Wolfgang Amadeus Mozarts und Lorenzo da Pontes „Le nozze di Figaro“ ist vieles. Mit seinem Personaltableau ist es die Fortsetzung von Gioachino Rossinis 30 Jahre später entstandenem „Barbier von Sevilla“ und der Vorgänger von Ödön von Horváths nach 150 Jahren nach Mozart anschließendem Stück „Figaro lässt sich scheiden“. Für sich genommen ist der Vierakter eine Komödie vom Feinsten, ein Stück über das Auflodern, Erkalten und Wiedererwachen von Liebe bei vier Paaren aus mehreren Generationen: Barbarina und Cherubino, Susanna und Figaro, Rosina und Almaviva und Marcellina und Bartolo.
v.l. Franziska Krötenheerdt, Jonathan Michie. © Anna Kolata
Wer ist Figaro wirklich? Mit „Die Hochzeit des Figaro“ beginnt die Spielzeit in Halle
Und es ist, allein schon wegen des Uraufführungsjahres 1786, kurz vor der Französischen Revolution, das Musterbeispiel für ein Kunst-Stück mit gesellschaftskritischem Potenzial, das es in sich hat. Weil es exemplarisch vorführt, wie sich Menschen unter bestimmten Umständen verhalten, sich anpassen, um zu überleben, aber auch versuchen, etwas zu verändern. Vor allem aber ist das, was das kongeniale Duo aus Komponist und Librettist aus der Komödie von Beaumarchais gemacht haben, ein Beispiel von genialem Musiktheater, das sich im Kern als resistent gegen jede Art von Überschreibung erwiesen hat bzw. sie aushält. So gesehen ist diese Oper wirklich zeitlos bzw. per se natürlich auch ein Stück für die Gegenwart.
Auch dann, wenn man – wie jetzt der regelführende Intendant in Halle, Walter Sutcliffe – so mit der Interpretenfaust auf den Tisch haut, dass es scheppert. Und der Titelheld, den man als – nun ja – im Grunde sympathischen Schlawiner vor Augen hatte, am Ende im wahrsten Wortsinn verzweifelt in die Knie geht. Obwohl sein Intrigenspiel funktioniert hat, weil er halt weiß, wie der Hase läuft. In Halle wird er jetzt zum Bad Guy, einem skrupellosen Typen, der ausschließlich nur an sich und seinen Profit denkt und für den die anderen nur Kollateralschäden sind. Hat man das vorher im Programmheft gelesen, dann wird sein Zusammenbruch und das jämmerliche Bild, das er am Ende abgibt, zu einer Art Selbsterkenntnisschock.
Wenn er am Anfang wie besoffen vom Junggesellenabschied sein Geld zählt (statt das zugewiesene Zimmer im Luxus-Anwesen von Almaviva zu vermessen), wird das zu einer Art Kupplerlohn (oder neudeutsch Schweigegeld), das ihm offensichtlich sein Boss (wie der Graf im typischen Übertitelslang des Hauses auch mal genannt wird) gezahlt hat. Klartext im Programmheft: Figaro ist hier „sowas wie die Rechte Hand von Jeffry Epstein“. Wow! Kann und darf man das so umdeuten? Wenn man es kann, darf man es natürlich – keine Frage. Muss man dem folgen? Natürlich muss man das nicht.
v.l. Vanessa Waldhart, Jonathan Michie, Ki-Hyun Park, Chor der Oper Halle. © Anna Kolata
Das gilt in diesem Fall auch für das Bühnenbild. Wie gut Dorota Karolczak Drehbühnen-Konstruktionen und Kostüme beherrscht, hat sie gerade mit der Ausstattung von Rossinis „Barbier“ in Weimar bewiesen. Die drei labyrinthischen, dauerbewegten Treppentürme für ihre Figaro-Ausstattung öffnen in Halle aber nicht den Raum fürs überzeitliche Auf- und Ab der Gefühle und den analytischen Blick hinter die Fassade. Sie machen sich zur Hauptsache der Ästhetik, wirken beklemmend, nehmen der Komödie jede Leichtigkeit. Brutalobeton-Anmutung, knallig bunte Kleiderornamentik und Anklänge an Retromode sind wie immer Geschmackssache. Immerhin durften die Damen, auch die des Chors, nicht nur stimmlich, sondern auch optisch glänzen. Wenn sich die Gelegenheit bot, dem Gesang die Oberhand zu verschaffen und ihn mit der szenischen Vorgabe in Übereinstimmung zu bringen, gab es – vor allem im zweiten Teil nach der Pause – viele Mozart-Momente, die lohnten. Vom Gesang und dem Engagement, mit dem sich alle ihre Rollen annehmen, lässt sich eh nur Positives vermelden.
Ki-Hyun Park hatte es nicht leicht, seinen Figaro darstellerisch zu verfinstern, machte das aber mit bewundernswerter Energie. Vanessa Waldhart sorgte als Stimme der Vernunft für eine so selbstbewusst bodenständige wie auch verführerische Susanna. Franziska Krötenheerdt ist eine betont junge, gleichwohl hinreißend resignierende Gräfin, die sich auch mal von einem Cherubino anflirten lässt, den Yulia Sokolik überzeugend als den stürmischen jungen Mann verkauft, der für den Grafen durchaus zu der Konkurrenz bei den Frauen gehört, die er sich vom Leibe halten will. Als Graf Almaviva mit blonder Schmalzlocke macht Jonathan Michie besonders mit seiner kraftvollen Eloquenz als der Boss Eindruck, mit dem Figaro sowohl paktiert als auch herausfordert. Zu den Vorzügen der Inszenierung gehört, dass sie die Nebenrollen ernst nimmt. Es macht Freude zu sehen, wie Gerd Vogel sich letztlich als Dr. Bartolo aufrafft und zu seiner Jugendliebe und ihrem Sohn bekennt. Diese elegante Marcellina in Rot ist bei Anke Berndt allerdings auch eine attraktive Perspektive fürs gemeinsame Alter. Mit darstellerischer Sorgfalt und durchweg präzisem Gesang verschaffen aber auch Robert Sellier als kuppelnder Don Basilio, Maik Gruchenberg als trinkfester Gärtner Antonio und Rachel Ridout als Barbarina (nicht nur bei der Suche nach der verlorenen Nadel) Rollenporträts, denen man gerne zusieht und vor allem -hört. Der von Frank Flade einstudierte Chor ist in vokaler Hochform und obendrein (wie als Belohnung für andere Inszenierungen) als wahre Augenweide kostümiert.
Nicht zuletzt aber sorgen Dirigent Andreas Wolf und die Staatskapelle im Graben für einen geschmeidigen, auch in den Parlandopassagen flüssigen, durchaus suggestiven Mozartton. Der Beifall des Premierenpublikums für alle war einhellig. Im Programmheft hat der Hausherr die Komplettierung des Ponte-Zyklus mit „Don Giovanni“ und „Così fan tutte“ angekündigt. Allein schon wegen Mozart und seinen fabelhaften Interpreten muss man das nicht als Drohung, sondern als Versprechen auffassen.
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