Die Manon in Jules Massenets gleichnamigem Fünfakter aus dem Jahre 1884 heißt mit Familiennamen Lescaut. So, wie auch die junge Frau bei Giacomo Puccinis neun Jahre später in seiner mit vollem Namen benannter Oper „Manon Lescaut“.
Damenchor. Foto: © Nilz Böhme
Wenn Männerblicke Frauen töten – Christian Øland gibt mit Jules Massenets „Manon“ als neuer GMD seinen Operneinstand in Magdeburg
Es geht hier wie dort um ein blutjunges Mädchen, das nicht nur vom Weg in das von der Familie für sie vorgesehene Klosterleben, sondern dabei auch gleich noch vom Pfad der Tugend abkommt. Auf der Reise verliebt sie sich in den Chevalier Des Grieux und brennt mit ihm durch. Als den wiederum dessen Vater aus dem Pariser Zweisamkeitsidyll entführen lässt und Manon ihn nicht vor der Entführung warnt, geht es für sie dem Anschein nach bergauf, in Wahrheit aber bergab. Sie lässt sich zu einem Leben in der Halbwelt verführen und macht dort mit Schönheit und Charme Karriere. Dass sie dafür ihre große Liebe verraten hat, verdrängt sie zwar, kann das aber nicht überwinden. So hält sie ihn gerade noch davon ab, Priester zu werden und verführt ihn, mit ihr in die Welt der Spielsalons zu kommen. Zum zweifelhaften Weg „nach oben“ gehört der unweigerliche Absturz. Beim Glücksspiel werden beide des Betrugs beschuldigt und verhaftet. Vater Des Grieux rettet zwar seinen Sohn, aber Manon bleibt ihrem Schicksal überlassen. Operngemäß stirbt sie in den Armen ihres Geliebten (anders als bei Puccini) noch auf französischem Boden und nicht in der amerikanischen Verbannung.
Die Musik von Massenets „Manon“ baut auf die Bereitschaft zum Mitfühlen und sich Ergreifenlassen. Es gab gewiss Zeiten, in denen da auch geschluchzt wurde. Kommt das heute auf die Bühne, schwingt natürlich der Ehrgeiz mit, die Verhältnisse ins Visier zu nehmen, die zu solchen Frauenschicksalen führen, die Doppelmoral der männlich dominierten bürgerlichen Gesellschaft zu zeigen.
Die Oper Magdeburg kündigt die Inszenierung des Briten James Bonas denn auch ambitioniert mit der Überschrift „Unter männlichen Blicken“ an. Tatsächlich liefert das für Thibault Vancraenenbroeck die Grundidee seiner Ausstattung. Ein Dutzend beweglicher, durchsichtiger Spiegel sind das wesentliche Interieur in einem ansonsten leeren, dunklen Raum. Im Halbkreis formiert, begrenzen sie die Spielfläche. In veränderter Kombination lassen sich damit alle benötigten Räume knapp andeuten. Für den Gasthof, in dem die Reisenden warten, sind es ein paar Koffer; für die Pariser Bleibe der Liebenden ein Tisch mit zwei Stühlen im Spiegelkabinett; für den Luxuseinkauf ein paar Auslagen mit Schmuckstücken; fürs Kloster ein Neonkreuz; für die Spielbank ein geometrisches Deckenvideo und für den Weg in die Gefangenschaft projizierte Wolken und Schnee.
Anna Malesza-Kutny, Opernchor. Foto: © Nilz Böhme.
Wenn hinter den Spiegeln Männer stehen und Manon beobachten, soll das bedeuten, dass sie zur Projektionsfläche männlicher Begehrlichkeiten wird. Nun ja. Da ist zwar eine nachvollziehbar umgesetzte Idee, aber für eine wirklich packende Geschichte, die von Menschen (Frauen mit ihrer ausgebremsten Lebenslust und Männern mit ihren egoistischen Besitzansprüchen und Charakterabgründen) erzählt, ist das allenfalls ein Rahmen. Hier wird die Szenenfolge in Oper-Noir-Optik im Grunde brav abgearbeitet. Zweimal schimmert dabei in andeutend witzigen Ensemblechoreografien auch Humor auf. Gleich zu Beginn, wenn die Damen der besseren Gesellschaft über die Reisenden tratschen. Und dann noch mal im Kloster, wenn eine weibliche Fangemeinde Des Grieuxs (wohl mehr über ihn als seine Predigt) in Verzückung gerät. Der Reist ist mehr Arrangement als echte Personenführung. Damit bremst die Szene das emotionale Auflodern der Leidenschaft im Graben und bei den meisten Protagonisten eher aus.
Der neue GMD Christian Øland und seine Magdeburgische Philharmonie werfen sich nach Kräften ins französische Idiom der Musik. Er vermag es, die tragisch umschimmerte Traurigkeit der Leichtigkeit der Musik aufscheinen zu lassen und damit zu berühren. Aber auch mit den beschwingten, eher tänzerischen Passagen zu beeindrucken. In der Titelpartie fasziniert Anna Malesza-Kutny sowohl mit ihrer gefühlvollen vokalen Leichtigkeit als auch mit ihrem darstellerischen Wandel vom naiven jungen Mädchen zur Königin (auf Zeit) in den Salons und der am Boden zerstörten Sterbenden. Leider ist Aleksandr Nesterenko ein Cavalier Des Grieux, der nur punktuell stimmlichen Glanz entfaltet und darstellerisch meist regelrecht ausgebremst wirkt. Johannes Stermann überzeugt mit der Würde des in letzter Minute einschreitenden Vaters Des Grieux. Marko Pantelić ist ein viriler, gar zackiger Lescaut, der sowohl den besorgten Familienmenschen als auch den gewissenlosen Spieler überzeugend verkörpert. Oliver Huttel verschafft dem Intriganten Guillot ein ebenso wahrnehmbares Profil wie Mingyu Ahn es mit Monsieur de Brétigny gelingt. Eine Show für sich sind Rosha Fitzhowle als Poussette, Jeanett Neumeister als Javotte und Claire Péron als Rosette. Jeder ihrer Atmosphäre imaginierenden Auftritte ist eine Augen- und Ohrenfreude. Das gilt auch für den von Martin Wagner einstudierten Chor.
Der einhellige Beifall würdigte alle. Man darf ihn getrost als herzliches Willkommen für den GMD interpretieren. Wieviele Zuschauer froh waren, dass Manon nicht noch wie bei Puccini in die amerikanische Wüste geschickt werden musste um zu sterben, bleibt ein Geheimnis.
Weiterlesen mit nmz+
Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.
Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50
oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.
Ihr Account wird sofort freigeschaltet!