Hauptbild
Rienzi, der letzte der Tribunen 5. Akt. Andreas Schager (Rienzi), Gabriela Scherer (Irene), Jennifer Holloway (Adriano). Foto: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Rienzi, der letzte der Tribunen 5. Akt. Andreas Schager (Rienzi), Gabriela Scherer (Irene), Jennifer Holloway (Adriano). Foto: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath 

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Seltene Gäste im Festspielhaus – Die Bayreuther Jubiläumsfestspiele haben etwas anders begonnen als üblich

Vorspann / Teaser

Zum Auftakt der Jubiläumsfestspiele ist einiges anders als sonst. Man könnte schon den gut besuchten und populär programmierten, wortreich moderierten und von Pablo Heras-Casado mit Lust dirigierten Open-Air-Vorabend im Park am Fuße des Festspielhauses als eigentliche Eröffnung gelten lassen. Für alle offen und kostenlos – das liegt nicht weit von den Intentionen des Meisters entfernt.

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Am traditionellen Eröffnungstag, dem 25. Juli, waren die Absperrungen für die Auffahrt der Gäste noch restriktiver als in den letzten Jahren. Gegen Söders Kavallerieeinheit Walküre (waches Auge hoch zu Ross) kann man nicht mal was sagen – in den Jahren mit „Ring“ passt das sogar irgendwie. Vom Balkon dann vor 18 Uhr die Meistersinger-Fanfare, obwohl die dazugehörige Oper um 16 Uhr anfangen würde. Passt aber doch, denn Christian Thielemann zauberte mit dem auf der Bühne platzierten Festspielorchester eine Meistersinger-Ouvertüre vom Feinsten aus dem Ärmel und belegte die Souveränität, die dieser Dirigent hier in diesem Haus nicht großartig beweisen muss. Vorher eröffnet Hügelchefin Katharina Wagner mit wohlgesetzten Worten den Festakt. Sie räumte dabei auch die nur mehr von interessierten Medien am Leben gehaltene Irritation um die Einladung von Michel Friedman endgültig und souverän selbstkritisch ab, demonstrierte herzliche Verbundenheit zu Cousine Nike und ließ keinen Zweifel an der politischen Verortung der Festspiele, bei denen unter ihrer Leitung Rassismus, Chauvinismus, Nationalismus und Antisemitismus keinen Platz haben.

Bundeskanzler Friedrich Merz (oder sein Redenschreiber) hatte bei seiner Rede einen guten Tag, mit Thomas Mann an der Seite und einem klaren Wort gegen Cancel Culture – so reflektiert und ohne Ausrutscher würde man den Regierungschef gerne öfter hören. Markus Söder gab den lockeren Lokalpatrioten. Die Wagnerianer hatte er auf seiner Seite, als er betonte, dass Bayreuth eben doch noch etwas besonders ist. Dass er Angela Merkels jahrelange Bemühungen, ihm Wagner näherzubringen, würdigte, war charmant und brachte der Altkanzlerin einen Extrabeifall ein; dass er sein Verhältnis zu Merz mit dem zwischen Ludwig II. und Wilhelm I. verglich, war ein typischer Söder.

Irgendwie passte das Riesenpanorama-Bild im Hintergrund der Bühne dazu. Im Zentrum der junge, von oben beschienene König Ludwig II., blau-weiß und schwarzrotgold umweht, reicht Wagner einen Kelch. Daneben Cosima mit Klein-Siegfried. Hinter ihnen Tietjen, Winifred und deren Verehrer Hitler. Furtwängler und Toscanini mit dem Taktstock in Fechtstellung Richtung Patrice Chéreau. Rechts vom König Enkel Wolfgang. Katharina steht zusammen mit Natalie Stutzman; Simone Young und Oksana Lyniv für geballte Frauenpower von heute. Rechts davon Wieland beim Entrümpeln. Und im Vordergrund mit Birgit Nilsson und Waltraud Meier zwei von vielen Wagner-Heroinen. Gemalt zwischen Realismus und Kitschverdacht – ein Personaltableau mit Nachdenkpotenzial.

Bild
Festakt 2026. Foto: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Festakt 2026. Foto: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath 

Text

Dass Nike Wagner vor diesem Bild, nach dem schmetternden Einzug der Gäste (aus „Tannhäuser“), als Festrede einen originell verdichteten, kaleidoskopischen Blick in Festspielgeschichte warf, hatte einen besonderen Reiz. Nicht nur das demonstrative Einvernehmen mit Katherina, auch ihre Referenz an die ins Exil gegangene Nazigegnerin Friedelind berührten. Auch der Blick auf die Geschichte ihrer Familie (die sie selbst als ein besonderes Theaterstück bezeichnete) hatte Witz. So wie ihre Reflexionen über das absehbare Ende der dynastischen Weiterführung der Festspiele, das sie doch auch zu bedauern scheint, zum Nachdenken anregen sollte.

Dass nach der Pause Beethovens Neunte folgte und den musikalischen Hauptteil des insgesamt überraschend unterhaltsamen Abends bildete, lässt sich durch den Meister und seine Zuneigung zu dieser Sinfonie gut begründen. Und so wie Thielemann das dirigierte, wurde es ein Gesamtkunstwerk-tauglicher Genuss. Mag sein, dass die solistischen Partien nicht überprobt waren und vor allem Sopranistin Elza van den Heever da etwas zu hochdramatisch ausbrach. Aber Christa Mayer, Klaus Florian Vogt und Georg Zeppenfeld konnten als dauerpräsente Publikumslieblinge der Festspiele ihre Haus- und Thielemann-Erfahrung mühelos auf Beethoven ummünzen. Und Thielemann gab den souveränen Klangmagier, der die große Show nicht braucht. Wenn er das erste Auftauchen des Freude-schöner-Götterfunken-Motivs aus einem verdunkelten Piano herauslockt und es langsam aber bestimmt aufblühen lässt und ins Jubeln steigert, dann ist er doch bei einem Miniaturdrama. Eins, das er schließlich in einem furiosen, temporeichen Finale münden lässt. Was natürlich mit Jubel quittiert wird.

Vor der ersten echten Premiere am zweiten Festspieltag gab die durch den Einladungs-Ausladungs-Wiedereinladungsrummel unfreiwillig „beworbene“ Rede von Michel Friedman im Hause des notorischen Antisemiten Wagner. Pointiert und leidenschaftlich, so wie man ihn kennt.

Dann endlich mit „Rienzi“ eines der Frühwerke des Meisters, die nicht zu dem 10er-Kanon zwischen „Fliegendem Holländer“ und „Parsifal“ gehören, dem das Festspielhaus traditions- und satzungsgemäß vorbehalten ist. Und das hier noch nie zu hören war. Also ein vor allem musikalisches Experiment. Festspielchefin Katharina Wagner hat das Werk selbst schon mal inszeniert, auch in Bayreuth gab es „Rienzi“ schon mal, allerdings nicht im Festspielhaus. Auch sonst kommt er eher selten auf eine Bühne.

Nun also als Jubiläums-Schmankerl ausnahmsweise in den Heiligen Hallen und natürlich mit eigener Pausenfanfare für den Balkon. Was im Haus folgte, war so etwas wie ein Testlauf. Die Frage, ob dieses Stück zum Haus passt, läuft eigentlich darauf hinaus, ob schon genügend „richtiger“ Wagner in diesem frühen, noch nicht durchkomponierten Fünfakter aus dem Jahre 1842 steckt, um aus der besonderen Akustik dieses Hauses Kapital zu schlagen. Mit der Fassung, die man aus dem überlieferten Material (eine gültige Fassung letzter Hand existiert nicht) erarbeitet hat, ist das rein musikalisch tatsächlich gelungen. Wohl auch, weil die schon für ihre Tannhäuser-Dirigate im verdeckten Graben gefeierte Nathalie Stutzmann sensibel und sängerfreundlich damit umgeht. Weil Thomas Eitler-de Lint mit dem Festspielchor auf dem richtigen Erneuerungskurs ist und sie alle das Stück als Choroper ernstgenommen haben. Und, weil sich die Protagonisten voll ins Zeug legen. Nicht so, dass man jedes Wort verstehen (oder wie sonst das Publikum in diesem Haus eh einigermaßen kennen) würde, aber so, dass die Emotionen rüberkommen. Dass Andreas Schager in der Titelpartie des zum Volkstribunen aufsteigenden und dann tief fallenden Helden, Wagners selbstkritisch kokettierendes Rienzi-Etikett vom „Schreihals“ eine Spur zu wörtlich nimmt, lässt sich bei diesem Ausnahmekrafttenor wohl nicht mehr ändern. Als er sich in dem berühmten Gebet zu Beginn des 4. Aktes „Allmächt’ger Vater, blick’ herab…“ um die verinnerlichte Zurückhaltung bemüht, ist das eine der wenigen Passagen, in denen man sogar um Schagers Stimme bangt. Aber sei’s drum, als von der Macht besoffener Haudrauf ist er ein vokales Kraftzentrum. Festspielwürdig halten nicht nur Gabriela Scherer als Rienzis Schwester Irene und vor allem Jennifer Holloway in der Hosenrolle als deren Liebhaber Adriano mit. Auch alle weiteren Rollen (vor allem Andreas Bauer Kanabas als Colonna, Michael Nagy als Orsini und Vitalij Kowaljow als Kardinal Raimondo) sind erstklassig besetzt. 

Die Schwächen des auf Einzelnummern, Chortableaus und Pathos bauenden, manchmal auf Kommendes vorausweisenden Stückes kann das freilich nicht überdecken.

Eine Regie vermag hier deutlich leichter am Lehrstück über die Verführbarkeit der Massen und die Auswirkungen von Macht anknüpfen. Das gelingt Alexandra Szermerédy und Magdolna Parditka, die gemeinsam für Regie und Ausstattung stehen. Vier nüchtern betongraue, von lästigen Stadttauben umschwirrte Platten-Wohntürme, ein holzgezimmertes Arenahalbrund und ein Bühnenportal liefern Schauplätze für Menschen, die vor allem über Handys kommunizieren. Rienzi setzt sich bei Wahlen mit 41 % gegen die Konkurrenz durch, verspricht seinen Wählern das Blaue vom Himmel, wird aber schon bald Ziel eines Attentates und schließlich zu einem Mann, der seine Konkurrenten eigenhändig vor laufenden Kameras erschießt. Dass seine 41 % zufällig den blauen Umfragewerten in Sachsen-Anhalt entsprechen, ist nicht der einzige Gruseleffekt, den die Regie bietet. Aber es gibt zur ausgedehnten Ballett- bzw. Pantomimenmusik auch was zum Schmunzeln: den ganzen Bayreuther Wagner in einem Kindertheaterstück. Da gehen dann auch mal Stolzing und Tannhäuser aufeinander los und die Wartburg fährt als DDR-Pkw über die Bühne. Dass das Verhältnis von Rienzi und Irene mit dem Wissen um Siegmund und Sieglinde hier auch inzestuös angedeutet wird, bleibt etwas in der Schwebe. Dass Rienzi am Ende nicht in den Untergang, sondern auf einer riesigen Freitreppe effektvoll in einen imaginären Himmel entschwindet, mag die verklärende Wirkung andeuten, die das Werk auf den einen Wagnerfan gehabt hat, der mit seinem Aufstieg und Fall allzu viele Menschen mitgerissen hat.

„Rienzi“ im Festspielhaus? Ja. Eine Viertelstunde Jubel steht dafür. „Rienzi“ (auch künftig) ins Festspielhaus? Das eher nicht. Manchmal hatte Wagner mit seiner Selbsteinschätzung auch recht.

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!