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DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG: Esther Dierkes (Eva), Maria Theresa Ullrich (Magdalena), Kai Kluge (David); 2026. Foto: Matthias Baus

DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG: Esther Dierkes (Eva), Maria Theresa Ullrich (Magdalena), Kai Kluge (David); 2026. Foto: Matthias Baus

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In Stuttgart gilt’s (nicht nur) der Kunst – Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“

Vorspann / Teaser

Elisabeth Stöppler gelingt in Stuttgart eine überzeugende Interpretation von Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“. Der feministische Blick, mit dem Stöppler schon bei ihrer „Götterdämmerung“ für den Chemnitzer Vierer-Ring 2018 aufgefallen war, hat in ihren Meistersingern Folgen. 

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Ein paar Schlagworte hat Wagner selbst so treffend in seinen Meistersingertext hineinformuliert, das sie auch außerhalb Karriere gemacht haben. Evas eigentlich privat gemeintes „Hier gilt’s der Kunst“ ist so eins. Natürlich trifft es einen Teil dessen, worum es ihm generell in seiner menschlichsten, komödiantischsten und zugleich auch hintergründig politischsten Oper geht. „Deutsch“ ist auch so ein Stichwort, das im Uraufführungsjahr 1868 noch einen ganz anderen Klang hatte, als nach der Reichsgründung 1871, gar nach der Etablierung der laufenden Nummer Drei dieses Reiches. Mit den „Meistersingern von Nürnberg“ wurde ein deutsches Selbstverständnis auf den nationalen Schild gehoben, das im Laufe der Geschichte zu einer so toxischen Angelegenheit geworden ist, dass sich jede Deutung – so oder so – damit auseinandersetzen muss. Wenn sie es nicht täte, wäre auch dieses Ausweichen eine Parteinahme. Für jede ambitionierte Regie weist die plötzlich ausbrechende Prügelei in der Johannisnacht den Weg in die finstersten Kapitel der deutschen Geschichte. Auch in Stuttgart, wo Hans Neuenfels mit seiner Vorgänger-Inszenierung am Ende des vorigen Jahrhunderts einige Furore gemacht hat.

Wähnt man sich im ersten Aufzug bei Elisabeth Stöppler (Regie), Valentin Köhler (Bühne) und Gesine Völlm (Kostüme) noch sicher davor, so kommt es dann am Beginn des dritten Aufzuges geballt. Da wird vor dem Einsetzen der melancholischen Musik des Nachsinnens aus dem Off Paul Celans „Todesfuge“ rezitiert, aus der der Satz „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ auflodert wie ganz am Ende der in Flammen aufgehende metaphorische Kinderwagen der Utopie. Es ist ein musikloser, beklemmender Blick in den Abgrund der deutschen Geschichte, zu dem sich jeder seine Bilder selbst suchen muss.

Die Bühne hat sich für die Festwiese vom gezimmerten Fachwerk des Anfangs, über das Mauerwerk des zweiten Aufzuges zu einer Kulisse gewandelt, die Albert Speers Nürnberger Parteitagsarchitektur imaginiert. Mit martialischer Rednertribühne für den großen Auftritt der Demagogen. Für Sachs wird sein Auftritt auf der Festwiese zu einem Traum. Als Künstlerkönig mit Papierkrone und rotem Umhang steht er hinter dem gemauerten Rednerpult. Stolzings Auftritt ist dagegen eine Art Ver-Führer-Rede mit einer Wirkung, wie sie das Lied vom „Morgigen Tag“ im Musical „Cabaret“ hat.

In seinem Uniformmantel hebt er sich von der in Weiß gleichgeschalteten Masse optisch ab. Aber er hebt auch im wahrsten Wortsinn ab. In einem Korb mit stilisierten Flügeln, zu denen die poetische Metapher der immer wieder auftauchenden Vögel pervertiert ist, entschwindet er gen Schnürboden und ward nicht mehr gesehen.

Das ist die Pointe eines anderen Blicks auf Walther von Stolzing und Sixtus Beckmesser. Stöppler folgt hier eher dem Ansatz von Katharina Wagner in ihrer Bayreuther Inszenierung. Stolzing ist auch bei ihr nicht der positive Strahlemann, sondern der eher gefährliche, populistische Verführer. Und Beckmesser durchaus nicht nur der scheiternde Außenseiter.

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DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG: Martin Gantner (Hans Sachs); 2026. Foto: Matthias Baus

DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG: Martin Gantner (Hans Sachs); 2026. Foto: Matthias Baus

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Auch der feministische Blick, mit dem Stöppler schon bei ihrer „Götterdämmerung“ für den Chemnitzer Vierer-Ring 2018 aufgefallen war, hat in ihren Meistersingern Folgen. So taucht Eva schon in der Ouvertüre auf. Da sitzt Sachs zunächst allein in einer abstrakt weißen Bühnenkastenleere an einem Tisch und notiert ein „FANGET AN!“, das wir hinter ihm mitlesen können. Er streicht es wieder durch, schafft genau den Anfang nicht. Es ist Eva, die an seiner Stelle mit flotter Hand die Verse aufs Papier bringt, mit denen sich Walther dann in der Singschule bewerben wird. Das ist programmatisch, denn nicht nur Eva und Magdalene werden hier zu selbstbewusst agierenden Frauen. In der Singschule nehmen lauter weibliche Lehrbuben in Abendmahls-Formation an der Tafel Platz. Auch die Frauen, die den Meistern den Rücken freihalten, hat man noch nie so deutlich gesehen. So wie hier (mit allem Für und Wider, das sich anführen ließe) eine Es-hätte-so-gewesen-sein-sollen-Utopie eingeflochten ist, verhält es sich auch mit einer der Poesie. Hört man genau hin, dann wird tatsächlich viel von den Vögeln gesungen, die hier wie personifizierte Poesie dem Personal immer wieder assistieren.

Eva emanzipiert sich diesmal so radikal, dass sie der Schlussansprache von Hans Sachs (zum projizierten Stichwort „deutsch“) ein eigenes schriftliches Statement (mit Worten von Nelly Sachs) entgegensetzt. Aber auch individuell zeigt sie so viel Mitgefühl für den gescheiterten Beckmesser, dass man sich sogar mal eine Perspektive für die beiden vorstellen kann. Es ist überhaupt so, dass es dieser junge und attraktive Beckmesser im ersten Teil der Johannisnacht schafft, dass die auftauchenden Meister und deren Frauen zunächst animiert dem Rhythmus seines Werbeliedes willig tanzend folgen. Erst durch Davids Angriff läuft das Ganze aus dem Ruder und die Meister gehen aufeinander los. Kann gut sein, dass sie das kreative Potenzial ahnen, das in Beckmesser steckt.

So wie Stöppler die Regietheaterschraube von Akt zu Akt anzieht, führt die Bühnenarchitektur vom soliden Handwerk in die tausendjährige Sackgasse. Durch die ausgefeilte Personenführung bleibt es gleichwohl auch eine warmherzige Erzählung von Menschen auf der Suche nach sich selbst. Wobei man sich auf die Vögel eher einen Reim machen kann, als auf die auf Walther gerichtete Pistole von Sachs.

Zur packenden Inszenierung gehört eine exzellente musikalische Umsetzung, der Cornelius Meister am Pult des Staatsorchesters Stuttgart ein so einfühlsames wie mitreißendes Fundament liefert. Martin Gartner ist ein vitaler Sachs, der für die recht erwachsene Eva von Esther Dierkes durchaus als Mann in Frage käme. Daniel Behle ist ein wohltimbrierter und sicher strahlender Walther von Stolzing, der seine Wandlung vom etwas spießig wirkenden Biedermann zum abgehobenen Populisten überzeugend spielt. Umgekehrt punktet Björn Bürger nicht nur als attraktiver Beckmesser, der sogar einen Zugang zu Eva findet. Maria Theresa Ullrich verleiht Magdalene eine Präsenz, die weit über ihre Rolle als Amme hinausgeht. Ya-Chung Huang ist als (Zweitbesetzung des) David erstklassig. David Steffens führt als Pogner eine Meisterriege an, in der sich auch alte Wagnerrecken wie Franz Hawlata (Hans Schwarz) oder Heinz Göhrig (Balthasar Zorn) wiederfinden. In der zweiten Vorstellung bejubelte das Publikum diese „Meistersinger“ ohne Widerspruch.

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