Der doppelte Wahnsinn – „Herzog Blaubarts Burg“ gibt es in Lyon gleich zweimal hintereinander


(nmz) -
Auch die zweite Opernpremiere zum Thema des Festivals „Freie Frauen?“ bleibt stringent bei der Sache. Was nun auch nicht wirklich verblüfft, wenn der noch Jahre vor dem ersten Weltkrieg komponierte und an dessen Ende 1918 uraufgeführte Einakter „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók auf dem Programm steht. Diesmal mit Titus Engel am Pult des fabelhaften Orchestre de l’Opéra de Lyon. Der hatte schon im Stuttgarter alten Postamt als musikalischer Leiter einer außergewöhnlichen Inszenierung dieser Oper Furore gemacht. Jetzt hat er das Privileg, zwei verschieden akzentuierte Lesarten desselben Stückes an einem Abend zu präsentieren.
29.03.2021 - Von Joachim Lange

Die für die Liveübertragung aus Lyon angekündigte Zeitangabe von über zwei Stunden war nämlich kein Irrtum, bei dem man die sonst gelegentlich praktizierte Ergänzung des Einakters auf die Länge eines „richtigen“ Opernabends vergessen hatte. Nein, Engel und seine Musiker durften zweimal hintereinander in dieser betörend irisierenden Musik vom Auftakt der Moderne schwelgen und sie dunkel funkeln lassen. Zunächst eher dramatisch zugespitzt und dann eher schwelgerisch.

Regisseur für diesen Abend war Andriy Zholdak. Der Ukrainer war in Lyon so erfolgreich, dass man darauf wetten möchte, dass Serge Dorny ihn nach seinem Wechsel an die Bayerische Staatsoper auch nach München einladen wird. Die Geschichte von Judiths Exkurs in das dunkle Reich Blaubarts erzählt er aus zwei Perspektiven.

Was mit dem Blick in einen Spiegel beginnt (und endet) wird zunächst zu einem Horrortrip, wenn Judith den Spiegel in eine andere Welt durchschreitet. Die Altersfreigabe ab 16 Jahre ist besonders für diesen Teil des Abends nicht übertrieben. Im zweiten Durchlauf sind die heruntergekommenen Wohnräume (Kammern des Horrors verschiedener Spielarten sind es allesamt) auf einer Seite einem dunklen Abgrund gewichen, an dessen Rand Blaubart und Judith metaphorisch und real entlang balancieren.

Doch zunächst entwerfen die Räume und ihre Bewohner ein Szenario des Schreckens. Aus der Vorlage weiß man, was sich hinter den geheimnisvollen Türen in Blaubarts Burg verbirgt. Das Libretto nennt die Namen: Es sind eine Folter-, eine Waffen- und eine Schatzkammer. Ein Garten, ein weites Land und schließlich ein See aus Tränen. Hinter der letzten der Türen aber befinden sich die drei Frauen, die Judith voran gingen und von denen es heißt, sie seien nicht mehr am Leben.

Die Musik, die Bartók hier parlieren, geheimnisvoll dräuend wabern und dann immer wieder faszinierend aufrauschen lässt, geht da schon weiter. Sie wird zu einer Pforte, die die Räume vom Märchenhaften in Projektionen der Psyche Blaubarts weitet. Und Zholdak treibt das in eine Dimension des Pathologischen und der Perversion, die jeden möglichen Trieb im Umgang mit anderen in die Konsequenz von sadistischen Verbrechen treibt. Gewalt, Erniedrigung, durchgeschnittene Kehlen – nichts fehlt hier. Blaubart ist die Projektion des Monsters, der von seiner Hemmungslosigkeit deformierte Mann. Judith eher das Opfer, das davon kommt. Hier wuseln nicht nur Blaubarts Frauen von Anfang an herum, hier tanzt ein Mann im Paillettenkleid durch die Szene, der einmal im Untertitel als die „dritte Frau“ benannt wird. Dazwischen zwei Männern beim Liebesspiel, die ebenso wie die Frauen gemeuchelt werden. In diesem Teil sind die geheimnisvollen Blutstropfen, die Judith überall irritieren und Schlimmes ahnen lassen, unübersehbare Blutflecken an den Wänden und Möbeln – das ruft förmlich nach den Kollegen von der Spurensicherung.

Diese Gewaltexzesse aller Spielarten tauchen an der entsprechenden Stelle im zweiten Durchlauf auf eingespielten Filmen als Erinnerung immer wieder auf. Hier wird Judith vom bloßen Opfer zur aktiv Blaubart Bedrängenden. Er wirkt in manchen Augenblicken geradezu eingeschüchtert oder scheint  Angst vor dem in ihm Brodelnden zu haben. Der mögliche Horror spielt sich diesmal im Kopf und in den eingeblendeten Erinnerungen ab. Die musikalische Wucht dominiert, die szenische des ersten Teils bleibt gleichwohl präsent.

Für die Judith des ersten Teils liefert Eve-Maud Hubeaux die dramatische Verve. Im zweiten überzeugt Victoria Karkacheva mit wohltimbrierten, leuchtenden Mezzo. Die deutliche darstellerische Wandlung zwischen ersten und zweitem Durchlauf bewältigt der ungarische Bassbariton Károly Szemerédy vokal und vor allem darstellerisch mit grandioser Stringenz. Ein atemberaubendes, gelungenes Experiment, dem man mit atemloser Spannung folgt!

  • Kostenlose Live-Übertragung der Premiere. Anschließend auf Abruf per Abonnement medici.tv/  Am 30. April 2021 auf Radio Classique

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