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Chor des Theater Bonn, Tänzerinnen und Tänzer, Cody Quattlebaum. Foto: © Max Borchardt

Chor des Theater Bonn, Tänzerinnen und Tänzer, Cody Quattlebaum. Foto: © Max Borchardt

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Was ist Wahrheit? – Uraufführung von Param Virs Oper „Awakening“ an der Oper Bonn

Vorspann / Teaser

Mit ihrer Reihe „Fokus 33“ verführt die Oper Bonn seit 2021 unter dem Motto „Forschungsreisen zu den Ursachen von Verschwinden und Verbleiben“ zu musikalischen Entdeckungsreisen. Zunächst in eine Vergangenheit, die mit der Jahreszahl 1933 zu tun hat. Also auf Werke verweist, deren Rezeptionsgeschichte durch die Machtübernahme der Nazis in Deutschland unterbrochen oder gar nicht erst ermöglicht wurde. Beim Erfolgslogo bleibt es auch in der zweiten Ausgabe der Reihe, die sich seit 2024 nicht mehr direkt auf das Jahr 1933 bezieht, sondern Handschriften widmet, die sich bewusst vom avantgardistischen Mainstream der Nachkriegszeit absetzen.

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Nach der ersten Neuinszenierung nach 1969 von Peter Ronnefelds Oper „Die Ameise“ folgte jetzt eine besondere Uraufführung: „Awakening“ des 1952 in Delhi geborenen und jetzt in London lebenden Komponisten Param Vir. Sie bietet nicht nur eine vom üblichen mitteleuropäischen Kanon abweichende Klangfarbe. Auch der Stoff, den der Brite David Rudkin (*1936) in seinem englischsprachigen Libretto präsentiert, führt in eine andere, fernöstliche Gedankenwelt.

Von einem Theaterdirektor (Mark Morouse) als Spiel im Stück präsentiert, gibt es vor allem eine geballte Ladung von buddhistischen Weisheiten. Meist präsentiert von jenem Prinzen Gautam, der auf dem Weg des Erwachens (Awakening) bzw. der Erleuchtung, sprich zu sich selbst oder zu Buddha ist. Meist schreitet der fulminant auftrumpfende Bariton Cody Quattelbaum mal mit freier Heldenbrust, dann im orangenen Gewand durchs Stück, wie Jesus übers Wasser. Die polystilistische, auch die Tutti-Wucht des Orchesters einbeziehende Musik und die sich von einer Weisheit zur nächsten hangelnde Wortexkursion werden freilich erst dadurch zu einer bekömmlichen Mischung, weil Vasily Barkhatov (Regie), Zinovy Margolin (Bühne), Olga Shaishmelashvili (Kostüme) und Ruth Stopfer (Video) die auskomponierte Lebensphilosophie in einem Raum verorten, der seine archaischen Versatzstücke so kombiniert, dass sie ins Allgemeingültige verweisen. Am Tag zwei des neuerlichen Nahostkrieges freilich auch in Echtzeit auf die Gegenwart. Die Bühne erinnert an ein trockengelegtes Schleusenbecken mit einem Kahn voller Schotter in der Mitte. Die beiden Schleusentore im Hintergrund machen schon im geschlossenen Zustand Eindruck – erst recht, wenn sie sich ins Ungewisse öffnen. So wie sich die Menschen mit den maskierten Gesichtern hier bewegen, könnte es der sagenhafte Fluss sein, der ins Totenreich führt. Oder wegen Wassermangel eben auch nicht. Diese unwirkliche Welt ist gleichwohl eine von fremden Mächten besetzte Region, in der eine Schauspieltruppe den Lebensweg jenes Siddhartha Gautam, der zu Buddha wird, wie eine Passion immer wieder nachspielt. In der es aber auch reale Bombenangriffe und einen Selbstmordattentäter gibt.

Zunächst ist das Spiel das Wachhalten einer Überlieferung durch Weitererzählen. Die Konstellation erinnert an den Dystopie-Thriller „Fahrenheit 451“, in dem die inzwischen verbotenen Bücher durch mündliche Überlieferung bewahrt werden. Hier wird das Schau- oder eigentlich Passionsspiel über das Leben Buddhas zum Überlebensmittel für die, die zuschauen. Und für die, die es aufführen. Der Gautam-Darsteller wird auf diese Weise immer mehr zu dem Buddha, den er spielt. Das so gewonnene Charisma wirkt zunehmend auch auf die anderen. Alter, Krankheit und Tod begegnen ihm als Allegorien wie Leitmotive für seine Suche nach der Wahrheit.

Der Regisseur im Stück greift ins Globale, wenn er die Legende zur Geschichte erklärt: „Im Osten, in China, ist Konfuzius seit etwa zwanzig Jahren tot. Im Westen, in Athen, lebt ein Junge von etwa vierzehn Jahren namens Sokrates. Hier, im Ganges-Tal, ist unser einstiger Prinz sechsunddreißig.“ Dem Prinzen auf dem Weg zum Heiligen Mann erspart ein schwer arbeitender Bauer nicht die Frage nach dessen „Mühe“ und nach der Ernte für die er Brot und Reis als Almosen bekommt. Der macht es dann (Religionsstifter, der er ist) nicht unter der Generalantwort und einer Erlösungsformel: Die Welt ist ein Feld des Leidens, und dieses Leiden hat seine Ursache in uns selbst. Den Weg daraus weisen „Wahrhaftiges Sehen. Wahrhaftige Absicht. Wahrhaftiges Sprechen. Wahrhaftiges Handeln.“ Hübsch gerahmt – bleibt nur die Pilatusfrage „Was ist Wahrheit?“ Während sich die gespielte Lebensgeschichte Gautams mit ihren wogenden Grundsatzfragen und versuchten Antworten manchmal wie eine Morgenandacht in Dauerschleife im Laufe des Abends ziemlich weit von der Wirklichkeit (die der Bauer ins Spiel bringt) entfernt, und die Musik und der Gesang dafür die Türen für ein assoziatives Erfühlen öffnen, bombt die Regie das ganze beklemmend nachvollziehbar dahin zurück.

Es ist ein eindrucksvolles Bild, wenn nach einem Bombeneinschlag der Kahn nach der Pause zerstört ist. Wenn sich am Ende aus dem Schnürboden ganz langsam Bomben auf die Menschen herabsenken und kurz vor dem Einschlag wie eingefroren stoppen, schafft es Barkatov tatsächlich, den Funken Hoffnung und ihr Gegenteil zu einem Bild zu machen.

Daniel Johannes Mayr und das Beethoven Orchester Bonn sorgen für einen charismatischen Orchesterpart, der jedem, der teils durch ihre Masken behinderten Sängern Raum zu Entfaltung lässt. So wird die philosophierende Musik für ein Ensemble, das im Archaischen das Allgemeingültige und aktuell Beklemmende durchscheinen lässt, in dem von Barkatov geschaffenem Raum zu einem Gesamtkunstwerk, dessen Nachwirkung man sich nicht entziehen kann.

  • Weitere Vorstellungen: 7., 29. MÄR | 17. 19. APR | 2. MAI

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