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Beglückende Grenzüberschreitungen

Untertitel
Neuerscheinungen für Blockflöte von Thomas Morley bis Ed Sheeran
Vorspann / Teaser

Barbara Ertl: Meine ersten Flötentöne. +++ Barbara Ertl (Hrsg.): BlockPop – 10 Popsongs +++ Ute Schleich (Hrsg.): Colors of Christmas. Weihnachtliche Impressionen für Blockflöte solo. +++ Georg Philipp Telemann (Hrsg. Klaus Hofmann): Concerto a-Moll TWV 43:a3 für Altblockflöte, Oboe, Violine und Basso continuo. +++ Thomas Morley: Sechs Duette aus „A plaine and easie introduction to practicall musicke“ 1608 +++ Franz-Michael Deimling: 3 Miniaturen für Altblockflöte und Klavier. ++ Claudio Monteverdi: L’Orfeo für 6 Blockflöten (SATBGbSb) oder Blockflötenorchester und Erzähler*in

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Barbara Ertl: Meine ersten Flötentöne. Band 1 incl. Audio-Download. Musikverlag Holzschuh VHR 3676

Barbara Ertl ist immer sehr aktiv, was das Erstellen neuer Blockflötenschulen betrifft und ihr ist mit dieser Schule wieder ein sehr guter Wurf gelungen. Die Schule richtet sich fantasievoll und mit schönen Illustrationen an sehr junge Blockflötisten und Blockflötengruppen, die vielleicht sogar noch im Vorschulalter sind. Mit wunderbaren Liedern und lustigen Texten wird der Tonumfang von d1 bis d2 eingeführt. Dabei geht es trotzdem mit c2 als erstem Ton los. Rhythmisch geht es um Viertel, Achtel, Halbe und die Halbe- und Viertelpause. Die Kinder musizieren von Anfang an mit der Flöte, der Stimme und dem Körper, alles auch mit bunt arrangierten Audiodateien zum Mitspielen, die man unbedingt nutzen sollte. Ein Dominospiel mit Rhythmusbausteinen und große Notenzeilen zum Notenmalen können den Instrumentalunterricht bereichern und auflockern. Es gibt auch noch zweite Stimmen für die Lieder, wobei wünschenswert gewesen wäre, dass sie als kleines Beiheft schon mit im Band liegen. So muss man sie sich selbst ausdrucken. Eine Aspekt überzeugt nicht so sehr: Die hier nur angesprochene Artikulationsart „dü“ für jeden einzelnen Ton birgt das Risiko, dass die Melodien dann doch etwas ruppig klingen. Das ist teilweise auf den Audiodateien auch so zu hören. Sicher kann man da auch noch andere Artikulationssilben benutzen, die von Anfang an eine weiche und verbundene Melodieführung fördern. Ob man moderne Spieltechniken bei den Jüngsten gleich am Anfang mit einer – vor allem in der Video-Animation – doch recht gruseligen Geisterstunde einführen will, bleibt natürlich jedem Lehrer überlassen. Wichtig wäre, dass diese Spieltechniken im Laufe des Blockflötenunterrichtes immer wieder ganz selbstverständlich wiederholt und eingesetzt werden.

Barbara Ertl (Hrsg.): BlockPop – 10 Popsongs inkl. Audio-Downloads. Ausgabe für Sopranblockflöte. Musikverlag Holzschuh VHZ 3673 (Altblockflöte VHZ 3674)

Da habe ich nun Songs von Ed Sheeran, Nathan Evans, Pink, Passenger und anderen Popgrößen, bearbeitet für Alt- oder Sopranblockflöte, vor mir liegen und bin mir recht unsicher, wie ich damit umgehe. Pop für Blockflöte? Die Noten sind rhythmisch anspruchsvoll und das Notenbild auf dem ersten Blick schon recht herausfordernd. Doch nach dem Downloaden der Begleitmusik und dem Hören der ersten Takte packt es mich und ich spiele doch mit viel Spaß und Musizierfreude mit – das hätte ich nicht gedacht. Wenn man also zu Hause mit der Blockflöte gute Laune verbreiten möchte, dann einfach den Verstärker hochdrehen und los geht es. Die Version mit der Altblockflöte finde ich gelungener als die für Sopran, da die Songs höher gesetzt sind und der Spieler klanglich mehr gestalten kann.

Ute Schleich (Hrsg.): Colors of Christmas. Weihnachtliche Impressionen für Blockflöte solo. Pan Verlag PAN 473

Wie es der Titel schon vermuten lässt, gibt es in dieser Sammlung moderner Solostücke eine bunte Vielfalt an Kompositionen, die Weihnachten in den verschiedensten Facetten beleuchten. Elf Komponist:innen, darunter auch Karel van Steenhoven, haben sich zum Thema viele musikalische Gedanken gemacht und verschiedenste Werke geschaffen. Von traditioneller Programmmusik über mehr oder minder moderne Variationen und Fantasien alter Weihnachtslieder bis zu experimentellen Werken zu weihnachtlichen Themen reicht die musikalische Spannbreite, bei der für jeden Geschmack etwas dabei ist. Der Schwierigkeitsgrad liegt doch schon eher im oberen Bereich und spricht fortgeschrittene Blockflötisten und Schüler an, die ausgetretene Pfade verlassen möchten und neugierig auf andere Weihnachtsklänge sind. Zu den meisten der Werken gibt es auch eine Einspielung von Ute Schleich auf CD, die käuflich zu erwerben ist.

Georg Philipp Telemann (Hrsg. Klaus Hofmann): Concerto a-Moll TWV 43:a3 für Altblockflöte, Oboe, Violine und Basso continuo. Edition Walhall EW1253; Concerto G-Dur TWV 43:G6 für Altblockflöte, Oboe, Violine und Basso continuo EW1264

Klaus Hofmann gibt hier zwei lohnenswerte Konzerte von Georg Philipp Telemann für Altblockflöte, Oboe, Violine und Basso continuo nach überlieferten Abschriften neu heraus. Das sehr lesenswerte Vorwort zeugt von fundiertem Wissen und hohem wissenschaftlichem Anspruch. Verschiedene Quellen werden miteinander verglichen und auf Authentizität geprüft. Herausgeberzusätze werden gekennzeichnet und in den Kritischen Berichten kann man bei Interesse alle verschiedenen Quellenangaben nachlesen. Der Notendruck ist ansprechend gestaltet und wendetechnisch sehr gut durchdacht und die vorgeschlagene Generalbassaussetzung lässt sich gut und klangvoll ausführen. Der barockerfahrene Musiker spielt natürlich neben den freien Verzierungen alle notwendigen Triller, auch wenn diese in den Abschriften nicht immer angegeben sind. Das Concerto a-Moll ist im Vergleich technisch höchst anspruchsvoll mit virtuosen Soli für Blockflöte, Oboe und vor allem für die Violine. Beide Konzert-Ausgaben sind für diese klangvolle barocke Kammermusikbesetzung sehr zu empfehlen.

Thomas Morley: Sechs Duette aus „A plaine and easie introduction to practicall musicke“ 1608, eingerichtet von Adrian Wehlte. Edition Walhall FEA023

Alte Duett-Musik wie die bekannten Fantasien des William-Byrd-Schülers Thomas Morley – original für zwei Vio­len da gamba – wird auch immer gern auf Blockflöten gespielt. Nun sind hier in der Flautando Edition sechs Duette aus seiner Sammlung „A plaine and easie introduction to practicall musicke“ in einer Bearbeitung von Adrian Wehl­te erschienen. Eingerichtet für Alt-, Tenor- und Bassblockflöten sind alle im gut spielbaren Violin- oder Bassschlüssel notiert, statt original im Mezzosopran- oder Altschlüssel (wie es unter imslp.org zu finden ist). Einige Duette sind außerdem in eine andere, für Blockflöten passendere Lage transponiert worden. Uns Blockflötisten freut diese neue Ausgabe, kann man doch trefflich neben der schönen Musik noch an gängiger Intonation und Artikulation des 16. Jahrhunderts feilen. Eine Notenausgabe für den zweiten Spieler liegt dem Heft praktischerweise bei.

Franz-Michael Deimling: 3 Miniaturen für Altblockflöte und Klavier. Musikverlag Deimling MVD 40201

Die drei Miniaturen sind explizit für eine moderne Altblockflöte mit E-Fuß geschrieben. Dieses Instrument ist entwickelt worden, um den manchmal benötigten Tonumfang bis e abzudecken. Natürlich schränkt das die Aufführung des Werkes etwas ein, da diese besonderen Blockflöten eher selten angeschafft und gespielt werden. Der Blockflötenpart ist vom Notentext her leicht gehalten, schwieriger sind die rhythmischen Anforderungen. 10/8- und 7/8-Takte müssen gut im Zusammenspiel mit dem Klavier übereinander musiziert werden und die schnellen Miniaturen benötigen schon ein recht spritziges Tempo, um überzeugend zu wirken. Der Klavierpart birgt als zu bewältigende Schwierigkeiten große Arpeggien über zwei Oktaven und schnelles Oktavspiel. Franz-Michael Deimling komponiert gerne pädagogische Literatur und in diesem Sinne sind die Miniaturen sicher etwas für ein gutes Schülerduo im Mittelstufenbereich.

Claudio Monteverdi: L’Orfeo für 6 Blockflöten (SATBGbSb) oder Blockflötenorchester und Erzähler*in (Bearbeitung: Dagmar Scherschmidt). Edition Walhall EW1000

Die hier vorliegende Bearbeitung enthält zwanzig Sätze aus Monteverdis Oper „L’Orfeo“ und ist für etwa 50 Minuten Spieldauer konzipiert. Neben der berühmten Eingangs-Toccata gibt es Ritornelli, Sinfonien, Madrigale, Arien und polyphone Chorsätze zum Musizieren auf Blockflöten von Sopran bis Subbass. Ein Sprecher kann die einzelnen Nummern mit Texten aus dem Original-Libretto verbinden, erstellt für diese Ausgabe in Deutsch von Barbara Metzner-Lucas. Für Blockflötisten ist es wunderbar, diese beeindruckende Musik in allen Parts selber einmal spielen zu dürfen und es gibt bestimmt gute Gelegenheiten, den Orfeo in dieser Form aufzuführen. Klangliche Vielfalt ist mit dem Einsatz der großen Blockflötenfamilie auf jeden Fall gegeben. Gewiss ist die Bearbeitung in keiner Weise als Konkurrenz zum Originalwerk mit allen gebräuchlichen Instrumenten des 17. Jahrhunderts und den dazugehörenden Sängern angedacht und bleibt daher das, wofür Dagmar Scherschmidt sie konzipiert hat: eine interessante und sicher beglückende musikalische Grenzüberschreitung.

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