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Von der Verklärung zur Schelmenweise

Untertitel
Die Kritische Ausgabe der Werke von Richard Strauss schreitet voran
Vorspann / Teaser

Richard Strauss: Tod und Verklärung op. 24. Herausgegeben von Stefan Schenk. Mit einer Einleitung von Walter Werbeck. Verlag Dr. Richard Strauss (Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe, Serie III Band 6). Till Eulenspiegels lustige Streiche op. 28. Herausgegeben von Stefan Schenk. Mit einer Einleitung von Walter Werbeck. Verlag Dr. Richard Strauss (Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe, Serie III Band 7). Vorworte und Dokumente zu den Bänden sind unter www.richard-strauss-ausgabe.de verfügbar.

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Die von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften unter der Leitung von Hartmut Schick in Zusammenarbeit mit dem Richard-Strauss-Institut herausgegebene, im Verlag Dr. Richard Strauss in Verbindung mit Boosey & Hawkes, Peters und Schott erscheinende „Kritische Ausgabe“ der Werke von Richard Strauss bewegt sich bezüglich Gründlichkeit und editorischem Aufwand auf der Höhe einer vorbildlichen Gesamtausgabe –mit dem einzigen Unterschied, dass es sich „nur“ um eine Auswahl der bedeutendsten Werke handelt. Für alle, die dies als Mangel empfinden: Eine Gesamtausgabe der Werke von Strauss wäre nicht nur ein äußerst aufwändiges Unterfangen in Zeiten einer rasanten wirtschaftlichen Abwärtsspirale; es ist auch glücklicherweise zu konstatieren, dass die vorhandenen korrigierten Ausgaben in Anbetracht der barocken Opulenz und Komplexität der Musik erstaunlich arm an gravierenden Fehlern sind.

Nun sind also – nach den beiden erhaltenen Fassungen des „Macbeth“ und „Don Juan“ – mit „Tod und Verklärung“ und „Till Eulenspiegels lustigen Streichen“ die nächsten zwei Tondichtungen erschienen, und mit Windeseile kündigt sich schon die Veröffentlichung von „Also sprach Zarathustra“ an. Man ruht nicht am Münchner musikwissenschaftlichen Institut und ist inzwischen schneller unterwegs als die Jean-Sibelius-Gesamtausgabe. Herausgegeben sind beide neuen im Dirigierformat gedruckten Bände von Stefan Schenk, für das eingehende und informative Vorwort – das zu lesen viel weitere Recherche erspart und Dramaturgen und Autoren als Nachschlagewerk dienen kann –zeichnet Walter Werbeck verantwortlich. Viele bisher herumgeisternde Gerüchte, Ansichten und konkreten Äußerungen aus Strauss’ Umfeld wurden hier hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit und Relevanz neu bewertet.

Das Vorwort zu „Tod und Verklärung“ ist in folgende Kapitel unterteilt: Entstehung; Das Sujet; Der Weg zur Uraufführung; Das poetische Programm und die frühe Rezeption; Publikation und weitere Aufführungen; Zur Musik; Nachleben. Bei „Till Eulenspiegel“ ist das Schema dasselbe, doch an den Abweichungen ist schon klar erkennbar, welch anderer Geist hier weht: Entstehung, Drucklegung und Uraufführung; Sujet, poetische Idee, Programm; Musik; Rezeption; Die autographen Partituren von 1944/45. Vorbei ist es im „Till“ mit der hehren Idealisierung der Wagner-Liszt-Nachfolge, wie sie der Münchner Kreis um seinen Mentor Alexander Ritter gefordert hatte, und wie diese sich in den drei unmittelbar aufeinander folgenden Tondichtungen „Macbeth“, „Don Juan“ und „Tod und Verklärung“ niedergeschlagen hatte.

Auch muss man gestehen, dass bei aller Herrlichkeit von „Tod und Verklärung“, insbesondere des Endes, diese Art von Inhalt nur sehr bedingt Strauss’ Naturell entsprach. Über den Umweg des „Guntram“ changierte der Komponist von der Verklärung zur Schelmenweise und war mehr denn je zuhause. Die amüsanten Sottisen von Dirigenten wie Celibidache, der „Macbeth“ als „Don Juan in schwarz“ bezeichnete und beiläufig bemerkte, „Tod und Verklärung“ sei eigentlich „Streit und Versöhnung“, sind ja nicht ganz ohne Grund entstanden und stellen Strauss mit dessen eigenen Mitteln, wie er sie in grandios überzeichnender Weise in seinem „Till Eulenspiegel“ zum vollendeten musikalischen Ausdruck brachte.

So viel großartige Musik auch aus seiner Feder geflossen ist, müsste man ein einziges Werk nennen, in welchem das Charakteristische seines Wesens und Schaffens auf den Punkt gebracht ist, welches zudem in einer einmaligen Weise genial und revolutionär ist, die von keinem anderen Komponisten je auch nur annähernd berührt wurde, so kann man nur den „Till Eulenspiegel“ nennen. Hier zeigt der Komponist der ganzen akademischen Musikwelt ungeniert eine lange Nase. Wer allerdings die Idee von Humor in der Musik generell ablehnt wie einst Claudio Arrau, dürfte sich schwer damit tun. Und es gibt ja nach wie vor eine Neigung in der Rezeption, die Bedeutung von Werken an die Schwere und Tiefe ihres Gehalts zu knüpfen. Das mag auch die unangemessene Geringschätzung in intellektuellen Kreisen erklären, die gerade dem Symphoniker Strauss immer wieder entgegengebracht wird.

Was Strauss zudem in unübertrefflicher Weise gelungen ist: den bunten Reigen eines literarischen (oder idealistischen) Programms so schlüssig zusammenzuhalten, dass ein vollendet organischer symphonischer Zusammenhang entsteht, der uns die Musik auch dann ohne Einbußen erleben und mitvollziehen lässt, wenn wir uns keinerlei Gedanken über den außermusikalischen Inhalt machen. Sein Sinn, sein Maß, sein Weitblick für die Formung sind unübertroffen — zumal in den kompakt geformten Tondichtungen „Don Juan“, „Tod und Verklärung“ und „Till Eulenspiegel“. Psychologisch ist interessant, dass Strauss sich gerade dann von der symphonischen Dichtung abwandte, als er mit „Tod und Verklärung“ das Werk geschaffen hatte, das seine Anhänger am meisten befriedigte und seine Gegner am ehesten besänftigte. Nachdem er in der Folge seinen Plan, als Opernkomponist die Nachfolge Wagners anzutreten, aufgrund des Misserfolgs seines „Guntram“ aufschieben musste, kehrte er nach mehr als fünf Jahren mit frischem Mut zur Tondichtung zurück und präsentierte sich in seinem „Till“ unerschrockener, selbstbewusster, eigenständiger und kecker denn je. Sollten sich vorher noch irgendwelche kollektiv weitergetragene Reste von Bigotterie in seinem System befunden haben, so streifte er nun alles ab, was Muff und Altbackenheit hätte in seine Musik hineintragen können.

Beim Lesen der Takt für Takt kleinste Details auflistenden kritischen Berichte wird deutlich, dass es hier nicht um die Tilgung von hörbaren Fehlern gehen musste, sondern um pedantische Vereinheitlichung und Perfektionierung der Notation. In Klammern hat man in beiden Werken erstmals einige Metronomzahlen aus Briefen Strauss’ an den Lütticher Chefdirigenten Sylvain Dupuis übernommen. Und bei der Durchsicht der zwei späten Partitur-Abschriften, die Strauss 1944 und 1945 vornahm, fiel auf, dass Strauss eine Alternativbesetzung des „Till“ mit vier Hörnern und drei Trompeten auch im Schlussteil guthieß, ohne die bekannte ad-libitum-Verdopplung. Was eh schon möglich war, wird dergestalt argumentativ gestützt, doch bleibt die Verdopplung natürlich die erste Wahl.

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