Das Uraufführungsjahr von Édouard Lalos (1823-1892) Dreiakter „Le roi d’Ys“ 1888 liegt irgendwie im Banne der Spätromantik a la Wagner oder Verdi. Also zwischen deren deutschen oder italienischen Spielart. Verdis „Otello“ war ein Jahr zuvor an der Mailänder Scala herausgekommen, die postume Uraufführung von Wagners Jugendwerk „Die Feen“ fünf Jahre nach dessen Tod zählt zwar nicht wirklich, seine Übermacht als Referenzmaßstab aber umso mehr. Andererseits waren die Vertreter des Verismo und Puccini ante portas. Seine Zwischenstellung mag den Erfolg Lalos mit der selbst zu seiner Zeit ziemlich dick auftragenden Rache-Flut-Oper ebenso erklären, wie auch deren späteres Verschwinden von den Spielplänen. Das teilt sie freilich mit vielen, heute wieder goutierten Meisterwerken der französischen Oper. Ab der Pariser Uraufführung 1888 vermerken die Annalen der Opéra-Comique für die folgenden fünf Jahrzehnte jedenfalls ca. 500 Aufführungen. Heutzutage gehört sie dennoch in die Rubrik der Ausgrabungen.
Édouard Lalos Oper „Le Roi d’Ys“ an Opéra du Rhin Strasbourg. Foto: Klara Beck
Wenn aus Liebe Hass wird – Édouard Lalos Oper „Le Roi d’Ys“ an Opéra du Rhin Strasbourg
Es ist per se ein Verdienst der elsässischen Opéra du Rhin, diese Oper in Strasbourg in den Spielplan zu nehmen und so dem heimischen Publikum zu präsentieren. Auch das benachbarte deutsche Publikum ist hier willkommen und wird mit deutschen Übertiteln versorgt. Hier bietet man für dieses wohlkalkulierte Experiment nicht nur eine exzellente Besetzung auf, sondern nimmt das Werk auch als szenische Herausforderung ernst.
Olivier Py, der nach seinen Jahren als Intendant des Festival d’Avignon seit kurzem die Leitung des Théâtre des Champs-Élysées in Paris übernommen hat, sich auch immer wieder in aktuellen französische Debatten einmischt, ist vor allem ein nach wie vor gesuchter Regisseur. Seine mit der Brüssler La Monnaie Oper koproduzierten „Les Huguenots“ von Meyerbeer sind exemplarisch für seinen Zugriff. Dazu gehören auch (wie schon vor fünfzehn Jahren bei den auch in Strasbourg gastierenden „Hugenotten“) die opulent martialischen Bühnenräume seines Ausstatter Pierre-André Weitz.
Da es diesmal um eine Stadt geht, die unterhalb des Meeresspiegels liegt und nur von einem Damm mit diversen Schleusen vor den Fluten geschützt ist, hat Weitz das Meer einerseits in einen grafischen Hintergrund übersetzt, vor allem aber in sich auf und ab bewegenden Wellblechelemente, die tatsächlich die existenzbedrohenden Wellen glaubwürdig imaginieren, in denen sich die eigentliche Heldin des Stücks am Ende zu Tode stürzt. Diese Margared ist als älteste Tochter jedes Königs von Ys, der – warum auch immer – der Oper den Titel verleiht, eigentlich eine Antiheldin der ziemlich finsteren Art. Dass sie aus politischen Gründen den feindlichen (hier mit preußisch uniformierten Truppen anrückenden) Prinzen Karnac heiraten soll und den nicht will, das kommt in Kreisen, in denen aus politischem Kalkül und nicht aus Liebe oder auch nur Zuneigung geheiratet wird, halt vor. Dass sie aber nicht akzeptiert, dass der von ihr geliebte Mylio sich für ihre jüngere Schwester entscheidet, so wie die sich für ihn, ist eine Art von egoistischem Anspruchsdenken, dass in seiner männlichen Variante mit Vorliebe dem Patriarchat vorgehalten wird. Richtig übel wird es, dass diese Margared dann nicht nur nach dem Motto, wenn ich ihn nicht kriegen kann, dann soll er auch mit keiner anderen glücklich werden, verfährt, sondern bereit ist, gleich die ganze Stadt zugrunde gehen zu lassen. Am Traualtar hatte sie Karnac stehen lassen und so brüskiert, dass der wieder in den Kriegsmodus gegen Ys überging. Als dann aber der von ihr begehrte Liebste ihrer Schwester diesen Krieg gewinnt und wie versprochen die Hand der Schwester bekommt, rastet sie völlig aus. Sie verbündet sich mit Karnac und ermöglicht ihm die Schleusen zu öffnen und Ys untergehen zu lassen.
Édouard Lalos Oper „Le Roi d’Ys“ an Opéra du Rhin Strasbourg. Foto: Klara Beck
Mit dem entsprechenden, ganz großen Aufbäumen des Orchesters braust die Riesenwelle auf die Stadt zu. Als Margared ihren Vater und ihre Schwester belauscht (Oper halt) und mitbekommt, dass die sie wieder aufnehmen würden, kommen ihr Zweifel an ihrem Verrat. Sie bekennt den sogar öffentlich. Vater und Schwester hindern das empörte Volk, sie zu lynchen. Schließlich opfert sie sich selbst, um die Natur und den für die Stadt zuständigen Heiligen zu besänftigen. Wie die Überlebenden den Damm danach wieder dicht kriegen, muss zum Glück in einer so dick auftragenden Oper nicht geklärt werden. Es reicht der Respekt vor der Übersetzung der Legende in eine in sich schlüssige Bühnenwirklichkeit, die sowohl die Bedrohung durch das Meer, als auch mit diversen Arkadenelementen die urbane Abwehr dagegen imaginiert.
Vor allem aber das Schwelgen in der opulenten Musik für das Samy Rachid und das Orchestre national de Mulhouse das sichere Fundament eines großen, zwar wagneraffinen, aber doch originär französischen Operntons liefern, der durchweg in den Bann zieht. Und die Freude an den durchweg glänzenden vokalen Leistungen der Protagonisten und des von Hendrik Haas einstudierten Chors. Das beginnt in den kleineren Partien des Königs, den Patrick Bolleire mit ebensolcher Würde ausfüllt, wie Fabien Gaschy die des Bischhofs, in dessen Gestalt der Schutzheilige Saint Corentin auftritt. Als finsteres Zentrum des Personaltableaus imponiert die ausdrucksstarke Mezzosopranistin Anaïk Morel in der Rolle der Margared. Lauranne Oliva ist dazu als deren Schwester Rozenn der passende, liebend helle Gegenentwurf. Mit strahlendem Tenor hat Julien Henric als Mylio nicht nur seinen Traumprinzenauftritt in Weiß vom Rang aus, sondern auch den männlichen Part im Liebesduettschwelgen mit seiner Rozenn. Mit stets kontrollierter vokaler Kraft und körperlicher Präsenz verkörpert Jean-Kristof Bouton überzeugend den Prinzen Karnac, der eigentlich ganz gut zu dieser Margared gepasst hätte.
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