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Medusa in Brüssel. Foto: © Simon Van Rompay

Medusa in Brüssel. Foto: © Simon Van Rompay

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Wenn Männer beim Anblick einer Frau erstarren … – Oper „Medusa“ von Iain Bell und Lydia Steier in Brüssel uraufgeführt

Vorspann / Teaser

An der Brüsseler La Monnaie Oper haben Iain Bell und Lydia Steier jetzt Medusa zu ihrer eigenen Oper verholfen. Der britische Komponist und die us-amerikanische, in Europa erfolgreiche Opernregisseurin (und für die Jahre 2027 bis 2029 designierte Intendantin der Ruhrtriennale) haben dabei den Blick auf diese Frauenfigur, deren Schicksal meist vom Ende her gelesen und bewertet wird, geweitet.

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In ihrer Oper wird sie vom todbringenden Monster zum exemplarischen Opfer männlicher Gewalt und ungebremster göttlicher Willkür. Steier hat nicht nur zusammen mit Florin Borg Madsen (Bühne) und Katharina Schlipf (Kostüme) die bejubelte Uraufführung inszeniert, sondern diesmal auch das englischsprachige Libretto für das mit Pause zwei Stunden 40 Minuten dauernde Werk verfasst. 

Korrespondierend mit der auf Gerechtigkeit zielenden Perspektive auf Medusa, verpassen Bell und Steier dabei auch der allseits beliebten Göttin Pallas Athene eine ziemliche Delle in ihrem göttlichen Strahlefrau-Image. Sie ist es nämlich, die Medusa erst zu dem Ungeheuer macht, als das sie ins kollektive Bewusstsein eingegangen ist. Und das ganz und gar zu Unrecht, wie wir in der ersten Hälfte dieser packend eindrucksvollen Opernnovität miterleben können.

Abstrakt-archaische Opulenz

Die Bühnenästhetik, ohne die üblichen Lydia-Steier-Ausstattungszutaten, setzt auf eine eher abstrakt-archaische Opulenz. Zwei bewegliche Spielflächen mit Mauerversatzstücken imaginieren ein „ästhetisches Niemandsland, ohne Gewänder oder ionische Säulen, das zugleich mythologisch und modern sein kann“, wie Steier es selbst treffend beschreibt. Zusammengeschoben ergibt das den Tatort Tempel. Und dann, übersät mit erstarrten Männerüberresten, auch die Insel, auf der sie zusammen mit ihren Schwestern als tödliche Falle für kampfeslustige Jünglinge und Männer in ihrer verwandelten Gestalt dahinvegetiert. Für die immer langsamer werdende, permanente Bewegung der imaginären Bühneninselteile bilden neun kaum sichtbare, aber immer anwesende Frauen eine Art schicksalhaft waltenden Organismus. Für Athene und ihre Priesterinnen sind goldfunkelnde Gewänder reserviert. Der Vergewaltiger kommt mit scheinheiliger Seriosität im weißen Anzug daher. Die beiden Schwestern sind in stilisierte schwarze Roben gehüllt, die auch in eine Robert-Wilson-Inszenierung passen würden (bzw. davon inspiriert sind). Für die Erscheinung von Medusa selbst dominiert, auch nach ihrer (äußerlich moderaten) Verwandlung ins Monströse, die Dominanz des menschlichen Körpers und seiner Beweglichkeit.

Medusa selbst ist hier das Musterbeispiel für eine geradezu klassischen Täter-Opfer Umkehr. Sie wird im Tempel der Athene vom Meeresgott Poseidon brutal vergewaltigt. Dass sie sich heftig und ohne Erfolg wehrt, spielt für die dadurch schwer beleidigte Athene keine Rolle. In einem furiosen Auftritt gibt sie ihr und den Priesterinnen, die über ihren Tempel wachen sollten, die Schuld daran. Die Hohepriesterin schickt sie in den Wahnsinn und den anderen lässt sie die Augen wegschmelzen. Dem eigentlichen Opfer Medusa aber raubt sie ihre Weiblichkeit noch bevor die erwachen kann. Sie macht aus ihr das Monster ohne Brüste, mit schuppiger Haut und aus ihren Haaren die berühmte, abschreckende Schlangenfrisur. Dazu kam, dass jeder Mann zu Stein erstarrt, dem sie direkt in die Augen blickt. Erst Perseus kann diesem Leben, das Medusa als Fluch empfindet, ein Ende bereiten. Dass er selbst das Ergebnis einer Vergewaltigung ist, bei der Zeus die Prinzessin Danaë in Form eines Goldregens schwängerte, verleiht ihrer einzigen und für Medusa tödlichen Begegnung eine zusätzliche Ebene von Schicksalhaftigkeit.

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Medusa in Brüssel. Foto: © Simon Van Rompay

Medusa in Brüssel. Foto: © Simon Van Rompay

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Marie Juliette Ghazarian ist aus weiter Ferne die Stimme jener Danaë. Jedenfalls vermag Perseus, die Frau hinter dem Monster mit den Schlangenhaaren zu erkennen. Für die anspruchsvolle Rolle der Medusa ist Claudia Boyle eine vokale und darstellerische Idealbesetzung. Nicht nur, weil der gesangs- und stimmenaffine Bell ihr die Partie gleichsam in die Kehle komponiert hat, sondern auch, weil sie die Wandlung vom naiven jungen Mädchen zum Opfer – erst der Vergewaltigung durch Poseidon und dann des Fluches der Athene – mit darstellerischem Charisma glaubhaft umzusetzen versteht.

Und so zögert Perseus, obwohl er losgezogen ist, um mit dem abgeschlagenen Haupt der Medusa seine Mutter zu erlösen, damit seine Absicht umzusetzen, lässt sich dann aber von Medusa selbst überzeugen, sie zu erlösen. Köpfen als eine Art Liebesakt. Was es in dieser Variante auch nicht oft gibt. Perseus wird bei Tenor Josh Lovell, obwohl ein Mann, zu einer emphatisch mitfühlenden Figur. Er ist der Gegenentwurf zum skrupellosen Vergewaltiger Poseidon. Für diesen Typen muss Konstantin Gorny nicht mal seine Stimme heben, so sicher ist er darin, einfach machen zu können, was er will. Er ist die personifizierte toxische Männlichkeit in der Maske eines Gottes.

Zum Personaltableau der Oper gehören die beiden unsterblichen Schwestern der Medusa. Die eher fürsorgliche Euryale (Paula Murrihy) und die streitlustige und aggressive Stheno (Angela Denoke) versuchen, jede auf ihre Weise, ihre sterbliche Schwester zu beschützen. Was beiden nicht gelingt. Aber auch die Hohepriesterin (Anu Komsi) und ihrem Gefolge gelingt es nicht, den Tempel der Athene vor Poseidons Attacken zu bewahren. So bekommt Mary Elizabeth Williams als Göttin Athene auf schwindelerregend hohem Sockel ihren atemberaubenden Racheauftritt.

Bells sinnliche, offensiv und virtuos auf das klassische große Orchester und die vokalen Gestaltungsmöglichkeiten seiner Protagonisten bauende Musik, lässt sowohl bei der ausführlichen Vergewaltigungsszene als auch bei Athenes Auftritt jede Subtilität fahren und schlägt erst roh und mit donnernder Härte und dann mit gewaltigem Furor zu. Das sind die Sturmböen im dräuenden Klanggewoge.

In einer packenden Einheit von Libretto, Musik und Inszenierung wird hier ein Mythos, der sich über die Zeiten bislang allemal aus Konstanten der menschlichen Natur und ihrer Abgründe speist, zum Leben erweckt und als gelungenes Gesamtkunstwerk verhandelt!

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