In Weimar deutet Dorian Dreher Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ als obsessive Fixierung auf die Mutter – musikalisch ist dem DNT mit dieser ersten Neuinszenierung des Werkes nach über einhundert Jahren ein Coup gelungen.
V.l.n.r.: Corby Welch (Paul), Daniela Köhler (Marietta), hinten: Ensemble. Foto: © Candy Welz
In Weimar deutet Dorian Dreher Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ als obsessive Fixierung auf die Mutter – musikalisch ist dem DNT mit dieser ersten Neuinszenierung des Werkes nach über einhundert Jahren ein Coup gelungen.
Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ ist nach „Werther“ die zweite Inszenierung von Dorian Dreher, seit er als Teil des Intendantentrios in Weimar angetreten ist. Für die Staatskapelle und das Publikum bringt (zumindest) die Premiere zudem eine Wiederbegegnung mit Dominik Beykirch, der sich in Weimar über viele Jahre eine treue Fangemeinde erarbeitet hat. Die Premiere ist der Höhepunkt des neu etablierten (zweiten) „Äquinoktium“. Diesen Begriff für die Tagundnachtgleiche im September und März hat man in Weimar zur Überschrift für ein Minifestival gemacht, zu dem alle Sparten etwas beisteuern.
1920 war die in Hamburg und Köln zeitgleiche Uraufführung der damals schon dritten Oper des gerade mal 23-Jährigen ein doppelter Opernpaukenschlag! Einer, der schon 1922 auch in Weimar (und dann bis heute nie wieder) zu bewundern war. Da konnte es einer offensichtlich mit dem orchestral schwelgerischen Pomp eines Richard Strauss aufnehmen! Wenn man die Musik heute hört, hätte man damals schon den späteren Oscar-Preisträger für Filmmusik im erzwungenen USA-Exil erahnen können.
Korngold gehört zu den jüdischen Komponisten, die vor den Nazis aus dem deutschen Kulturraum (der immer weniger genau das war) flüchten mussten. Auch nach dem Krieg wurde er zunächst nicht mehr gespielt, weil er den neuen Dogmatikern der Moderne nicht „modern“ genug war. Als er 1957 in Los Angeles starb, lagen die Korngold-Renaissance, ja selbst die triumphale Rückkehr seiner „Toten Stadt“ ins Repertoire in weiter Ferne. In diesem Jahrhundert können allein die thüringer Theater in Gera/Altenburg und zuletzt in Meiningen bemerkenswerte Inszenierungen vorweisen.
Im kollektiven Gedächtnis hatten dem genialen Werk die beiden raffiniert platzierten Hits „Glück, das mir verblieb“ und „Mein Sehnen, mein Wähnen“ ein Überleben gesichert. Man hat keine Chance, deren einschmeichelndem, zu Herzen gehenden Reiz zu widerstehen. Natürlich lässt Dominik Beykirch das famose Orchester funkeln und glitzern, nutzt dessen Affinität zum spätromantischen Schwelgen für Korngolds eigene, viele Anspielungen verarbeitende Klangwelt aus, setzt auf den großen Bogen und die emotionalen Wechsel. Von der morbiden Atmosphäre Brügges, in die sich Paul in seiner tiefen Trauer um seine tote Marie verkriecht, hin zur Vitalität der einbrechenden Theatertruppe Mariettas oder den religiösen Chorälen. Musikalisch liefert das Orchester einen Prunkrahmen für so großartige Stimmen, wie die von Startenor Corby Welch als trauerndem Paul und die leidenschaftlich lodernde, großformatige und gefühlvolle Daniela Köhler als Marietta. Trotz ihrer deutlich kleineren Rollen als Pauls Haushälterin Brigitta und seines Freundes Frank liefern Sarah Mehnert und Uwe Schenker-Primus grandiose Rollenporträts. Auch die kleineren Rolle, der von Jens Petereit einstudierte Opernchor und Kinderchor der schola cantorum sind in Hochform und sorgen für ein musikalisch und vokal grandios gelungenen Abend!
V.l.n.r.: Jasper Schönig (Jugendlicher Paul), Daniela Köhler (Marie), Corby Welch (Paul, vorne), Alexander Günther (Graf Albert), Sangmin Jeon (Victorin), Ekaterina Aleksandrova (Lucienne), Uwe Schenker-Primus (Fritz), Adèle Clermont (Juliette). Foto: © Candy Welz
Zur betörenden Musik kommt in diesem Fall der psychologisierende Ehrgeiz des morbid umflorten Sujets. Für den Witwer Paul ist Brügge die Stadt des Todes, in der er sich in der Trauer um seine geliebte Marie so lange vergräbt, bis ihm die lebensfrohe Marietta begegnet, die seiner Marie aufs Haar gleicht. Dass er sie erwürgt, sich dass aber als Traum herausstellt, ist jener Subtext der Geschichte, der für ihn eine Chance auf Rückkehr ins Leben bietet.
Bei Dreher in Weimar hat Paul diese Chance nicht, dafür ein ernsthaftes Problem, das tiefer liegt. Dreher versucht sich als Jünger von Sigmund Freud und macht aus der Trauer um die Geliebte eine krankhafte Fixierung auf die Mutter. Mit allen zum Teil albernen, allzu didaktisch wirkenden (Zwischen-)textkonsequenzen, die das hat. Wenn Paul einmal Mama ruft, muss man glatt an Heintje denken.
Die Bühne von David Hohmann gibt den Blick in ein mit Neonrahmen versehenes Zimmer frei. Möbliert ist es nur mit dem Bild einer Frau mit Laute und einer Kommode für die Haare der Toten. Entscheidend ist die bei Bedarf transparente Rückwand, hinter der dessen mehrfach gestaffelte Kopie zum Raum der Erinnerung wird. Szenisch heißt das zu einem der Illustration. Dort sieht man den jugendlichen Paul und seine Mutter(-fixierung) als Erinnerungsebene. Aber auch die Erinnerung an kirchliche Prozessionen und die Theatertruppe Mariettas. Wenn sich Paul damals wie heute wie von Sinnen im Kreis dreht und schließlich sogar nach seinem hellsichtigen „Ein Traum hat mir den Traum zerstört, ein Traum der bitteren Wirklichkeit den Traum der Phantasie“ bewusst bleibt, wo er ist, dann wird klar, dass für diesen Weimarer Diagnosefall, weder Korngold und schon gar nicht Dreher die richtigen Therapeuten waren. Aber sei’s drum: Eine Herausforderung zu Widerspruch und Nachdenken zum musikalischen Rausch hat ja auch was für sich.
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