Der Sound des Crashs: „Leben in dieser Zeit“ wurde neu produziert


(nmz) -
Das Radiospiel „Leben in dieser Zeit“ von Erich Kästner und Edmund Nick aus der Pionierzeit des Rundfunks, eine lyrische Suite zur Finanzkrise vor 80 Jahren, wurde von MDR Figaro und DeutschlandRadio Kultur neu produziert. Das erschreckende Dejà-Vu der heutigen Zeit wird am 8. und 9. November gesendet.
05.11.2008 - Von nmz-red/Regensburg

Dezember 1929: Die Zeichen der Zeit stehen auf Sturm. Am 25. Oktober 1929, dem so genannten „schwarzen Freitag“, bricht an der New Yorker Wall Street die Börse zusammen und stürzt die Weltwirtschaft in eine bis dahin nicht gekannte Krise. Die Ereignisse überschlagen sich. Man hört von Selbstmorden bankrotter Bankiers, die mit Luftspekulationen alles auf eine Karte gesetzt hatten, Millionen von Menschen verlieren ihr gesamtes Erspartes, und Massenentlassungen lassen die Arbeitslosenzahlen raketenartig ansteigen.

Echte Herausforderung
Die Weltkrise ist also nicht nur „im Anmarsch“ wie es im Funkspiel „Leben in dieser Zeit“ heißt, das am 14. Dezember 1929 über die Antennen des Breslauer Rundfunks geht – sie ist im vollen Gange.
 
Der 33-jährige Edmund Nick, seit 1924 Leiter der Musikabteilung des Breslauer Rundfunks, und sein acht Jahre jüngerer Freund, der aus Dresden stammende Dichter Erich Kästner, standen damals vor einer echten Herausforderung: Auf der einen Seite die weltweit herrschende Depression, auf der anderen die Forderung nach einer eigenen, den technischen Möglichkeiten des Rundfunks angepassten musikalischen Ausdrucksform. Wie ist es möglich, die realen Existenzängste der Gegenwart mit Hilfe dieser neuen, noch zu entwickelnden Hörästhetik zum Ausdruck zu bringen? Das Resultat der gemeinsamen Überlegungen von Nick und Kästner ist „Leben in dieser Zeit“, eine lyrische Suite in drei Sätzen, für die Kästner eine Reihe von Gedichten zusammenstellt und mit Dialogen in Versform verzahnt. Nick liefert hierzu die passende, farbenreiche Komposition, die sich einerseits musikalisch auf der Höhe der Zeit befindet und sich andererseits vieler Zitate aus der klassischen und volkstümlichen Musikliteratur bedient. Hinzu kommen Geräusch- und Musikmontagen, sodass am Ende ein Werk entsteht, das in der Tat mit den damaligen Möglichkeiten der Sendetechnik umgesetzt werden kann. Das Experiment gelingt: Am 14. Dezember 1929 geht „Leben in dieser Zeit“ über die Antennen des Senders Breslau und ist so erfolgreich, dass das Stück in den Folgejahren mehrfach umgearbeitet werden muss, bis am Ende sogar eine Bühnenfassung entsteht.
 
In einer Gemeinschaftsproduktion von FIGARO, dem Kulturradio des Mitteldeutschen Rundfunks, und dem DeutschlandRadio Kultur wurde die lyrische Suite „Leben in dieser Zeit“ in ihrer vollständigen und ursprünglichen Radiofassung neu eingespielt. Die Aufnahmen fanden vom 19. bis 23. August 2008 in der Dresdner Lukaskirche statt. Solisten, Chor und Orchester der Staatsoperette Dresden unter der Leitung von Chefdirigent Ernst Theis machen dieses Pionierwerk der deutschen Radiogeschichte zu einem echten Hörerlebnis, das auch 80 Jahre nach seiner Entstehung nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.
 
Sensationelle Wiederentdeckung
Die Presse feierte die öffentliche Aufführung des Werkes am 28. August bei der Spielzeiteröffnung der Staatsoperette Dresden als sensationelle Wiederentdeckung. Nach der erfolgreichen Ausstrahlung des Radiohörspiels "Leben in dieser Zeit" am 3.11.2008 auf DeutschlandRadio Kultur strahlen am 8. und 9. November zwei weitere Sender die Produktion aus. Zusätzlich zu MDR Figaro und DeutschlandRadio Kultur übernimmt auch WDR 4 die Aufnahme für die Sendung Das Samstagskonzert. Dabei kommt das Engagement des WDR nicht von ungefähr: Der 1974 verstorbene Edmund Nick war von 1952 bis 1956 Leiter der Musikabteilung beim NWDR beziehungsweise beim WDR in Köln.

8. 11. 2008 (20.05) bei WDR 4
9. 11. 2008 (19.30) bei MDR Figaro

 
In der Folge wird dieses Werk beim renommierten Label CPO als Tonträger erscheinen.

 

Aufführung von "Leben in dieser Zeit" am 28. August bei der Spielzeiteröffnung der Staatsoperette Dresden unter der Leitung von Ernst Theis

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