Bis zum ersten März lief über etwas mehr als zwei Wochen das „Vom Anfangen“-Festival des Konzerthauses Berlin. Aufgeteilt in drei thematische Hauptstränge Aufbruch – Chaos – Schöpfung bewarb die Institution das Festival als großes Kooperationsprojekt zwischen dem Haus und freien Berliner Ensembles verschiedener musikalischer Genres. Hauseigene Konzertabende wechselten sich ab mit Konzertprogrammen externer Musikgruppen, die sonst keinen festen Platz auf den etablierten deutschen Konzertbühnen haben.
Konzerthaus Berlin. Foto: David von Becker
Vom Anfangen und Kooperieren
Im thematischen Feld „Aufbruch“ sollte mit Ensembles wie der „Arab Song“-Gruppe – ausgerüstet mit Oud, Guembri und Krakeb – hinter den Horizont der klassisch-westlichen Aufführungstraditionen geschaut werden; im „Chaos“ wurde mit Schüler:innen einer Berliner Gemeinschaftsschule in einem gemeinsam entwickelten Hörstück die (vielleicht manchmal positive) Bedeutung des Unordentlichen und Unfertigen verhandelt und im Bereich der „Schöpfung“ schließlich der Kreis zwischen künstlerischen, religiösen und biologischen Perspektiven des „Erschaffens“ geschlossen. Wie ästhetisch innovativ oder philosophisch fundiert diese thematische Dreiteilung in der Umsetzung funktionierte, sei dahingestellt, das wirklich bemerkenswerte und innovative am „Vom Anfangen“-Festival aber war ohne Frage die Öffnung des Konzerthauses für die Teilhabe der freien Ensembles aus der Berliner Musikszene. Diese Öffnung – das wurde bereits bei Betrachtung der verschiedenen Konzertprogramme klar – brachte eine gute Menge frischen Wind über die Bühnen der altehrwürdigen Institution, da die externen Musiker:innen mit Repertoires, Aufführungskonzepten und Instrumenten auftrumpfen konnten, die man sonst so gut wie nie im Alltagsbetrieb der klassischen Konzerthäuser finden würde.
Dass es außerordentliche musikalische Professionalität auch außerhalb der tradierten Opern- und Konzerthäuser gibt, zeigte das Vokalensemble „The Present“ sehr eindrücklich anhand ihres Konzertprogramms „ex utero“, welches sie am Abend des 26.02. im kleinen Saal des Hauses aufführten. Mit acht Sänger:innen und drei Instrumentalist:innen präsentierte die Gruppe eine gelungene Spreizung zwischen alter Musik aus dem Frühbarock und modernen Konzeptstücken mit  Stimme und Tonbandeinspielungen. Gemäß dem Motto des Programms, „weibliche Schöpfungskraft zu zelebrieren“, wurden ausschließlich Kompositionen weiblicher Urheberinnen gesungen; die Tonbandaufnahmen der Klangstücke enthielten Geräusche von Säuglingen, teils gepaart mit weiblichen Schreien und Lachen. Kern und Highlight des Abends waren allerdings die achtstimmigen Auszüge aus dem Œuvre der Chiara Margarita Cozzolani, deren Schaffen allein durch die Tatsache, dass sie als Frau kompositorisch um 1640–1650 tätig war, bemerkenswert genug ist, die sich in der Intensität ihrer musikalischen Affekte und Textgestaltung aber auch unabhängig ihres Geschlechtes problemlos mit den kanonisierten Stars ihrer Zeit messen kann. Dass im Zuge des „Vom Anfangen“-Festivals Komponistinnen wie Cozzolani verdienterweise mehr in den musikalischen Mainstream gerückt werden, ist als eindeutiger Gewinn zu verbuchen. Was die Interpretation und musikalische Darbietung angeht, wurde „The Present“ der Komponistin allemal gerecht. Sie schafften es zu acht mit einer guten Mischung aus Volumen und Sensibilität, den Kammersaal des Konzerthauses klanglich zu füllen. Die feine Abstimmung der stimmlichen Klangfarben und das präzise Zusammenspiel mit den zeitgemäßen Begleitinstrumenten ließen keine Zweifel daran, dass das preisgekrönte Profiensemble bereits langjährig miteinander musiziert und ließen selbst über die irritierende semi-französische Aussprache der lateinischen Texte – zum Beispiel „et in secüla secülorum“, „bone Jesü“ oder „fiat pax in virtütis tüa“ – wohlwollend hinwegsehen.
Das Konzert „ex utero“ war allerdings, wie auch das interkulturelle Fusion-Programm „Arab Song“ weniger eine wirkliche musikalische Kooperation zwischen Konzerthaus und freien Ensembles, als ein bloßes Eine-Bühne-Bieten, da selbst die begleiteten Instrumentalist:innen an der Orgel, dem Cembalo, der Theorbe und der Gambe von „The Present“ selbst mitgebracht wurden. Eine wirkliche musikalische Zusammenkunft zwischen den Ensembles und dem hauseigenen Orchester wäre vielleicht ein noch interessanteres und tiefgehenderes Kooperationsprojekt gewesen, wenn auch alleine deshalb in der Praxis quasi unmöglich, da es in der regulären Besetzung des Konzerthausorchesters keine Gambist:innen und Lautenist:innen gibt. Auf diese Weise durften immerhin noch ein paar weitere Musiker:innen der freien Szene das Rampenlicht der Konzerthausbühne genießen.
Die erklärte Vision, durch das „Vom Anfangen“-Festival zusammen mit freien Ensembles „die Utopie eines transtraditionellen Sinfonieorchesters“ erklingen zu lassen, wurde leider auch deshalb nicht ganz konsequent umgesetzt, da zwischen den Programmen mit freien Ensembles immer auch Konzerte im Rahmen des Festivalprogramms stattfanden, die sich noch sehr im traditionellen Spektrum der etablierten Konzertmusik bewegten. So wurde das Festival unter anderem durch einen Konzertabend mit Schuberts „Unvollendeter“ beworben, bei dessen Aufführung man nebst Konzerthausorchester und hauseigener Stardirigentin Joana Mallwitz als externe Musikerin nur die beinahe ebenso berühmte Bratschistin Tabea Zimmermann auf die Bühne geholt hatte. Immerhin wurde im gleichen Programm neben dem zutiefst traditionellen und etablierten Schubert noch Bartók und Kurtág gespielt – ein kleiner Schubs in Richtung Transtraditionalität.
Insgesamt hinterlässt das Festival „Vom Anfangen“ aber einen sehr positiven Nachgeschmack. In Zeiten, da die Vielfalt der Berliner Musik- und Kulturlandschaft akut von einer Aushungerung durch Entziehung von Kulturfördergeldern unter dem Argument der Unwirtschaftlichkeit bedroht ist, ist es ein wichtiges Symbol, als etabliertes Konzerthaus einen Schulterschluss mit den freien Ensembles der Stadt zu suchen und so für ein gemeinsames, vielfältiges kulturelles Angebot zu werben und zu verdeutlichen, dass sich klassisches Konzerthaus und freie Ensembles eben nicht gegenseitig ersetzen können. Durch die Kooperation mit Ensembles wie „The Present“ oder „Arab Song“ konnte das Konzerthaus ihr eigenes Repertoire erweitern und bereits einen kleinen Beitrag dazu leisten, mehr interkulturelle und von Frauen komponierte Musik im Mainstream der westlichen Konzertbühnen stattfinden zu lassen.
Weiterlesen mit nmz+
Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.
Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50
oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.
Ihr Account wird sofort freigeschaltet!