Der Triumph des Möglichen – Uraufführung von Ludger Vollmers Oper „The Circle“ am Deutschen Nationaltheater Weimar trifft mit ihrem Thema ins Schwarze


(nmz) -
Dave Eggers Roman „The Circle“ ist nicht unbedingt der literarischen Weisheit letzter Schluss. Aber der 2013 erschienene Bestseller ist so nah am Puls der Zeit, dass es fast schon beängstigend ist. Immerhin sind die 560 Seiten flott zu lesen. Und das, was die Autorin Tiina Hartmann gemeinsam mit dem Komponisten Ludger Vollmer (in Weimar seit seinem „Lola rennt“-Erfolg bestens eingeführt!) zum Libretto destilliert und was Uraufführungsregisseurin Andrea Moses und der Weimarer Operndirektor Hans-Georg Wegner als Dramaturg für die Bühne eingerichtet haben, bleibt immer in Sichtweite zum Roman. Dieser Kreis schließt sich. In der Story selbst ist das Schließen des Kreises, diese „Vollendung“ des Circle, eine Metapher für den Triumph des Möglichen, für die totale digitale Transparenz, für die (Selbst-)Aufgabe des Individuums. Joachim Lange findet es überaus gelungen.
05.05.2019 - Von Joachim Lange

Im Zentrum der Geschichte steht die junge Mae Holland (fabelhaft überdreht: Sayaka Shigeshima), die dank ihrer Freundin Annie (Heike Porstein) einen Job beim IT-Giganten Circle erhält und voll in dessen Obhut be- und sich selbst damit aufgibt. Ihr gelingt es zwar, ihre Eltern, die seit der Erkrankung ihres Vaters, an den Grenzen der „normalen“ Gesundheitsversicherung leiden, über die Firma mit zu versichern. Der Preis ist die komplette Transparenz ihres Lebens. Und eine „Anteilnahme“ über die sozialen Medien, die sie völlig überfordert. 

So wie der Konzern schrittweise die totale Transparenz der Politiker durchsetzt (und eine Senatorin, die sich dagegen stellt, durch „rein zufällig“ aufgespürte Sauerein auf ihrem Laptop ausschaltet) und damit einen Druck des Faktischen erzeugt, der alle anderen auch dazu zwingt, wird Mae Pionierin einer total transparenten Person, die nur noch für wenige Minuten beim Toilettengang ihre Liveübertragung von sich selbst ausschalten darf. 

Die drei Weisen genannten Chefs des Circle sind in ihrem Gehabe realen Vorbildern wie Steve Jobs und Mark Zuckerberg nachempfunden. Andrea Moses setzt deren Auftritte, die Vollmer mit griffig motivierenden Gospelrhythmen unterlegt, wie eine Präsentations- oder Motivations-Show in Szene, bei der die Zuschauer im Saal auch zum Publikum im Stück werden. Daeyoung Kim gibt als Eamon Bailey dem offensiv propagierten Circle-Selbstverständnis Gesicht und Stimme. Sebastian Kowski füllt die Sprechrolle des eher fürs Ökonomische des Konzerns zuständigen Tom Stenton mit einem gewissen Charisma aus. Der Counter Ray Chenez ist als Ty der dritter im Bunde. Ein Genie, dem immerhin die eigene Geschäftsidee längst unheimlich geworden ist. Inkognito geht er eine Beziehung zu Mae ein, scheitert aber mit seiner Hoffnung, mit ihr gemeinsam den Wahnsinn, den er erkennt, Einhalt zu gebieten. Dass Mae ihn hier etwas zu sehr wie nebenbei an die beiden anderen verrät, ihm aber zumindest nichts offensichtliches passiert, gehört wohl zum Preis der Verdichtung eines Romans auf Librettomaß. 

Nimmt man es hochtheoretisch, dann ist „The Circle“ ein Beleg dafür, wie die Digitalisierung der Wirklichkeit von heute (auch das schon ein Widerspruch in sich) Horkheimer und Adornos berühmte These aus dem Jahre 1944 von der „Dialektik der Aufklärung“, also der latenten Gefahr ihrer Selbstzerstörung, bestätigt.

Im Roman und auch in der Oper ist es Maes in ihrer Kleinstadt-Provinz zurückgelassener, kreuzbiederer Exfreund Mercer (Oleksandr Pushniak), der das Ganze am klarsten durchschaut. Er stellt "nur“ Kronleuchter aus Geweihen her und ist mit dieser analogen Existenz, die sich weder um die likes von Facebook-„Freunden“ noch überhaupt um seine Position in der digitalen Scheinwelt kümmert, zufrieden. Er wehrt sich gegen seine von Mae forcierte Vereinnahmung durch die Circle-Welt nach Kräften und verliert dabei sein Leben, weil die ihn bei der Demonstration eines Programms zum Aufspüren beliebiger Individuen in den Selbstmord treibt. Dass Mae das im Grunde nicht mehr berührt, ist die Essenz ihrer Deformation durch eine Existenz in der absoluten Transparenz. Mercer sagt (im Roman) Sätze wie: „Es kommt mir manchmal so vor, als wäre ich in eine Zone geraten, in der alles seitenverkehrt ist, eine Spiegelwelt, wo der dämlichste Mist der Welt alles beherrscht. Die Welt hat sich verdämlicht.“oder zu Mae: „Einzeln wisst ihr nicht, was ihr kollektiv macht.“ (S. 297) Gut gebrüllt Löwe, freilich längst tauben Ohren! 

Sage keiner diese Circle-Welt habe nichts mit uns zu tun. Jeder, der mit dem Smartphone vor dem Gesicht durch die Stadt läuft, ohne seine Mitmenschen zu sehen, jeder der am Tisch beim Essen seine Emails checkt, jeder der sofort eine Antwort erwartet oder sie sofort liefert, egal was er gerade macht, ist ein potentielles Circle-„Opfer“, auf dem Weg aus dem realen Leben Aug in Auge mit richten Menschen in die Blase, hin zu den Facebook-„Freunden“ oder ins Feuer diverser Shitstorms. 

Ludger Vollmers Musik ist dezidiert aufs Parlando und die dichte Szenenfolge hin geschrieben. Kirill Karabits und die Staatskapelle fremdeln kein bisschen mit dieser Opernnovität, zumal Vollmer seinen Ehrgeiz auch nicht in die Neuerfindung oder avantgardistische Raffinesse gelegt hat. Er ist aber dem ganz verschieden klingenden digitalen Grundrauschen der Welt von heute, das Stille und Besinnung auf sich selbst verhindert, oft dicht auf der Spur. Der Inszenierung von Andrea Moses mit ihrer präzise charakterisierenden Personenregie, der hinreichend mit digitalem Interieur bestückten Bühne von Raimund Bauer, den Kostümen von Svenja Gassen und auch den passgenau illustrierenden Videos von René Liebert, gelingt es zudem, manche Schwäche der Vorlage ausgleichen. 

  • Nächste Vorstellungen: 10., 24. 05, 9. und 20. 06 2019

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