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Rachmaninow in Zürich. Foto: Monika Rittershaus

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Villa Rachmaninow – Drei Rachmaninow-Opern in Zürich

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Manchmal ist ein Seniorenstift ein Altersheim, das man als Besucher so schnell wie möglich verlassen möchte und als Bewohner nicht wieder lebend verlassen kann. Zum Glück ist es oft auch ein Ort, an dem sich viele redlich um einen erträglichen bis angenehmen Alltag bemühen.

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Im günstigsten Fall, wenn die materiellen Voraussetzungen, das Personal und die Bewohner zusammenpassen, dann kann es auch eine Schatzkammer der Erinnerungen sein, in der es dann womöglich so zugeht wie in der zu Leinwandehren gekommenen Villa Verdi … An so eine, eher märchenhafte bzw. wünschenswerte Variante muss Regisseur Dmitri Tcherniakov gedacht haben, als er sich die Bühne für das szenische Experiment (wie immer selbst) ausgedacht hat, um aus drei ganz verschiedenen, unabhängig voneinander komponierten Kurzopern eine einzige zu machen. Allerdings nicht mit dem rauf und runter durchinszenierten, berühmten Dreierpack von Giacomo Puccini, sondern mit den drei vollendeten Opernminiaturen von Sergej Rachmaninow (1873–1943). Für den Russen waren das aber nicht – wie bei Puccini – kleinformatige Ergänzungen eines großformatigen Operngesamtwerkes, sondern umgekehrt, der Ausflug des Pianisten, Sinfonikers und Kammermusikers ins Königsformat. Im Falle von „Francesca da Rimini“ sogar mit beachtlichem Ehrgeiz zum großen, spätromantischen Aufbäumen des Orchesters. Dieses 1906 uraufgeführte Werk zu dem Modest Tschaikowski das Libretto nach der berühmten Episode aus Dantes „Göttlicher Komödie“ beigesteuert hat, liefert den Abschluss des ungewöhnlichen und bislang nur selten zusammen aufgeführten Dreierpacks.

Der beginnt mit „Aleko“, einem Eifersuchtsdrama nach einem Gedicht von Alexander Puschkin. Da verliebt sich ein älterer Mann in eine junge Roma, folgt ihr, wird betrogen, zum Mörder und ausgestoßen. Die Kurzoper dazu ist die Abschlussarbeit des damals 19‑Jährigen am Konservatorium. Puschkin lieferte auch die Vorlage für den 1906 uraufgeführten Mittelteil „Der geizige Ritter“. Hier wird ein klassischer Generationenkonflikt auf die Spitze getrieben. Der Vater ist ein notorischer Geizhals; der Sohn ein verschwenderischer Taugenichts. Sie geraten wegen des Geldes aneinander, das der Alte hat und hütet und der Junge will, um es zu verpulvern. Obwohl es nicht zu dem drohenden Duell zwischen beiden kommt, bleibt der Alte auf der Strecke.

In der auch aus dem Jahr 1906 stammenden Vertonung der Episode Dantes über die schöne Francesca stehen die Akteure nicht nur am Abgrund, sondern sind schon einen Schritt weiter, sozusagen auf dessen höllischem Grund. Ihr war vom Vater der hässlichere von zwei Brüdern untergejubelt worden, obwohl sie den attraktiveren liebte. Als der Angetraute sie mit dem Bruder beim Lesen einer Liebesgeschichte erwischte, brachte er die beiden um.

Die von Tcherniakow erbaute Residenz ist ein Drehbühnenwunderwerk mit Einblicken von allen Seiten und der Fähigkeit einzelner Elemente, sich wie in einem Tanz zu bewegen. Vom Stift sieht man die Gemeinschaftsräume, den Korridor, von dem die Zimmer abgehen, auch kleine Kammern. Alles ist mit schlichter Noblesse hergerichtet. Von den Bewohnern hat jeder so seine Eigenheiten und einen individuellen Kleidungsstil, einige auch ihre diversen Gehhilfen (Kostüme: Elena Zaytseva). Wenn’s mal nötig wird, ist auch Hilfspersonal zur Stelle. Aber meistens machen sie einen fidelen Eindruck und kennen sich offenbar gut. Es ist putzig, wenn sie in einer Polonaise durchs ganze Haus ziehen und sich dann die Geschichten von Liebe, Eifersucht und Tod von einst erzählen. Dass es nicht nur eine Lesestunde ist, bei der sie abwechselnd etwas vortragen, merkt man, wenn sie aus der Rolle fallen. Oder besser gesagt in ihre alte Rolle, aus dem Leben davor, zurückfallen. Das gilt für alle drei ineinander übergehenden Geschichten. Deren untergründiger Zusammenhang bleibt allemal deutlicher erkennbar als bspw. im Marthaler-Theater. Das liegt daran, dass alle als Bewohner des Stifts präsent bleiben, auch wenn sie in den aufbrechenden Erinnerungen die Rollen wechseln. Eine zentrale Figur ist dabei der stimmgewaltige, in Belarus geborene Bariton Vladislav Sulimsky. Er beginnt als Aleko, wird dann im Mittelteil zu dem pathologisch geizigen Baron, der sich weder von seinem Sohn Albert (mit tenoraler Vehemenz: Dmytro Popov), noch den vermittelnden Herzog (wortklar und sicher: Pavel Yankovsky) in seinem Starrsinn beirren lässt. Schließlich verkörpert er den Lanciotto Malatesta, der seine Frau und seinen eigenen Bruder umbringt. Auf der Seite der weiblichen Opfer dieser männlichen Anmaßung überzeugt die aktuelle Sängerin des Jahres der Opernweltumfrage, die Russin Elena Stikhina als verführerische Roma Zemfira im ersten und als schöne Francesca im dritten Teil. Und daneben durchweg als originelle und umsichtige Seniorin in dieser Villa Rachmaninow. In der alle so mit sich und den Abgründen ihrer Vergangenheit beschäftigt sind, dass sie nicht mehr merken, wenn es draußen schneit oder das Höllenfeuer lodert, als wäre man auf einem Walkürenfelsen.

Tcherniakov und dem GMD Gianandera Noseda gelingt es mit dem Orchester aus den drei nicht zusammengehörenden und eigentlich auch nicht zusammen gedachten Teilen ein Ganzes zu machen und damit die Rachmaninows Opern so leuchten zu lassen, dass am Ende selbst die Klänge aus der Hölle, die der Chor aus den Rängen in die Wucht aus dem Graben mischt, noch menschlich erscheinen. Jubel für alle. Was sonst.

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