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Suggestive Kraft des Glissandos

Untertitel
Enno Poppe beim Festival weit! Weingarten
Vorspann / Teaser

Es mag angesichts der Vielfalt heutigen Komponierens fragwürdig erscheinen, wenn ein Festival sich nur einem einzigen Komponisten widmet. Doch ermöglicht eine solche Fokussierung zugleich die in der Gegenwartsmusik seltene Erfahrung, tief in ein einzelnes Œuvre einzutauchen und Wiederkehrendes genauso nachzuverfolgen, wie sich von Unerwartetem überraschen zu lassen.

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Mit fünf Konzerten an drei Tagen sowie begleitenden Lectures und Präsentationen bot das Festival weit! Weingarten im vergangenen November reichlich Gelegenheit, die Vielfalt der Musik Enno Poppes zu erkunden. Ein erstes Highlight war gleich das Eröffnungskonzert mit Rundfunk für neun Synthesizer (2018), gespielt vom Berliner ensemble mosaik. Einzelne kurze Klangschnipsel pulsieren unregelmäßig, groovy und zugleich unvorhersehbar und werden allmählich systematisch verdichtet. Das einstündige Werk folgt einer klugen Dramaturgie mit Anleihen an traditionellen Mustern, ohne diese bloß zu kopieren: Langgezogene Steigerungszüge brechen unerwartet ab, werden an anderer Stelle plötzlich wieder aufgenommen und schließlich doch noch zu Höhepunkten geführt, die sich mit erholsamen Momenten der Ruhe abwechseln. Rundfunk ermöglichte die beglückende Erfahrung, wie der Nachvollzug musikalischen Sinns aufgrund der machtvollen elektronischen Sounds mit einem intensiven körperlichen Erleben verschmolz, das gegen Ende beinahe schon Züge von Überwältigung annahm.

Zu den roten Fäden von Enno Poppes Musik gehört gewiss das Glissando, das seiner strukturell dichten Musik unmittelbare gestische Prägnanz und ungeahnten Nuancenreichtum verleiht. Besonders deutlich wurde das etwa in Sarah Saviets subtil-souveräner Interpretation von Schmalz: Aufgrund seiner Transparenz zeigte das Geigensolo eine immense Bandbreite zwischen mikrotonalem Schwanken, exzessivem Vibrato und raumgreifendem Gleiten. Beeindruckend war auch Fell für Drumset, in dem Patterns aus der Rockmusik auf eine verblüffende Weise so transformiert wurden, dass sie noch etwas von ihrer früheren Wirkung transportierten, ohne dabei je zum Klischee zu erstarren.

Das Münchener Kammerorchester spielte im gut besuchten Kultur- und Kongresszentrum Wald für vier Streichquartette, eine doppelte Potenzierung der vier Saiten eines einzelnen Streichinstruments mit immer wieder anderen klanglichen Zusammenstellungen, außerdem das Bratschenkonzert Filz (als Solist überzeugend: Lawrence Power) sowie Werke der Bach-Familie. War die Interpretation des dritten Brandenburgischen Konzerts eher solide, so entfaltete das MKO in CPE Bachs Sinfonie ein wahres Feuerwerk an Esprit und Witz. Im Abschlusskonzert des Quatuor Diotima zeigte die Gegenüberstellung von Poppes Musik mit Béla Bartóks legendärem Vierten Streichquartett sinnfällige Parallelen zwischen einer zugleich strukturell dichten und expressiven Musik aus Vergangenheit und Gegenwart. Noch mehr als das präzise, aber zugleich etwas unterkühlte Spiel des Pariser Quartetts beeindruckten aber die Lust, Souveränität und Begeisterung des ensemble mosaik, welche sich spürbar auf das Publikum übertrug. Sein tiefes, auf jahrelanger Beschäftigung basierendes Verständnis von Poppes Musik zeigt einmal mehr, wie wichtig eine kontinuierliche Aufführungspraxis auch für die Gegenwartsmusik ist.

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