Mit diesem „Rheingold“ ist dem Intendanten der Salzburger Osterfestspiele Nikolaus Bachler ein Coup mit Nachwirkung gelungen.
Jess Dandy (Floßhilde), Louise Foor (Woglinde) © Frol Podlesnyi
Postapokalyptischer Anfang – Das „Rheingold“ in Salzburg
Richard Wagners „Rheingold“ als besonderes Osterei für Wagner-Aficionados? Das gab es heuer zeitgleich sogar doppelt: Als separates Schmankerl mit einer speziell geschaffenen Bilderwelt von Malerfürst Markus Lüpertz in Meiningen. Und als Auftakt eines ehrgeizigen Ringprojektes der Osterfestspiele in Salzburg. Abgesehen von ihrem Urheber haben die beiden sogar ganz direkt etwas miteinander zu tun. Kirill Petrenko, der jetzt in Salzburg gefeiert wurde, stand vor 25 Jahren in Meiningen am Pult eines Rings, der an vier aufeinanderfolgenden Tagen mit einem Beweis der Leistungsfähigkeit des deutschen Theatersystems alle Welt verblüffte. Für ihn waren seine Meininger Jahre ein nachhaltiger Karriereschub. Neben der farbenfrohen, eher naiv erzählend illustrierenden Bilderwelt von Lüpertz sorgte jetzt (schon zur Generalprobe) der aktuelle Meininger Orchesterchef Killian Farrell für so einen Petrenko-Effekt. So wie der anfangdreißigjährige Ire zusammen mit einer traumwandlerisch passenden zusammengestellten Protagonistencrew mit einem dramatisch packenden „Rheingold“ faszinierte, gehört die Frage, wann er seinen eigenen Ring schmieden wird, auf den Merkzettel des Kritikers. Auch für Farrell ist Meiningen die bewährte Startrampe – sein Wechsel nach Nürnberg ist ja ausgemachte Sache.
Es ist eine charmante Fußnote der Rezeptionsgeschichte, dass man in Meiningen das von Petrenko in einer Schmiede vor Ort aufgenommene „Schmiedegeklimper“ nachnutzen konnte.
So wie Meiningen ein Synonym für sein Theater ist, ist Salzburg eins für gleich mehrere Edel-Festspiele. Im Sommer fügen sich hier Oper, Theater und Konzerte über einen Monat lang zu den größten und wohl auch besten Festspielen der Welt. Dirigentenlegende Herbert von Karajan hatte 1967 unabhängig davon die Osterfestspiele für seine Berliner Philharmoniker etabliert. Diese Ausflüge in die Oper liefen auch unter seinen Nachfolgern, bis sich die Philharmoniker für 12 Jahre nach Baden-Baden (ver-)locken ließen und andere Orchester ihren Platz einnahmen. Die Sächsische Staatskapelle unter Christian Thielemann gehörte einige Jahre dazu und nutzte ihre Chance.
In diesem Jahr ist Schluss mit diesen Intermezzi – die Berliner Philharmoniker mit ihrem Chef Kirill Petrenko sind zurück. Und das mit einem „Rheingold“, das der Auftakt für einen auf fünf Jahre verteilten kompletten Nibelungen-Ring ist. Dass der Intendant der Osterfestspiele Nikolaus Bachler dieses eben begonnene Ring-Projekt mit dem dazwischen geschobenen „Moses und Aron“ von Arnold Schönberg quasi vom Vier- zum Fünfteiler erweitern und damit in ein eigenes Licht rücken will, gehört zu der Art von dramaturgischer Ambition, die den selbstbewussten Bachler wohl auch als (zumindest Übergangs-)Kandidaten für die gerade frei gewordene Leitung der Sommerfestspiele empfehlen. Just zur „Rheingold“-Premiere hatte sich der Rausschmiss des langjährigen und höchst erfolgreichen Festspielintendanten Markus Hinterhäuser auf die Titel der Zeitungen vor Ort katapultiert. Kopfschütteln weitverbreitet – Lösung offen.
Allein, dass die Berliner wieder zurück in Salzburg sind, ist aber ein allseits gefeierter Coup. Wie sie sich im Graben zurückgemeldet haben, ist eine Sensation.
Dass man für den Salzburger Ring wegen der anstehenden Generalüberholung des Großen Festspielhauses auf die Felsenreitschule ausweichen muss, rückt das Orchester zusätzlich ins Zentrum und sorgt dafür, dass es seine Rolle in durchweg packende Suggestivkraft ummünzen konnte. Hier fließt ein klarer Klangstrom, fasziniert mit detailgenauer Transparenz und der packender Dramatik eines betont zügigen Tempos. Petrenko bleibt deutlich unter den angegebenen zweieinhalb Stunden (so wie Christian Thielemann an der Lindenoper dieses Zeitmaß deutlich überschritt). Es ist pures Vergnügen, den Streichern oder Bläsern im einzelnen und dann dem exzellent gemischten Gesamtklang zu lauschen. Für die Protagonisten ist ein sängerfreundlicher Dirigent wie Petrenko sicher eine Ermutigung, sich auch als Rollenneuling auf die Felsenreitschule einzulassen. Das Archaische dieses Spielortes kommt hier dem Orchester und den Sängern entgegen.
Wobei die vokale Seite nicht ganz so geschlossen überzeugt wie das Orchester. Christian Gerhaher beschränkt sich klugerweise auf den Rheingold-Wotan, den er mit gewohnt klarer Artikulation, aber mehr zweifelnd, als herrisch interpretiert. Leigh Melrose wird als Alberich der ihm hier zugewiesenen Hauptrolle vollauf gerecht. Das gilt auch für Brenton Ryan als wendigen Loge, dessen Rolle durch seinen Begleiter mit rot bemaltem Oberkörper Georgy Kudrenko zusätzlich aufgewertet wird. Catriona Morison verkörpert eine geradezu gefühlvolle Fricka, Le Bu ist der kraftvolle Fasolt, Patrick Guetti sein Bruder Fafner. Abgesehen von den etwas schwächelnden Rheintöchtern profitiert das Protagonistenensemble von Petrenkos Sängersensibilität und schlägt sich gut.
Sarah Brady (Freia) © Frol Podlesnyi
Anders als bei seinem „Parsifal“ (in Wien) und dem „Lohengrin“ in Paris überblendet Kirill Serebrennikov, die Vorlagen nicht mit den Verwerfungen unserer aus den Fugen geratenen Gegenwart oder der näheren Vergangenheit. Auch er nimmt wieder als sein eigener Ausstatter die außergewöhnliche Spielstätte als Steilvorlage für seinen Zugang an. Der Boden wirkt wie erstarrte Lava oder ein ausgetrockneter Fluss. Ein Hügel gefrorenen Wassers hat offenbar die Stelle des Rheingoldes (als wahrer Schatz?) übernommen. Andererseits präsentiert sich Alberich in Nibelheim wie ein exotischer Fürst und die Nibelungen präsentieren den Schatz zum Auslösen von Freia als wär’s eine Schmuckmodenschau. Schon die Rheintöchter waren prachtvoll geschmückt, jede von ihnen brauchte aber zwei Helfer, um sich wie ein surrealer Zentaur fortzubewegen. Beim Einzug der Götter in Walhall werden dann auch sie einfach weggetragen. Zu der eher auf Wirkung, als auf gedankliche Stringenz bedachten Szene gehören neben zusätzlichen und auch doubelnden Darstellern imposante, folkloristische Ausstattungsimporte aus Afrika, tanzende Performer, die sich von Ivan Estegneev und Delavallet Bidiefono passgenau choreografiert bewegen. Über der Szene gibt es auf beweglichen Großbildschirmen Bruchstücke eines in Island gedrehten Films, in dem Alberich einsam und nackt über eine karge Nichtmehr-Landschaft jagt. Die aus der mäandernden Oberfläche ragenden, etwa 30 Pfeilerstümpfe und die provisorischen Laufstege, auf denen die Götter rasten, komplettieren den dominierenden Eindruck einer globale Postapokalypse als Ort des Geschehens. Die Götter sehen in ihren bescheidenen, hellen Gewändern aus wie antike Gelehrte auf der Flucht. Die Riesen und ihre Leute wie die Barbaren von nebenan und Loge wie eine Mischung aus Derwisch und reisendem Gaukler. Der Abstieg nach Nibelheim wird zur temperamentvollen, verblüffend passenden Tanznummer.
Die Bühne bietet jedenfalls zum Petrenko-Klangzauber einiges fürs Auge, gibt aber auch Rätsel auf. Etwa das, wie Serebrennikov aus der nachapokalyptischen Welt zurück in die Sage von deren Untergang finden will. Man darf gespannt sein.
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