Ein Ausnahmekonzert: die Hommage an Morton Feldman zum Hundertsten im Rahmen der Contemporary Concerts Tübingen, dargeboten durch die Pianistin Florence Millet und das JACK Quartet im Saal eins in der Tübinger Westspitze.
Wenn Linien sich zum Klang verbinden
Damit kann der engagierte Musik-Kurator Sebastian Solte in seiner 2023 gegründeten Tübinger Reihe das siebte Konzert und einen bemerkenswerten Erfolg verzeichnen. Es grenzt an ein Wunder, dass sich diese Reihe unter schwierigen Umständen so gut entwickeln konnte. Ihr Markenzeichen sind klug konzipierte Programme, als verlässlicher Partner fungiert der SWR.
Fokus auf Avantgarde-Klassiker
Nun gehören die „CCT“ zu den seltenen Konzertreihen mit zeitgenössischer Musik, die ansonsten ihren Platz in punktuellen Festivals hat, etwa in Stuttgart oder Donaueschingen. Dazwischen stehen nun die „Contemporary Concerts Tübingen“: Ihr Fokus umfasst neben zeitgenössischer Musik auch die Avantgarde-Klassiker des 20. Jahrhunderts, das Boulez-Jubiläum im Vorjahr wurde in Kooperation mit der musica nova Reutlingen begangen.
Morton Feldman
Zu den Klassikern des 20. Jahrhunderts gehört der US-amerikanische Komponist Morton Feldman. Sein Geburtstag jährt sich nun zum 100. Mal, seine Werke werden hierzulande nur selten gespielt. Es ist Sebastian Solte hoch anzurechnen, dass er das JACK Quartet aus New York mit der französischen Pianistin Florence Millet gewinnen konnte, um Feldmans „Piano and String Quartet“ aus dem Jahr 1985 aufzuführen: Dieses Stück überdehnt mit mehr als 80 Minuten Spieldauer fast die Grenzen des Machbaren und steht für einen Sonderweg der Neuen Musik. Entsprechend gut besucht war die Aufführung am 31. Januar in Tübingen, Gespräche inklusive; auch der SWR war erneut dabei, um das Konzert aufzuzeichnen.
In „Piano and String Quartet“ geht es zwar wie bei vielen zeitgenössischen Werken um neue Klangfarben und Ausdrucksqualitäten, doch in erster Linie um den Umgang mit Zeit und um das Entstehen und Vergehen von Klängen. So simpel die Faktur beim ersten Eindruck scheinen mag, so anspruchsvoll ist neben der Überlänge die Partitur und ihre Umsetzung. Dafür braucht es engagierte Künstler wie das JACK Quartet, bestehend aus Christopher Otto und Austin Wulliman (Violine), Jay Campbell (Violoncello) und John Richards (Viola). Gegründet 2005 und benannt nach den Vornamen der ersten Besetzung, hat es sich international mit zeitgenössischer Musik hohes Ansehen erspielt.
Appetizer zum Einhören
Vor das Hauptwerk des Abends stellten die Mitwirkenden ein paar „Appetizer“ zum Einhören: zwei Stücke von Bunita Marcus nahmen eines ihres Gefährten und Mentors Morton Feldman in die Mitte. „Sugar Cubes“ für Klavier schrieb sie, als sie 1996 in eine Krise geraten war und den Rat von John Cage beherzigte, dem Komponisten in ihr wie einem Pferd Zuckerwürfel zu geben. Ergebnis sind die vier Töne c-a-g-e, kontrapunktisch gewendet. Unter dem ausdrucksvollen Anschlag von Florence Millet verwandelten sich die kantigen Würfel in edle Pralinés.
Hochkonzentriert
„Vertical Thoughts 2“ (1963) für Violine und Klavier hat Morton Feldman als brüchige Wechselrede zwischen rundem Anschlag und hauchigem Bogenstrich komponiert, nun hochkonzentriert umgesetzt durch Millet und Wulliman. Ganz ähnlich wirkt Bunita Marcus’ „Untrammeled Thought“ für Cello und Klavier (1980): Scheinbar unregelmäßige Einzeltöne und Pausen verbinden sich zum Kontinuum.
Danach sind Geduld und Disziplin gefragt. Ausführende wie Publikum müssen im Fall von Feldmans „Piano and String Quartet“ nicht wie sonst nur zweimal eine halbe oder dreiviertel Stunde stillhalten, sondern fast eineinhalb Stunden – ohne jede Unterbrechung. Wer Geräusche verursacht oder aufsteht, stört.
Das Stück basiert auf einem variierten Grundmuster in einem wie per Zeitlupe gedehnten Zeitmaß. Dabei rollt das Klavier einzelne Akkordtöne aus und lässt sie nachklingen; aus dem Streichquartett folgen ihnen wie graue Schatten zeitlich versetzte, hauchfein gezogene Bogenstriche, die sich zu stets neuen Zusammenklängen verbinden. Einzelne Tonhöhen variieren schrittweise wie in einem sacht gedrehten Kaleidoskop. Dabei verzichten Feldman und die Ausführenden in strenger Disziplin auf alles, was „mitreißende“ Darbietung sonst ausmacht: Entwicklung, Steigerung, Kontrast, Fülle, Emotion. Diese Musik verharrt über die ganze, endlos gedehnte Zeit hinweg in engen Grenzen: Die Lautstärke ist auf Pianissimo beschränkt, der Streicherklang trocken und fahl, die Bewegung gebremst; doch das subtile Spiel der Schatten fesselt das Ohr.
Entspannte Versenkung
85 Minuten lang entfalten Florence Millet und das JACK Quartet in bewundernswerter Weise Feldmans eigenwilliges Werk; das Publikum kann sich der Musik zugleich entspannt und konzentriert hingeben, kleine Überraschungen erleben und Versenkung erfahren. Das Ende kündigt sich an durch eine Verlangsamung der Bewegung: Dann schweigen die Streicher, zuletzt spricht allein das Klavier. Stille, Seufzer, lang anhaltender Applaus.
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