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Peter-Lukas Graf 2007. Foto: © Andrea Fink

Peter-Lukas Graf 2007. Foto: © Andrea Fink

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Dirigent, Aushängeschild, Flöten-Koryphäe

Untertitel
In Memoriam Peter-Lukas Graf
Vorspann / Teaser

Zu den Highlights der Fortbildungsver­anstaltungen des Tonkünstlerverbands Bayern e.V. gehören sicherlich die Meisterkurse in München und Würzburg mit dem Schweizer Flötisten Peter-Lu­kas Graf. Nun ist der Doyen der Flöten­welt am letzten Tag des vergangenen Jahres, fünf Tage vor seinem 97. Ge­burtstag, in Basel verstorben. Bis kurz zuvor war er noch aktiv mit Meister­klassen, Lectures, Interviews… Und als es ihm im vergangenen November aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich war, persönlich zum Flöten­tag anlässlich des 40. Geburtstags der Deutschen Gesellschaft für Flöte nach München zu reisen, schickte er Grüße per Video und formulierte interessante Gedanken zur häufigen, aber kaum definierbaren Vortragsbezeichnung „espressivo“. 

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Peter-Lukas Graf wuchs in Zürich mit Musik auf. Die Mutter war Sängerin, eine der vier Schwestern wählte ebenfalls Musik zum Beruf als Geigerin und Sängerin. Als Kind spielte Peter-Lukas Graf Blockflö­te und bekam dann als Neunjähriger Querflötenunterricht. Mit zwölf Jahren wurde er Schüler von André Jaunet, dem Soloflötisten des Tonhalle-Orchesters und legendären Flötenlehrer am Züricher Konservatorium. Sein Züri­cher Debut mit dem Mozart-Flötenkon­zert D-Dur wurde in der Tagespresse als Flötenwunder eines Dreizehnjähri­gen gefeiert. 1947 schickte ihn Jaunet wie alle seine begabten Schüler nach Paris an das Conservatoire zu seinem ehemaligen Lehrer Marcel Moyse zur weiteren Ausbildung. Seine Mitstuden­tin Susi Steinhäusler (geb. Seiler), ebenfalls aus Zürich und die einzige Frau damals in der Flötenklasse, er­zählte: „Peluk konnte immer alles, wäh­rend wir anderen zittern mussten. Ent­weder wir konnten es oder mussten üben, bis wir es konnten. Wie, blieb uns selbst überlassen.“ Der Unterricht war unerbittlich, und erst als Moyse 1948 das Conservatoire verließ um nach Amerika zu gehen, entspannte sich die Atmosphäre unter seinem Nachfolger Roger Cortet.1949 wurde Graf einstim­mig der Premier Prix zuerkannt. Inhalt­lich orientierte sich die Ausbildung in Paris am Berufsbild Orchesterflötist: schöner Ton, gute Finger- und Zungen­technik, perfektes Blattspiel. Für Peter- Lukas Graf war die Technik die Basis, aber er war umfassender an Musik in­teressiert, nahm privat Klavierunter­richt und erwarb in Paris zusätzlich das Dirigierdiplom (1950) in der Klasse von Eugène Bigot, der seinerseits bereits 1935 eine erste Aufnahme des Flöten­konzerts von Jacques Ibert mit dem Widmungsträger Marcel Moyse geleitet hatte. Ohne das zu wissen, konnte Pe­ter-Lukas Graf dieses Konzert völlig un­befangen erarbeiten. Beim Internatio­nalen Musikwettbewerb der ARD 1953 spielte er es spektakulär und gewann den Wettbewerb, der ihm viele Türen öffnete. Bereits zuvor erregte seine Aufnahme des Ibert-Konzerts mit dem traditionsreichen Musikkollegium Win­terthur Aufsehen. In diesem Orchester wurde er 1950, noch während seines Pariser Studiums, als Soloflötist enga­giert. Hier sammelte er, ergänzt durch mehrmalige Mitwirkung im Festspiel­orchester Luzern, Erfahrungen unter berühmten Dirigenten: Furtwängler, Klemperer, Keilwerth, Fricsay, Stokow­ski, Karajan… Eugene Ormandy bot ihm sogar an, nach Philadelphia als Nachfolger des berühmten William Kin­caid zu kommen. Aber Graf hatte be­reits mit der Laufbahn als Orchesterflö­tist nach insgesamt sieben Jahren ab­geschlossen. Mit Recitals präsentierte er sich regelmäßig in der Schweiz, aber auch darüber hinaus. Vor allem ganze Abende nur mit Bach, Händel oder gar mit Flöte allein – das war damals neu und wurde zu seiner Spezialität. Seine Langspielplatte mit Werken für Flöte solo von 1970 setzte Maßstäbe. 

Peter-Lukas Graf war sporadisch auch als Dirigent tätig, wollte aber die­sen seinen zweiten Beruf weiter aus­bauen. In München bereitete er sich bei dem erfahrenen Kapellmeister Karl Tutein (1887–1984) auf die Oper vor und arbeitete in den 1960er Jahren vorwiegend als Konzert- und Opern­dirigent in Luzern, blieb aber weiter­hin als Solist und Kammermusiker der Flöte treu. In dieser Zeit veröffentlich­te Graf vermehrt Aufnahmen bei ver­schiedenen Plattenfirmen. 1968 wur­de Claves Records gegründet und Pe­ter-Lukas Graf wurde zum Aushänge­schild dieses Schweizer Labels. Auf etwa 40 LPs und CDs hat er wesent­liche Werke des Flötenrepertoires ex­emplarisch eingespielt, manche auch mehrmals, so die Flötenwerke von Jo­hann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart. Hier wird eine Ent­wicklung deutlich, die Kenntnisse der historischen Aufführungspraxis einbe­zieht. Graf blieb bis zum Schluss inte­ressiert und aufgeschlossen. Er hörte Vorlesungen von Nikolaus Harnoncourt und diskutierte mit seinem Kollegen Hans-Martin Linde, einem Pionier der neu entdeckten alten Musik, über De­tails der Interpretation. Einen Wechsel zu historischen Instrumenten hat er al­lerdings nie erwogen, zu sehr war er mit der modernen Böhmflöte verbun­den. Hier gilt Frans Brüggens Bonmot – Lieber ein originaler Kopf, als ein origi­nales Instrument – und die Frage nach dem Originalklang verschwindet in der Bedeutungslosigkeit. So berührt bei­spielsweise die spirituelle Tiefe seines Flötenspiels bei der Gesamtaufnahme der Kantaten, Passionen und Oratorien Bachs mit der Gächinger Kantorei un­ter Helmuth Rilling. 

Mit der Aussage, die Flöte sei gar nicht sein Wunschinstrument, irritierte Peter-Lukas Graf bisweilen. Die Musik interessiere ihn und die Flöte sei nur im wörtlichen Sinn das Instrument da­für und die perfekte Beherrschung die Voraussetzung. Für ihn war das Motiva­tion, bis ins hohe Alter täglich mehre­re Stunden zu üben – diszipliniert, kon­zentriert und effizient, wie er es auch in seinem Unterricht vermittelte. Peter- Lukas Graf dachte die Flötenstimme immer als Teil des Ganzen und wenn er ein neues Werk einstudierte, lag im­mer auch die aufgeschlagene Partitur daneben. So fand er zu überzeugenden und unverwechselbaren Interpretati­onen. Nur schön dahinspielen „wie‘s kommt“, war ihm zuwider. Da konnte er auch sarkastisch werden, wie wir in manchen seiner Meisterkurse erlebten. Man sollte entdecken und verstehen, was mit dem Notentext gemeint ist. Das sei die Basis für das, was letztend­lich den nicht erklärbaren Zauber der Musik ausmacht. 

Nach der Zeit als Dirigent in Luzern wandte sich Peter-Lukas Graf wieder verstärkt der Flöte zu. Auch ergaben sich Kontakte nach Buenos Aires und Japan und damit zunehmend Konzertreisen nach Lateinamerika und Fern­ost, wo ihm hohe Verehrung als „Flö­tist der Seele“ zuteilwurde. Sein analy­tischer Blick auf die Musik und die Flö­te machte ihn zum begehrten Dozenten für Meisterkurse und Professor an der Musikakademie Basel, an der er 1973 bis 1994 eine internationale Flötenklas­se leitete, deren Absolvent:innen welt­weit in Orchestern und Ausbildungsin­stituten aktiv waren und sind. Mit sei­ner Familie zog er nach Binningen bei Basel. Wer dort schon zu Besuch war, weiß die Gastfreundschaft im Hause Graf zu schätzen. Seine Tochter Aglaia, das jüngste der drei Kinder, wurde Pia­nistin und trat auch als Kammermusik­partnerin ihres Vaters auf. Nach seiner Emeritierung folgten mit erhöhter Fre­quenz die weltweiten Einladungen zu Konzerten, Meisterkursen, Flötenfestivals und Jurys. Seine Auftritte waren bis ins hohe Alter auf höchstem Niveau. Nur in der allerletzten Zeit wusste er, dass er sich nicht mehr die schwers­ten Programme zutrauen sollte. Aber wer beispielsweise noch sein Mozart- Andante KV 315 hören konnte, lernte es neu kennen: Diese Farbigkeit, die Melo­diegestaltung, die überraschenden Har­moniewechsel, der Schlussseufzer… 

Seine langjährigen künstlerischen und pädagogischen Erfahrungen fasste Graf in vielbeachteten methodischen Heften wie Check-up, Interpretation, The Singing Flute und Study with Sty­le zusammen. Darüber hinaus veröf­fentlichte er einige Notenausgaben und zuletzt Backstage – amüsante und in­teressante Episoden aus dem Leben des Flötisten. Aus seinen zahlreichen Würdigungen ragen der prestigeträch­tige Harriet Cohen International Music Award, London, 1958 (Bablock Prize) sowie 2005 der Ehrendoktortitel der Musikakademie Krakau und der Life­time Achievement Award der National Flute Association (USA) hervor. 

Nun weilt Peter-Lukas Graf nicht mehr unter uns. Die Flötenwelt ver­neigt sich vor diesem großen Künst­ler und Pädagogen. Felix Renggli, sein ehemaliger Schüler und Nachfolger als Professor an der Musikakademie Basel, drückt es so aus: „Seine Seele ist schon auf dem Wege, den wir alle gehen wer­den, nur müssen wir hier auf der Erde zuerst noch die Geschenke, die Peluk uns hinterlassen hat, auspacken.“ Und sein Name kreist weiterhin als Asteroid um unsere Sonne – 5856 Peluk... 

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