Auf dem Weg zum Paradies: Der 35. „Cantiere Internationale d’Arte in Montepulciano“


(nmz) -
Die Mauern sind alt, sie gehören zu einem Konvent der „Padri Serviti“ aus dem 13. Jahrhundert. Einen Raum des Weingewölbes stellt die alteingesessene Winzer-Familie Gattavecchi für Veranstaltungen zur Verfügung. Ideal für kammermusikalische Präsentationen. Ideal für den Kontrast zwischen dem archaischen Ambiente und den innovativen Klängen, die zum Beispiel das Turiner „Duo Alterno“ – eine Sängerin, ein Pianist, Tiziana Scandaletti und Riccardo Piaccentini – beim Festival "Cantiere" in Montepulciano darbot.
20.08.2010 - Von Elisabeth Richter

Die Spannung von Alt und Neu setzt Inspirationen frei. Texte von James Joyce vertonte etwa John Cage (The beautiful widow of eighteen springs) für Stimme und geschlossenes Klavier. Bei den ein wenig eklektischen „Tages-Gebeten“ von Fabrizio Festa, oder den ungeheuer packenden, stilistisch erstaunlich experimentellen „Epitaphen“ des Star-Filmkomponisten Ennio Morricone oder bei den so skurrilen „Tränen für jede Stimme. Ein ideales Ballett“ (Lachrimae, per ogni voce. Un balletto ideale) von Silvano Bussotti war das Klavier geöffnet. Es war fantastisch, zu erleben, auf welchem exzellenten, internationalen Niveau das „Duo Alterno“ sein Programm darbot. Dazu kam die ungeheure Passion, mit der das Duo – auch theatralisch, halbszenisch – agierte. So sollte zeitgenössische Musik immer präsentiert werden. Nur so, und nicht, wie so oft, vom intellektuellen Elfenbeinturm aus, legitimiert sich eigentlich jede Musik, egal aus welcher Epoche. Die Passion der Künstler, die sich als (Ver-) Mittler zwischen Komponist und Publikum verstehen, das Innere der Werke nach außen bringen, erspürt jeder, ohne ein Spezialist zu sein.

„Schon der Begriff „Cantiere“ (Baustelle) vermittelt eine positive Energie“, erklärte die Sopranistin Tiziana Scandaletti mit leuchtenden Augen im Interview. „Hier gibt es keine Routine. Cantiere bedeutet, dass Jahr für Jahr etwas neu „gebaut“, neu geformt werden muss. Und das bedeutet eine große Offenheit.“ Der deutsche Komponist Detlev Glanert, seit 2009 für drei Jahre künstlerischer Leiter der von Hans Werner Henze 1976 errichteten „Kunst-Baustelle“ kennt nicht nur die Deutsche Musikszene wie seine Westentasche, er weiß darum, wie trübe es in Italien, im Mutterland der Musik, vor allem um die Neue Musik bestellt ist. Es ist ihm daher ein wichtiges Anliegen, gerade italienischen Künstlern, die sich für die zeitgenössische Musik einsetzen – Komponisten, Musikern – in Montepulciano ein Forum zu geben. Wie schon im vergangenen Jahr bot der Cantiere auch 2010 Werke von über vierzig zeitgenössischen Komponisten, mit mehr als zwanzig Uraufführungen. Das zweite, herausragende, italienische Ensemble des diesjährigen Cantiere war das römische „Ensemble Algoritmo“ mit seinem Leiter Marco Anguis, das bei der vierten Musiktheater-Produktion des Festivals spielte: Salvatore Sciarrinos „Luci mie traditrici“ in der Regie von Christian Pade, eine Koproduktion mit der Oper Frankfurt, die ab Mai 2011 dort zu sehen sein wird.

Musik, so sagte der Komponist Hans Werner Henze schon vor langer Zeit, sei nicht für eine Klasse reserviert, sie habe vielmehr die Fähigkeit Liebe und Mit-Leid/Mit-Gefühl unter den Menschen verschiedenster Herkunft zu schaffen. Dahinter stand Henzes Traum, einen Ort zu kreieren, wo professionelle und nicht-professionelle Künstler, Stars aus der Welt Musikern vor Ort begegnen und gemeinsam an der Kunst arbeiten, „bauen“. Alle tun dies bis heute beim Cantiere ohne Honorar. Schon Henze nutzte seine vielfältigen Kontakte. Freunde und Kollegen, seine Studenten kamen auf seine „Baustelle“ – darunter Riccardo Chailly, Alfred Kirchner, Marcel Marceau oder Gidon Kremer. Heute führen Detlev Glanert als künstlerischer Leiter – er war einst Student bei Henze, auch in Montepulciano – und der Dirigent Roland Boer als musikalischer Leiter das Festival in Henzes Sinne.

Boer konnte für 2010 den britischen Star-Regisseur Keith Warner gewinnen, Benjamin Brittens Kammeroper „Albert Herring“ zu inszenieren. Mit welchem Gespür für den subtilen, aber durchaus auch bittersüß-traurigen Witz Warner Brittens frühe Oper von 1947 auf die kleine Bühne in Montepulciano brachte, das war gleichermaßen anrührend wie verzaubernd. Auch hier die Spannung alt-neu, die Aufführung fand im zauberhaften „Teatro Poliziano“ aus dem späten 18. Jahrhundert statt. Warner betonte in dieser britischen Komödie die universellen Aspekte. Hierzu passte das stilisierte Bühnenbild von Julia Müer mit weißen Papphäusern von ganz klein bis ziemlich groß, die sich flexibel handhaben ließen. Mit dem deutschen Tenor Carsten Süß war die Titelpartie in Brittens „Albert Herring“ herausragend besetzt, die schwedische Sopranistin Ylva Kilhlberg als Lady Billows war ein weiteres Mitglied des hochklassigen Sänger-Ensembles. Das künstlerische Niveau des gesamten "Cantiere" war in fast allen Produktionen respektabel, Brittens Kammeroper kann man jedoch getrost das „Festival-Juwel“ nennen. Das solistisch besetzte Orchester bestand aus den sehr reifen Musikern des Festival-Orchesters, des „Orchestra of the Royal Northern College of Music“ aus Manchester, das auch bei Verdis früher (Buffa-) Oper „Un giorno di regno“ spielte und bei vier Sinfonie-Konzerten seine außerordentliches Niveau bewies. Selten hat man zum Beispiel Richard Strauss’ anspruchsvollen Klassiker „Don Juan“ so musikantisch, so genau, so passioniert gehört. Freilich im Zusammenspiel mit dem exzellenten Dirigenten Roland Boer, der ein phantastischer Musiker ist.

Schuberts Große C-Dur Sinfonie, Brahms 3. Sinfonie oder Beethovens „Neunte“, Schönbergs „Überlebenden aus Warschau“ sind nur einige weitere Werke, bei denen das Orchester aus Manchester besonders durch seine Flexibilität und seinen technischen Standard überzeugte. Wie im letzten Jahr war auch der Pianist Markus Bellheim aus Frankfurt – neben zwei Streichern – „artist in residence“. Bellheim, der zur Zeit an einer Gesamteinspielung des Klavierwerks von Messiaen arbeitet – er studierte u. a. bei Yvonne Loriod, der kürzlich verstorbenen Ehefrau von Messiaen – empfahl sich zum Beispiel mit dem dritten Klavierkonzert von Sergei Prokofjew. Seine faszinierende, atemberaubende Virtuosität ergänzt sich wunderbar durch seine Empfindsamkeit, sein Gespür für facettenreiche, zarte Klavierfarben.

Drei Jahre währt die „Amtszeit“ von Roland Boer und Detlev Glanert, und ihre Idee, für jedes Festival-Jahr den toskanischen Dichter Dante Alighieri als – wie sie selbst sagen – „Konstrukteur“ bei der thematischen Ausrichtung der „Kunstbaustelle“ mitwirken zu lassen, erwies sich auch im zweiten Jahr als brillant. Bezogen sich 2009 die Konzert-Programme mehr oder weniger eng auf das „Inferno“ (die Hölle), so diente in diesem Jahr das „Purgatorio“ (Fegefeuer, Reinigung) als Inspirationshilfe. Detlev Glanert, der künstlerische Leiter, sieht das „Purgatorio“ als einen Begriff des Übergangs. Aus vielen Werken des Cantiere 2010 kann man eine Prozesshaftigkeit herauslesen. Brittens „Albert Herring“ etwa muss sich vom „Mutter-Söhnchen-Dasein“ befreien. Das umbrische Kontrabass-Trio „Trio Trouble Bass“ gestaltete sein Recital von traditionell-konkreten, harmonischen Werken hin zu experimentellen, ungewohnten Klangwelten. Stücke wie Beethovens „Geister-Trio“ sprechen für sich. In der weiteren Kammeroper „In ascolto di un Re“ von Stefano Taglietti mit einem Libretto von Raffaele Giannetti steht „Re“italienisch für „König“, aber auch für den Ton „re“ (d). Der Ton „re“ geht eines Tages verloren und stürzt damit die Welt in Atonalität, auf königlichen Befehl wird versucht, den Ton/die Tonalität durch einen Spezial-Trupp wiederzufinden, was nach allerlei Abenteuern auch gelingt. Und bis sich Prokofjew in seinem dritten Klavierkonzert zu strahlendem C-Dur durchkämpft, müssen Pianist und Orchester so manche Klippe bezwingen.

Vermutlich wird die „Kunstbaustelle Montepulciano“, die mit einem geringen Etat von nur etwa 400.000 Euro auskommt – und das doch nur, weil Weltklasse-Künstler ohne Honorar auftreten –, im Zuge der Finanzkrise für das kommende Jahr – das unter dem danteschen Motto „Paradiso“ stehen wird – eine empfindliche Kürzung hinnehmen müssen. Festival-Leiter Detlev Glanert sucht daher dringend einen Sponsor, am besten einen Mäzen obendrein. Die italienischen Kulturpolitiker möchte man nur fragen, wie sie sich überhaupt die Zukunft der italienischen Musiklandschaft vorstellen, wenn man ernsthaft überlegt, einer so verrückten wie verdienstvollen „Kunstbaustelle“ die Mittel zu entziehen. Sie sollte man in der Hölle schmoren lassen, oder ein Purgatorio erfinden, dass Ihnen den Blick freigibt, welches Paradies sie in Montepulciano verkommen lassen würden. Denn hier glaubt man noch daran, dass Kunst die Welt verbessern kann. Die traumhaften Visionen kommen der Realität erstaunlich nah, und der künstlerischen Kraft widerfahren energische Injektionen.

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