Bücherlesen kann tödlich sein – Uraufführung des Musicals „Der Name der Rose“ auf den Domstufen in Erfurt


(nmz) -
Wer sich für die zweite Vorstellung der aktuellen Domstufenfestspiele entschieden hatte, war besser beraten, als die Musicalfreunde, die die Premiere der neuesten Erfurter Uraufführung gebucht hatten. Die fiel nämlich im wahrsten Wortsinn ins Wasser. Wie vor zwei Jahren schon der Trovatore musste sie wegen anhaltenden Regens noch vor der Pause abgebrochen werden. Die eigentliche Premiere gab es also erst am Samstag. Und besonders in diesem Falle muss man den Schluss gesehen haben! Die Illumination des großen Brandes der Bibliothek erfasst nämlich nach und nach die gesamte Domfassade. Auch die finale Überblendung mit der stilisierten Ruine, die der Erzähler des Abends in späten Jahren noch einmal besucht, ist ein Meisterwerk der Videokunst… Joachim Lange berichtet.
11.08.2019 - Von Joachim Lange

Die Story hat es in sich. Umberto Eco landete vor 40 Jahren mit seinem Roman „Der Name der Rose“ einen Bestseller – der Film von 1986 mit Sean Connery sorgte für zusätzliche Bilder im Kopf. Ein mittelalterliches Kloster kann man sich allein schon vor der Kulisse von St. Marien und St. Severi gut vorstellen. Es geht es sowohl um einen prinzipiellen Streit zwischen dem Papst und den Franziskanern, zu dem sich Vertreter beider Seiten zu einer Disputation treffen wollen, als auch um die Aufklärung einer geheimnisvollen Mordserie im Kloster. 

Die drei knappen Bruttostunden sind trotz der über dem Durchschnitt von Musicals liegenden Anforderungen ans genaue Hinhören und Mitdenken durchzuhalten, weil das Ganze im zweiten Teil deutlich zulegt. Erst durch die einsetzende Dunkelheit entfaltet Frank Philipp Schlößmanns Bühne ihren eigentlichen Reiz. Im ersten Teil fehlt seiner Domstufen-Überbauung irgendwie die Mitte. Auch das wirklich Geheimnisvolle der sagenhaften Bibliothek, die Eco den Mönchen und dem Jahr 1327 angedichtet hat, kommt noch zu kurz. Schlößmann hat die Domstufen mit locker schraffierten Stufen überbaut. Darauf sind Mosaikbruchstücke verteilt, die aussehen, als wäre ein Riesen-Jesusbild vom Himmel gefallen und auf den Domstufen zerbrochen. Einige davon kann man aufschlagen wie ein Buch. Andere beiseite schieben. Dadurch sind alle Schauplätze im Kloster ebenso leicht herbeizuzaubern wie der Eindruck einer bewusst als Labyrinth angelegten Bibliothek. Auf einem Vorsprung oben am Dom ist eine riesige Inkunabel aufgeschlagen. Von hier aus erinnert sich der alt gewordene Adso von Melk (Máté Sólyom-Nagy) an jenen Besuch der Abtei an der Seite seines Mentors und beobachtet sich gleichsam selbst als jungen Novizen (Florian Minnerop) an der Seite von William von Baskerville. Der ist wegen eines theologischen Diskurses angereist, muss aber zunächst eine geheimnisvolle Mordserie im Kloster aufklären. Die Morde haben aber nicht, wie vom eintreffenden Großinquisitor (Rainer Zaun) „aufgedeckt“, etwas mit Hexerei oder sexuellen Verfehlungen der Mönche zu tun, sondern eher mit intellektuellen. Zumindest in den Augen des im doppelten Wortsinn blinden Dogmatikers und ehemaligen Bibliothekars Jorge von Burgos (Jörg Rathmann). Der will das Lachen aus der Welt verbannen und hat das entsprechende Werk von Aristoteles, das ihn widerlegen würde, so mit Gift präpariert, dass jeder, der sich beim Umblättern die Finger anfeuchtet, stirbt. …. Am Ende sind die Morde aufgeklärt, der Großinquisitor reist ab und die Bibliothek geht in Flammen auf. Die genretypische Lovestory kommt hier nur am Rande vor, wenn der junge Adso durch ein namenloses Mädchen (Eva Löser) die Liebe kennenlernt. Die Story ist wortlastig, aber sie funktioniert sowohl auf der theologischen wie auf der kriminalistischen Ebene im Laufe des Abends immer besser. 

Und die Musik, die wie üblich von der überdacht neben der Bühne spielenden Philharmonie Erfurt unter Gastdirigent Jürgen Grimm beigesteuert wird? Der norwegische Komponist Gisle Kverndokk versucht über weite Strecken, den Unmassen an Text, die sein Landsmann Øystein Wiik aus dem Eco-Bestseller destilliert und die Elke Ranzinger und Roman Hinze ins Deutsche übertragen haben, in einem Parlando mit rhythmischer Untermalung beizukommen. Mit Dom und St. Severin als Hintergrund klingt das von selbst ziemlich katholisch. 

Es gibt ein paar wenige große Songs, die auf einen Szenenbeifall hin konzipiert sind. Der junge Adso hat einen. Und der ansonsten mit einem Sprachkauderwelsch aufwartende Bettelmönch Salvatore, den Björn Christian Kuhn mit komödiantischem Feuereifer beisteuert, sogar eine ziemlich freche. Für große Emotion wird also ganz musicallike gesorgt. Ins grell Groteske steigert sich die Alptraum-Phantasie Adsos „Sex mit der Hex’!“ Sonst hat der Sound cineastischen Stimmungsehrgeiz, changiert auch mal in Anklänge an den gemütlichen Sonntagnachmittags Western von ehedem, mimt für Chorauftritte Sisters Act mit den Brothers nach und verwandelt sich an den passenden Stellen diverse sakrale Gesänge an. Zum Finale hin gibts dann auch schon mal ein Crescendo, in denen es losdonnert, als würde bei Richard Strauss ein Kaiser zu Stein werden. So ähnlich wie im Film Sean Connery schafft es Musicalstar Yngve Gasoy-Romdal mit souveränem Charisma, zum Mittelpunkt der Geschichte und einem Gegenspieler des Großinquisitors zu werden, dem die Sympathien des Publikums ebenso gehören wie seinem Adlatus. Der geschickt mit dem besonderen Spielort umgehende Regisseur Axel Köhler spielt übrigens selbst als Bibliothekar mit. Und wird zum Opfer. Aber nur im Stück.

Am Ende eines wolkenlosen Sommerabends: viel Beifall für alle. 


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