An der Bar das Leben vergessen – die Kölner Oper ging mit Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“ ins Netz


(nmz) -
Das Virus, bei dem man auch von dessen Design-Abbild auf dem Bildschirm langsam genug hat, treibt immerhin die Digitalisierung voran. Auch die der Opernhäuser bzw. der Übertragung ihrer Produkte ins Netz. Manche von ihnen sind damit schon ziemlich weit. Die Opernhäuser in München, in Zürich oder in Wien, um nur die routiniertesten Beispiele zu nennen. Jetzt hat auch die Oper in Köln nachgezogen. Mit George Benjamins „Written on Skin“ als Video-on-Demand. Und gleich danach mit der Liveübertragung von Tatjana Gürbacas Inszenierung von Erich Wolfgang Korngolds Jugendwurf „Die Tote Stadt“.
06.12.2020 - Von Joachim Lange

Dafür konnte man sich ein Ticket buchen (von kostenlos bis nach oben offen) und dann pünktlich vor dem Schirm einfinden. Technisch lief diese Premiere suboptimal. So einfach, wie sich der Laie das vorstellt, ist es offenbar nicht. Die Übertragung blieb immer wieder mal stecken. Wer durchhielt, dem fehlten am Ende etliche Minuten. Eine erhebliche Zahl der (angezeigten) Zuschauer stieg offenbar entnervt aus. Fairerweise muss man anfügen, dass die Kölner im Nachgang kurz entschlossen den Inhabern der fiktiven Tickets eine Video-on-demand-Variante offerierte, die ohne Probleme durchlief. Samt der interessanten Kulissengespräche in der mitgelieferten Pause.

„Die Tote Stadt“ wurde 1920 zwar in Köln (und zeitgleich) in Hamburg uraufgeführt, gemeint ist aber Brügge bzw. jenes Brügge, wie es in Georges Rodenbachs Roman  „Bruges-la-Morte“ gezeichnet wird, aus dem Paul Schott (wie sich der Vater des Komponisten als Autor nannte) das Libretto für die Psycho-Oper seines genialischen Komponisten-Sprösslings gedichtet hat. Das war die Basis für den zeitlebens und darüber hinaus größten Erfolg Korngolds (1897–1957). Im Pausengespräch ist die Bewunderung des Dirigenten der Kölner Produktion und Korngold-Fans Gabriel Feltz für den damals Anfangzwanzigjährigen nicht zu überhören. Das erwachsen gewordene Wunderkind halt, das das Zeug gehabt hätte, sich dauerhaft mit Richard Strauss und Giacomo Puccini zu messen, wenn denn nicht der Rassenwahn der Nazis dazwischen gefunkt hätte. In den USA hat er sein Talent in Hollywoods Dienste gestellt und dort der Filmmusik entscheidende Impulse verliehen.

Nach Köln passt das Werk im einhundertsten Jahr nach der Uraufführung natürlich besonders. Intendantin Birgit Meyer hat für diese Jubiläumsinszenierung in der (immer noch) provisorischen Spielstätte Staatenhaus auf der rechten Rheinseite einigen Besetzungsluxus und dazu ein ambitioniertes Regieteam um Tatjana Gürbaca aufgeboten. Der Livestream gibt zumindest eine Ahnung davon, wie Aušrine Stundyte und Burkhard Fritz ihre tragenden Rollen als Marietta und Paul mit vokaler und darstellerischer Leidenschaft höchst überzeugend ausfüllen. Neben der litauischen Sopranistin, die im Sommer in Salzburg als Elektra Furore machte, und dem Tenor, dem die Rolle des Paul längst vertraut ist, liefern vor allem die mezzosatte Daniela Schaechter als Brigitta und Wolfgang Stefan Schwaiger in der Doppelrolle als Pauls Freund Frank und als Pierrot überzeugende Rollenporträts. Schwaiger kann dabei auch mit einem der beiden Superhits der Oper („Mein Sehnen, mein Wähnen, es träumt sich zurück…“) glänzen.

In der Oper hat Paul die Liebe seines Lebens verloren und trauert ihr so intensiv nach, dass er nicht zurück in ein eigenes Leben findet. So seltsam zwischen Traum und Wirklichkeit die Geschichte auch changiert, am Ende bringt er den Plot ziemlich hellsichtig und klar selbst auf den Punkt: „Ein Traum hat mir den Traum zerstört, ein Traum der bittren Wirklichkeit den Traum der Phantasie“. Mehr mitgelieferte Selbsterklärung geht kaum. Davor hat er sich die Zufallsbekanntschaft Marietta als eine Rückkehr seiner verstorbenen Ehefrau Marie zurecht phantasiert. Natürlich hält sie dem Vergleich mit der übermächtigen Erinnerung nicht stand. Paul erwürgt sie mit dem Haarzopf der Toten. Als er aus diesem Tagtraum erwacht, zu dem die Musik auch den Zuschauer verführt, fragt er ernüchtert „Wie weit soll unsre Trauer gehen, Wie weit darf sie es, Ohn' uns zu entwurzeln?“. Damit ist nicht nur eine Ernüchterung nach einem Exzess in Worte gefasst, sondern auch die Frage nach den Optionen einer szenischen Umsetzung skizziert.

Tatjana Gürbaca, Stefan Heyne (Bühne) und Silke Willrett (Kostüme) versetzen sich und uns zwar in die Psyche des Trauernden, aber die Szenerie nicht ins Dunkel seiner „Kirche des Gewesenen“. Dieses Innere kommt bei ihr auf einen Präsentierteller im Gewand eines Thrillers. Wie an einer Bar sitzen einige einsame Menschen auf Hockern um die Drehbühne herum. Die wird bei geschlossenem Vorhang zur Projektionsfläche von Traumbildern (Videos: Sandra van Slooten und Volker Maria Engel). Bei geöffnetem Vorhang ist es ein Raum, der so von Fadenvorhängen beherrscht wird, als wären es die stilisierten Haare der Toten. Auf diese Innenperspektive trifft das Erscheinen von Marietta wie der Einbruch von Realität.

Was wäre, wenn Paul sich gar nicht komplett  täuscht, und Marietta tatsächlich die Schwester von Marie ist? Was wäre, wenn Paul so elementar trauert, weil er selbst Marie – warum auch immer – umgebracht hat und Marietta ihm auf der Spur ist? Was wäre, wenn Brigitta ihn deckt, weil sie die Hoffnung hegt, dass ihre Liebe zu ihm keine unerfüllte Utopie bleibt? Wenn sie ihm vielleicht sogar aus diesen Gründen geholfen hat, sich Maries zu entledigen? Gürbaca beantwortet diese Fragen so, dass es zu einem Blick in den Abgrund Mensch wird. Klar, dass der Abgrund dann zurückblickt. Am Ende liegt Marietta tot am Boden. Brigittas Ankündigung, dass die noch mal zurückkäme, weil sie ihren Schirm vergessen habe, kommt nur als Stimme aus dem Off. Doch als die Miene Brigittas schon triumphiert, setzt Paul im Video das Messer an die eigene Kehle und bringt sich um. Bei Gürbaca schafft er den Rückweg ins Leben nicht.  

Der Weg ins Staatenhaus hätte sich gelohnt, auch weil das Gürzenich Orchester sehr von der Korngold-Affinität von Gabriel Feltz profitiert. Weil der von Rustam Samedov einstudierte Chor bei seinem Auftritt zwar nahezu unsichtbar bleibt, aber seinen atmosphärischen Beitrag wirkungsvoll einfließen lässt. Und weil Tatjana Gürbaca einen ambitionierten Blick  in die psychologischen Untiefen von Trauer und Einsamkeit einer Oper wagt, die zum Glück längst ihren Weg zurück auf die Bühnen gefunden hat. „Glück, das uns verblieb…“ selbst wenn es diesmal nur das auf dem Bildschirm ist.

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