaus

Hamburgische Staatsoper: „Macbeth“ (Gabriel Boettcher, Kartal Karagedik und Nino Machaidze. Foto: © Monika Rittershaus

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Klimawandel in der Hölle – Tobias Kratzers „Macbeth“ von Giuseppe Verdi in Hamburg enttäuscht

Vorspann / Teaser

Tobias Kratzer bleibt mit seiner „Macbeth“-Inszenierung in Hamburg hinter den Erwartungen, die man mit seinen Inszenierungen verbindet, zurück.

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Überraschen wollte er, so hatte es Tobias Kratzer, der Intendant der Hamburger Oper und einer der gefragtesten Regisseure, angekündigt. Für die Eröffnung der zweiten Spielzeit seiner Intendanz hatte er mal keine Uraufführung oder Ausgrabung, sondern einen nahezu von selbst und meistens gut laufenden Repertoirerenner aufs Programm gesetzt: „Macbeth“ eine von Verdis Shakespeare folgenden Opern. Diese exemplarische Studie, die ein Ehepaar dabei begleitet, wie es mit skrupellosem Ehrgeiz nach der Macht greift, dabei über Leichen geht und sich am Ende selbst vernichtet, ist das Musterexemplar eines Opernthrillers. Hier kommt die Hölle selbst zu Wort. Hier ist die Frau, die ihren Mann dazu verführt, den Königsmord zu denken und dann auszuführen: ein seltsam verquerer Fall von weiblicher Selbstermächtigung. Damit und mit den daraus folgenden Morden zeigt sich aber auch, wie das Maß, das ein Mensch aushalten kann, überschritten wird. Sie rafft der Wahnsinn hinweg und ihn die Rache für seine Opfer. Ob die neuen, legitimen Herren dann besser sind als der Thronräuber, ist eine der Fragen, die man sich am Ende jeder „Macbeth“-Inszenierung im Jubel für den neuen König getrost stellen darf. Die Jahrhunderte, die auf den Tod des Ehepaares Macbeth folgen, liefern Belege für beide Optionen.

Hier kommt die Hölle selbst zu Wort

Überrascht hat Kratzer mit seiner Regie zu der wie immer Rainer Sellmaier die Ausstattung beigesteuert hat, tatsächlich. Aber anders als man es sich von diesem fantasievoll scharfsinnigen Regisseur erwarten durfte. Das werbende Plakat mit dem splitternackten Mann, der offensichtlich nächtens auf einen Baum im Wald von Birnam geflohen ist, führt in die Irre. Alle wirklich sinnlich zündende Metaphorik bleibt dieser Inszenierung jedenfalls fremd. Es gehört zu den Qualitätsmerkmalen von Kratzer-Inszenierungen, dass sich deren Ästhetik immer wieder neu erfindet. Dazu mag auch eine Vollbremsung in Sachen Opulenz gehören oder die konsequente Reduktion. Aber damit so übertreiben, wie jetzt, hätten sie nicht müssen.

Hier herrscht von Anfang an metaphorische Dunkelheit. Eine das Publikum blendende Lichterreihe an der Rampe lässt die bei Szenenwechseln für Sekunden verschwinden. Der Einheitsbühnenraum ist dunkel ausgeschlagen. Fünf Sitzreihen für den Chor grenzen die Spielfläche ein. Für die genügen Teppich, Matratze, Stuhl, Spiegel und Kinderspielzeug als Interieur für Innenräume. Ein paar dürre Baumattrappen und etwas Nebel markieren den Wald. Dazu gibt es als einzigen Großeffekt einen rieselnden Regen als Gruß aus der Hölle. Klimawandel auch dort.

Ansonsten wirkt das Ganze eher wie eine Studie über diese Oper. Der Chor kommt dabei einerseits zu (Hexen-) Wort als Projektion der Machtambitionen des Ehepaares; er ist zugleich Beobachter des Kammerspiels, das dem Mabethhaften in den Gegenwartsmenschen von heute nachspürt. Oder nachzuspüren versucht bzw. vorgibt.

Was sich wie ein schlüssiges Programm liest, gerät in der szenischen Umsetzung (bei Kratzer verblüffend) oft zu sehr in die Nähe des Banalen. Vater, Mutter und ein hinzugefügtes Kind spielen abends auf dem Teppich mit Spielzeugautos. Die Eltern sind von Berufs wegen Königs- und Massenmörder. Quasi die historischen Heydrich-Prototypen? Aber so weit sieht man nicht. Alles bleibt so abstrakt und auf die Personenregie beschränkt, dass man sich auch in einem Seminar für angehende Regisseure wähnen könnte, bei dem das Wechselspiel von Chor und Protagonisten auf dem Programm steht. Dabei überzeugt vor allem der (offensichtlich auch choreografisch) höchst beweglich von Alice Meregaglia einstudierte, meist dunkel verhüllte Staatsopernchor vor allem darstellerisch als Protagonist eigenen Rechts.

Die originellste Idee der Inszenierung ist noch jene Prophezeiung, die Macbeth und seine Frau sich sozusagen selbst, aus den Kehlen ihrer Doubles machen. Und die kontrafaktische Vision, in der Macbeth und sein vertrauter Freund Banco mit Wohlgefallen dem Spiel ihrer Kinder zusehen und den auch noch lebenden König Duncan begrüßen. Damit träumt sich Macbeth allerdings für Momente nicht nur aus dem Verhängnis seiner Taten, sondern gleich ganz aus dem Stück.

Natürlich kann man auch die berühmte Bankettszene mit der Erscheinung des ermordeten Freundes Banco wegsparen. Aber sie damit zu ersetzen, dass der sich einfach in die Reihe der Gäste einreiht, die vom Herrscherpaar begrüßt werden, ist ein dürrer Ersatz. Und beim großen „Patria oppressa“-Chor der Flüchtlinge, der das unterdrückte Vaterland beklagt, und allemal als emotionaler Höhepunkt einer „Macbeth“-Inszenierung taugt, erkennt man zwar die Absicht, aber ist über die verpuffte Wirkung verblüfft. Alle sind hier zu Boden gegangen und singen im Liegen. Potentielle Opfer in der Stellung von Leichenbergen, das sticht die appellierende Rampenformation jedenfalls nicht aus. Wenn dann aber der Tyrannenmörder Macduff am Ende auch dem auftauchenden Sohn von Macbeth vorsorglich die Kehle durchschneidet und der ebenfalls aus dem Exil zurückkehrende Sohn Bancos dem neuen König Malcolm (Colin Aikins) allem Anschein nach das Fürchten lehrt, dann ist das eher der Verweis auf die nächste Runde der „Macbeth“-Annäherung, bei der es um die Analyse von Mechanismen der Macht gehen könnte. Kurzum, den herbeigesehnten Kratzer-Überraschungsmoment im Verlaufe des Abends gibt es diesmal (anders als in seiner Münchner „Walküre“ mit dem dritten Aufzug) nicht. Die Überraschung bleibt, dass es sie nicht gibt.

Die musikalische Seite des Abends ist überwiegend solide. Kartal Karagedik ist ein solider Macbeth, Nino Machaidze müht sich redlich um den Übergang von der Ehefrau zur Furie. Alexander Vinogradov ist der prägnante Banco, Dovlet Nurgeldiyev nutzt die Klage um seine Familie, um Macduff erkennbar zu profilieren. Dirigent Tomáš Hanus und das Philharmonische Staatsorchester liefern und begleiten eher, als dass sie sich mit Verve gegen die Inszenierung stellen und sich für Verdi ins Getümmel werfen würden. Insgesamt wird aber die musikalische Seite des Abends vom Publikum einhellig bejubelt. Fürs Regieteam mischen sich deutliche Buhs unter den Beifall. Es lässt sich offenbar tatsächlich lieber wirklich überraschen.

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