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Der Hase mit den Bernsteinaugen, Oper Leipzig. Foto: Tom Schulze

Der Hase mit den Bernsteinaugen, Oper Leipzig. Foto: Tom Schulze

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Manchmal bleiben nur die kleinen Dinge

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Der Musikalischen Komödie in Leipzig gelingt eine grandiose deutsche Erstaufführung des Musicals „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ über die Geschichte einer jüdischen Familie

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 „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ ist ein 2019 in Linz uraufgeführtes Musical, dessen deutsche Erstaufführung jetzt in der Musikalischen Komödie in Leipzig zu Recht bejubelt wurde. Denn die Musik, die Thomas Zaufke komponiert hat, reißt ebenso mit wie die gut gebaute Story als solche packt. Es ist eine Familiensaga der besonderen Art. Der titelgebende Hase ist eine japanische Schnitzfigur, die eine jüdische Familie über mehrere Generationen durch die Höhen und Tiefen ihrer Geschichte begleitet hat. Im 19. Jahrhundert, als die Familie Ephrussi, die in Odessa mit Getreidehandel zu Wohlstand gekommen war, zu einer sagenhaft reichen Bankiersfamilie in Wien und Paris aufsteigt, gehört der in eine Sammlung von 264 solcher Preziosen. Die legt sich der als Kunstmäzen der Pariser Malerprominenz geschätzte, aber als Jude gleichwohl verachtete Charles  (Jannik Harneit) zu und schickt sie später seinem Cousin Victor (Rob Pelzer) als Hochzeitsgeschenk ins prächtige (als Bau immer noch existierende) Ringstraßen-Palais Ephrussi nach Wien. Hier ist dessen Gattin Emmy (Olivia Delauré) ein mondänes Glanzlicht der Gesellschaft (à la Klimt-Modell Adele Bloch-Bauer). Hier verspekuliert sich Victor in seinem Anpassungseifer mit den Kriegsanleihen im ersten Weltkrieg und überhört die Stimmungsmache des notorischen Antisemiten Karl Lueger. Hier wütet dann der Nazi Mob, erzwingt „Verkauf“ von Bank und Palais und vertreibt die Ephrussis aus ihrer Heimat. Emmy begeht 1938 im slowakischen Exil Selbstmord; auch Victor stirbt 1945 in England. Deren Tochter Elisabeth (Nora Lentner) inzwischen Anwältin und nach Holland verheiratet, rettete ihre Eltern zwar vor dem direkten mörderischen Zugriff der Nazis, scheiterte aber nach dem Krieg mit ihrem Kampf um die Rückgabe ihres Eigentums an den pathologischen Gedächtnislücken der Wiener Bürokratie, die da leider nichts machen kann, weil man ja verkauft habe. Die Sammlung der Schnitzfiguren aber hat die Zofe Anna (Manja Stein) vor den Nazis gerettet. Elisabeths Bruder Iggie (Michael Raschle) wird sie in Tokio zusammen mit seinem Lebenspartner bis zu dessen Tod hüten und dann Elisabeths Enkel, seinem Großneffen Edmund de Waal (Christof Messner), vererben.

Mit dieser Erbschaft, die den in London mit seiner Familie lebenden Keramiker wie aus heiterem Himmel trifft, beginnt die Handlung. Das zunächst ungewollte Erbstück wird nicht nur zu einem Gruß aus der Vergangenheit der einstmals reichen Familie, sondern zum Auslöser für ihn, diese Geschichte zu ergründen. Es ist genau dieser (reale Keramiker) Edmund de Waal, der sich dieser historischen Mission annimmt, die Familiengeschichte recherchiert und zu einem Bestseller verdichtet. Der wiederum ist die Vorlage für das bravourös gelungene Libretto von Henry Mason, der zugleich Regie geführt hat und bei dem der Autor der Vorlage mit seinem Klarnamen zum Reiseleiter in die Vergangenheit und Gesprächspartner seiner Vorfahren wird. Mehr Authentizität geht kaum. Daraus aber eine in sich stimmige, opulente und obendrein hochpolitische Reise in die Vergangenheit zu machen, das reiht dieses Musical auf Anhieb unter die Beispiele des Genres (wie „Cabaret“ oder „The Producers“) ein, denen das auch schon gelungen ist.

Musikalisch mit abwechslungsreichen und klug verarbeiteten Anspielungen und zeitgeistigen Anleihen ausgestattet, ist es keine Familienfestschrift. So faszinierend die Charaktere im Einzelnen sind, haben sie auch ihre Schattenseiten. Da brüskiert einer die Pariser Gesellschaft mit einer Beziehung zu einer verheirateten Frau. Oder ein anderer brennt mit der Geliebten des Vaters durch. Vom bewussten Übersehen der antisemitischen Feindseligkeiten ganz abgesehen. All das ist ohne Peinlichkeiten oder Besserwisserei ausgesprochen stilsicher gemacht und szenisch umgesetzt. Das gilt auch für die Opulenz, mit der Ausstatter Jan Meier die Pariser Boheme aus dem 19. Jahrhundert oder den Wiener Salonluxus des beginnenden 20. Jahrhunderts auf die ansonsten angenehm nüchterne Spielfläche mit Projektionswand im Hintergrund zaubert. Aber auch für das düstere Nebelgrau des Exils oder den flott choreografierten bürokratischen Abwehrkampf gegen die Klage auf Rückgabe . Michael Nündel beweist die Kompetenz des Orchesters der Musikalischen Komödie für die zündende Umsetzung der überarbeiteten Orchestrierung. In Leipzig steht damit ein Musical Schmuckstück auf dem Programm, das man nicht versäumen sollte. Und das es verdient, nachgespielt zu werden. Gerade heute.

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