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Das Kölner Ensemble UBU mit einer Relaxed Performance. Foto: Niclas Weber

Das Kölner Ensemble UBU mit einer Relaxed Performance. Foto: Niclas Weber

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Raum für Ekstase und unkonventionelle Bewegungen

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Neue Musiktheater-Formate: Relaxed Performances und Ecstatic Dance Performance · Von Joalia Ellwanger
Vorspann / Teaser

In unserer Kulturlandschaft etablieren sich immer wieder neue Formate, anhand derer man Spuren der Zeit ablesen kann. In der zeitgenössischen Musiktheaterszene fallen dabei zwei auf, die gegenwärtig besonders häufig erscheinen: Beide Formate zeichnen sich primär durch ihre Ausrichtung auf das körperliche Befinden der Zuschauer- und Zuhörerschaft aus. Die Rede ist hier von den sogenannten „Relaxed Performances“ und der „Ecstatic (Dance) Performance“, die in Ekstase oder Disco-Atmosphäre übergeht.

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Die inklusive Entspannung

Als Vorläufer der Relaxed Performance gelten seit den späten 2000er-Jahren Filmvorführungen in Großbritannien, die als „autism-friendly“ und „sensory-friendly“ konzipiert wurden. Daraus etablierte sich im Laufe der Zeit die Relaxed Performance. Für 2026 lässt sich eine bislang beispiellose Sichtbarkeit und institutionelle Verbreitung von Relaxed Performances in der deutschen Kulturlandschaft beobachten. Unser Blick soll hier der Szene in NRW gelten, wo verschiedene Ensembles und Initiativen sowie die HfMT in Köln sich dieser Aufführungsart widmen.

Das interdisziplinäre Kölner Ensemble UBU kreierte 2025 die Inszenierung „Mutants in Music III: Dreamteam“ mit Elementen der Relaxed Performance, die seither auch auf dem Orbit Festival Cologne 26 gespielt wurde. Zu den klassischen, hier auch von UBU eingesetzten Elementen dieses Formats gehören Lichteinstellungen, bei denen darauf geachtet wird, dass es nie vollständig dunkel ist, die Reduktion der Lautstärke, ein Ruheraum, der während der Performance aufgesucht werden kann, die Möglichkeit, den Raum jederzeit verlassen zu können und ihn auch vor Beginn der Performance ansehen zu können, ein sogenannter Sensory Guide und weitere inklusive Maßnahmen. Diese sind bei ‚Dreamteam‘ spezifisch konzipiert für ein neurodivergentes Publikum, aber auch für alle neurotypischen Personen. Neurodivergenz ist kein medizinischer Diagnose-Begriff, sondern ein sozialwissenschaftliches und aktivistisches Konzept, das verschiedene neurologische Unterschiede, darunter Autismus-Spektrum, ADHS, Tourette-Syndrom und Dyslexie, nicht als Defizit, sondern als Teil der menschlichen Vielfalt sieht. Eine Maßnahme der Neurodivergenz-Bewegung ist die Anpassung der Umwelt an verschiedene Bedürfnisse. UBU entwickelte die Performance aus einem bereits begonnenen Inszenierungsprozess heraus, der sich inhaltlich passend mit dem Thema ‚Traum‘ befasste. Auffällig ist in der Performance die Verbindung einer anspruchsvollen und intellektuell-ästhetischen Inszenierung mit einem spielerisch-surrealen Traum-Charakter. UBU verweist darauf, dass gerade der Humor für die Performance wichtig ist und eine Wohlfühl-Atmosphäre für das Publikum kreiert. Dieser sorgt spürbar dafür, dass man sich willkommen fühlt und die Distanz zwischen Publikum und Kunstschaffenden sich automatisch verringert, man sich wohlfühlt. Auch die Haptik des Bühnenbildes, das sich teils aus riesigen Kissenformationen zusammensetzt, erschafft eine sensorisch sanfte Optik.

Dynamisch, sportlich

Die Performance enthält dennoch überraschende Elemente und ist durch Kissenschlachten, Tanz und Kostüm dynamisch bis sportlich gestaltet, was das Publikum aber entspannt von Sitzsäcken und Matratzen aus beobachten kann. Da die Performance Zugänglichkeit mit einem hohen künstlerischen Anspruch verbindet, deckt sie verschiedene Interessen und Bedürfnisse ab. Wer vorher wissen will, was auf ihn zukommt, kann sich vor der Performance den „Sensory Guide“ mitnehmen, der Hinweise auf mögliche Plötzlichkeiten und Weiteres enthält. Wer lieber die Überraschung will, lässt den Guide zurück. Einführungsformate der Relaxed Performances können sich stark unterscheiden und unterschiedliche Ansätze verfolgen.

In der Kölner Hochschule für Musik und Tanz erarbeiteten Studierende der Dozentin Corinna Vogel und der Professorin Johanna Risse ein Semester lang in zwei Seminaren das Konzert „Im Garten der flüsternden Klänge“ und ein dazugehöriges Einführungsformat. Die Performance ist für geräuschsensible Menschen konzipiert und eine gewisse Lautstärke wird trotz Saxophon, Piano und klassischem Gesang nicht überschritten.

Das Einführungsformat des Konzerts besteht hier aus verschiedenen Stationen: In einem separaten Raum werden vor Konzertbeginn die Instrumente vorgestellt, damit die Zuhörerschaft vorab genau weiß, welches Instrument welches Geräusch macht. In einem Raum werden zur mentalen Vorbereitung auf das Konzert Entspannungssteine bemalt, außerdem werden Affirmationen auf einen Spiegel geschrieben und es gibt ein Memory-Spiel, das mit den Stücken korrelierende Motive aufweist, sowie einen zweiseitigen Sensory-Guide. In der Performance wird zwischen jedem Wechsel der Instrumente und Stücke zuerst das Thema der Katze aus „Peter und der Wolf“ angespielt, als Vorwarnung an die Zuhörerschaft, dass nun etwas Neues kommen wird.

Nicht jede Maßnahme, die auf mehr Zugänglichkeit zielt, wirkt auf alle gleichermaßen einladend: Während die Möglichkeit zu Bewegung, Rückzug und spontanen Reaktionen eine konkrete Barriere abbaut, können stärker pädagogisch geprägte Elemente wie die Aufforderung, Entspannungssteine zu bemalen oder persönliche Selbst-Affirmationen auf einen Spiegel zu schreiben, ein betreuendes Setting evozieren und Befremden auslösen. Für Teile des Publikums ist das unterstützend, andere fühlen sich dadurch in eine ungewohnte Rolle versetzt, weil sie ein solches als erwachsene Gäste nicht erwarten. Jeder hörempfindliche Mensch freut sich über ein nicht allzu kakophonisches Konzert, aber nicht alle möchten deshalb eine derartige Vorbereitung. Viele besuchen Konzerte dennoch, um sich sinnlich und intellektuell den Reizen auszusetzen, sie wollen dabei nur nicht akustisch attackiert und an ihre Grenzen geführt werden. Eine Performance kann aus sich heraus für viele Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen geeignet sein, wenn das Einladende und Angenehme aus der Performance und der darum kreierten Atmosphäre selbst hervorgeht und Teil der künstlerischen Inszenierung ist.

Eine Gemeinsamkeit der unterschiedlich konzipierten Performances ist, dass sowohl UBU als auch die Studierenden der HfMT im Gespräch Beispiele von Überforderung aus der Neuen Musik nennen, in welcher einige auch den Hang der zeitgenössischen Kunst sehen, Grenzen des Wohlbefindens der Zuhörenden zu überschreiten. Sie beschreiben, dass man sich zuweilen einer Überreizung ausgesetzt fühlt: durch die enorme Dauer von Stücken, atonale Klänge, schwer vorhersehbare Taktstrukturen sowie plötzlich einsetzende enorme Lautstärken. Viele Akteur:innen nannten dies neben dem Anliegen der Inklusion als zusätzliches initiatorisches Bedürfnis für ein einladendes Konzert als Gegenpol. Sie schaffen es dabei dennoch, passende Kompositionen der Neuen Musik dafür fruchtbar zu machen und sie in den künstlerischen Prozess einzuweben.

Die kollektive Ekstase

Eine etwas andere Antwort auf die Frage nach dem körperlichen Konzerterleben geben Ecstatic-Dance-Veranstaltungen und Konzertformate, die sich an Club, Tanz und kollektiver und ritueller Bewegung orientieren. Vorläufer dieses Formats liegen in den körperorientierten Bewegungspraktiken der amerikanischen Gegenkultur seit den 1970er-Jahren. Es ist eine drogen- und alkoholfreie, häufig barfuß praktizierte Tanzveranstaltung ohne festgelegte Bewegungen und mit einem musikalischen Bogen von der Ruhe über die Steigerung in die Ekstase hinein bis zur Beruhigung. Sie dient dem Wohlbefinden und bildet einen Raum, in dem alle auch unkonventionellen Bewegungen erlaubt sind. Elemente dieses Formats werden nach und nach auch in die Musik- und Theaterlandschaft integriert.

Die Ben J. Riepe Kompanie legt im März 2026 in Düsseldorf mit „Holy Shit: A Human Experience“ ebenfalls großen Wert auf den Safe Space und kündigt vorher wichtige Informationen wie den Einsatz von gedämpftem Stroboskop an. Dennoch führt Ben Riepe die Menschen, die diese Performance gemeinsam erleben und mitkreieren, durch kollektive Atemrituale und auftreibende Musik in einen ekstatischen Zustand der Gemeinschaft hinein. Die Eks­tase, wie sie in alten Ritualen zur Erhaltung des seelischen Wohlbefindens kollektiv praktiziert wurde, begegnet hier dem Mangel an körperlichen Sinneserfahrungen der Moderne.

Auch im Bereich der Neuen Musik wird das Ekstatische als Konzertformat erkundet: Das in Hannover agierende treppenhausorchester verbindet mit „DIE TONIGHT – LIVE FOREVER – A Club Opera” Elemente der Neuen Musik mit dem Rauschzustand. An die Stelle eines Konzertsaals tritt der Club, statt der häufig unregelmäßigen Rhythmen der zeitgenössischen Musik werden tanzbare Beats erkennbar, die den Körper in Bewegung versetzen, was in klassischen Konzertformaten beinahe nie geschieht! Die Musiker:innen treiben ihr Publikum an und versetzen es leiblich in einen Groove. Abgesehen von der Barrierearmut, die für die Relaxed Performances zentral ist, zeichnen sich an beiden Formaten verschiedene Umgangsstrategien angesichts der Entfremdung und Schnelllebigkeit unserer Zeit im Allgemeinen ab: Im einen ziehen Zuschauende sich zurück, gestalten einen Schutzraum, in dem sie vor allen Handlungen des Außen gewarnt werden können.

Sie lassen sich gedämpft durch die von der Kunst dargebotenen Sinneswelten führen, nutzen dafür einen Ruheort, um Überforderungen ausweichen zu können, eine Pause zu machen. Im anderen begegnen die Menschen einem haptischen Mangel der Moderne dadurch, dass sie einen konfrontativen Sprung machen, einen körperlich intensiven Erfahrungsraum betreten, der Rausch und Kunst zusammenwebt und in dem sie sich mitreißen lassen und die eigenen Grenzen auflösen.

Allen gemein ist aber, dass immer der Körper mitgedacht wird, ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt werden soll und ein Gegenangebot zum stillsitzenden Konzertbesuch sowie zur körperlichen Überreizung und vorherrschenden Arrhythmie der zeitgenössischen Musik angeboten wird.

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