Leoš Janáček: Sinfonietta für Orchester, hrsg. von Jirí Zahrádka (Kritische Gesamtausgabe der Werke von Leoš Janáček D/9). Bärenreiter Praha BA11580-01 / Bohuslav Martinů: Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 H 196 I–III, hrsg. von Giselher Schubert (The Bohuslav Martinů Complete Edition III/1/10). Bärenreiter Praha BA10584-01
Sinfonietta-Kosmos und drei Cellokonzert-Versionen
Die Leoš-Janáček-Gesamtausgabe hat endlich auch den Band mit seinem späten und bedeutendsten Orchesterwerk vorgelegt: der im März 1926 innerhalb eines knappen Monats komponierten „Sinfonietta“ (oder, in Janáčeks Schreibweise, zunächst „Symfonietta vojenská“, also Militär-Sinfonietta). Dieses ist in jeder Hinsicht ein großer Klassiker, den das selbst verursachte Schicksal ereilte, ein „Klassik-Hit“ in der virtuellen Welt (also derjenigen der Tonaufnahmen) zu werden, im Konzertsaal außerhalb Tschechiens jedoch nur gelegentlich zu erklingen. Der simple Grund dafür ist das Fanfaren-Ensemble — bestehend aus 9 Trompeten, 2 Tenortuben und 2 Basstrompeten —, welches das Stück nicht nur mit den Pauken alleine eröffnet, sondern im Verlauf mit dem Hauptorchester fusioniert wird, welches aus 4 Flöten (4. auch Piccolo), 2 Oboen (2. auch Englischhorn), 2 Es-Klarinetten und 2 B-Klarinetten, 2 Fagotten (die erstaunlich sparsam eingesetzt sind), 4 Hörnern, 3 Trompeten, 4 Posaunen, Basstuba, Pauken, Perkussion (Röhrenglocken und Becken), Harfe und Streichorchester besteht.
Zwölf Trompeten
Das bedeutet, dass bei einer Urtext-Aufführung der Sinfonietta zwölf Trompeten mitwirken und nicht, wie in vielen Fällen, neun. Janáček wünschte sich den hellen, schlanken, rauh aggressiven Klang des Militärblasorchesters, was bedeutet, dass das runde und sonore Klangideal unserer Orchester nicht dem entspricht, was sein Ideal war. Das grelle Klangbild und der militärische Charakter wird durch die obligatorische Mitwirkung der beiden Es-Klarinetten noch verstärkt. Das umfangreiche Vorwort von Herausgeber Jirí Zahrádka beleuchtet eingehend die Entstehungs- und Aufführungsgeschichte bis zum Tod des Komponisten mit besonderem Augenmerk auf die Dirigenten Václav Talich (Uraufführung am 26. Juni 1926 mit der Tschechischen Philharmonie) und Otto Klemperer.
Auslöser des Werks war ein Fanfaren-Auftrag des kulturell einflussreichen Turnvereins Sokol; Ausgangsinspiration war ein Fanfarenaufzug der Sokol-Bläser in Písek; und Janáček skizzierte das zugrundeliegende „Programm“, welches das fünfsätzige Werk als Lobpreisung der geliebten Stadt Brünn (Brno) ausweist: Fanfaren, Burg, Königinkloster, Gasse und Rathaus. Da die bisherigen Drucke (Erstdruck der Universal Edition von 1927, in späterer Auflage redigiert von Karl Heinz Füssl, und Neuausgabe 1980 der Edition Peters in der DDR) sorgfältig ediert wurden, wartet der vorliegende Gesamtausgabe-Band mit keinen sensationell hörbaren Korrekturen auf, ist jedoch in seiner makellosen Perfektion nunmehr maßgeblich – insbesondere aufgrund der authentischen Hinweise zu Tempi und Retuschen (Janáček, Talich, Klemperer, Mackerras) in der Partitur. Als vorbildlichste mir bekannte Aufnahme ist diejenige der Brünner Staatsphilharmonie unter Jirí Belohlávek ein weiterer hilfreicher Wegweiser in den Sinfonietta-Kosmos.
Ein ganz anderes Niveau an editorischer Komplexität stellte sich für den Hindemith-erfahrenen Herausgeber Giselher Schubert beim 1. Cellokonzert im Rahmen der Bohuslav-Martinů-Gesamtausgabe, der das Werk tatsächlich in drei markant divergierenden Fassungen in einem Band vorlegt (eine Aufteilung in drei Bände hätte das vergleichende Studium Passage für Passage immens erleichtert). Bei dem großen Umfang des Bandes (284 Seiten Partitur, 50 Seiten kritischer Bericht, je 10 Seiten Vorwort auf tschechisch und englisch, 18 abgebildete Facsimile-Seiten) hätte man Schuberts sehr informatives Vorwort ohne nennenswerte Kostensteigerung auch in der deutschen Originalsprache abdrucken können.
Drei Fassungen
Schubert klärt detailreich über Genese, Aufführungs- und Publikationsgeschichte des Werks auf und korrigiert dabei einige Fehler aus Harry Halbreichs einst verdienstvollem Werkverzeichnis. In der auf Anregung von Maurits Frank, dem Cellisten von Hindemiths Amar-Quartett, 1930 entstandenen Erstfassung lässt Martinů den Solisten von einem trennscharf kompakten Orchester begleiten, wie es nach dem weitgehenden Zusammenbruch des Orchesterlebens im I. Weltkrieg zu Beginn des Rundfunkzeitalters aufgrund der leichteren Realisierbarkeit immer mehr in Mode gekommen war (siehe auch die Cellokonzerte von Ernst Toch und Ottmar Gerster oder Alexander Tscherepnins „Mystère“ und Tripelkonzert): doppeltes Holz und Blech, Pauken, Schlagzeug, Klavier und Streicher.
Schott nahm das Konzert in Verlag, wartete jedoch mit dem Partiturdruck ab, bis Martinů sich selbst einen Eindruck verschaffen und Revisionen liefern konnte – was sich dadurch extrem verzögerte, dass er das Werk erst 1938 zum ersten Mal im Konzert hörte. Er nahm sogleich Verbesserungen vor, doch dann entschied er sich 1939, eine komplett überarbeitete Neufassung vorzulegen, nunmehr mit Erweiterung auf 4 Hörner, 3 Posaunen und Basstuba, und unter Beibehaltung des Klaviers als rhythmischem Konturgeber, effektiv vor allem im Bassregister. Diese zweite Version des Konzerts blieb in den Händen des großen Exegeten des Werks, Pierre Fournier, der es jahrelang exklusiv aus in seinem Auftrag hergestelltem Material mit großem Erfolg aufführte.
Als Schott nach dem II. Weltkrieg wieder an die im Dritten Reich zerrütteten Verbindungen anknüpfte, entschloss man sich aufgrund der ständigen Nachfragen anderer Cellovirtuosen, 1951 nunmehr im Erstdruck die Partitur des 1. Cellokonzerts zu veröffentlichen, vermeintlich in der gültigen, von Fournier popularisierten zweiten Version, doch tatsächlich verfügte man nur über die erste Version mit den 1938 eingetragenen Revisionen.
Martinů wurde für die Drucklegung nicht weiter konsultiert, und der Irrtum bestand weiter, bis er endlich auffiel, was dazu führte, dass der Komponist 1955 – ein Jahrzehnt nach Vollendung seines 2. Cellokonzerts – die endgültige (dritte) Fassung des 1. Cellokonzerts erstellte. Hier hat er das Klavier gestrichen und ganz bewusst versucht, die spieltechnischen Schwierigkeiten dieses in seiner transparenten Faktur für die Orchestermusiker sehr anspruchsvoll auszuführenden Werkes zu vereinfachen. Auch wenn der Herausgeber mit gewissem Recht argumentiert, diese technischen Schwierigkeiten würden heute keine Rolle mehr spielen, so erleichtert doch die Reduzierung der Komplexität die befreite musikalische Gestaltung in natürlichem Flow.
Es ist meines Erachtens – wie mittlerweile längst üblich – absolut sinnvoll, dass das 1. Cellokonzert in der Regel in der finalen dritten Version dargeboten wird. Was an diesem Gesamtausgabe-Projekt grandios ist: Erstens steht jetzt die kammerorchestral realisierbare erste Version in der Urfassung zur Verfügung, und zweitens liegt erstmals die zweite Version von 1939 in Partitur vor, mit welcher Fournier dieses Werk durchgesetzt hat, das heute zum erweiterten Standardrepertoire der Cellisten gehört.
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