Die ÖMZ schließt – Ende einer musikpublizistischen Institution


(nmz) -
Die Österreichische Musikzeitschrift (ÖMZ) gibt es bald nicht mehr. Die letzte Ausgabe wird am 1. März erscheinen zum Thema „1918 – Der große Umbruch“. Die ÖMZ ging aus den 1919 gegründeten „Musikblättern des Anbruchs“ hervor. Eine wechselhafte Geschichte findet nun ihr trauriges Ende.
15.02.2018 - Von mh

Die Herausgeber Frieder Reininghaus und Daniel Brandenburg schreiben zu den Gründen: „Das Leseverhalten hat sich in den letzten Jahren rapide verändert. Die Aufmerksamkeit und das Zeitbudget der Leserschaft wird durch andere Medien (nicht zuletzt die ‚sozialen‘) und die zahlreichen (weithin von den Steuerzahlern finanzierten) Gratis-Publikationen der Musik- und Festivalveranstalter in Anspruch genommen.“ Damit sprechen sie eine umfangreichere wirtschaftliche Schieflage an, von der nicht allein die ÖMZ betroffen war und ist. Eine komplexe Situation, die auch andere Teile des Musiklebens betrifft und einer differenzierten Analyse bedürfte. Was der ÖMZ jetzt natürlich nicht mehr hilft, zumal mit einer Analyse noch keine Lösungen verbunden sind.

Wir geben hier die Mitteilung der Herausgeber wieder:


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leserinnen und Leser der ÖMZ,

vor hundert Jahren ging mit dem Kollaps der »Mittelmächte« der erste große Krieg des 20. Jahrhunderts zu Ende. Die Habsburgermonarchie implodierte 1918 ebenso wie das wilhelminische Deutschland. In Wien wurde wie in Berlin eine »Republik wider Willen« ausgerufen. Mit den Folgen der November-revolutionen im Musikbetrieb und für die Musik beschäftigt sich das Heft 1/2018 der Österreichischen Musikzeitschrift (ÖMZ) – mit den Verwerfungen und Innovationen, den Kontinuitäten und Restaurationstendenzen (Erscheinungstermin: 1. März).

1918 – Der große Umbruch. ISBN 978-3-99012-468-0. 136 Seiten | € 11,90 (auch als E-Book erhältlich)

Mit diesem nicht ganz nostalgie-freien Heft verabschieden sich die Herausgeber Daniel Brandenburg und Frieder Reininghaus und die Redaktion – Judith Kemp, Johannes Prominczel und Julia Jaklin. Die personellen und finanziellen Voraussetzungen für die Fortführung der traditionsreichen Zeitschrift sind nach 72 Jahren nicht mehr gegeben. Analoges trifft auf ein halbes Dutzend weiterer deutschsprachiger Musikzeitschriften zu. Sie entstanden allesamt unter Umständen und in Verhältnissen, die sich von den heutigen weitgehend unterscheiden.

Das Leseverhalten hat sich in den letzten Jahren rapide verändert. Die Aufmerksamkeit und das Zeitbudget der Leserschaft wird durch andere Medien (nicht zuletzt die »sozialen«) und die zahlreichen (weithin von den Steuerzahlern finanzierten) Gratis-Publikationen der Musik- und Festivalveranstalter in Anspruch genommen.

Hinzu kommt, dass bei steigenden Gestehungskosten die ohnedies stets sehr bescheidenen Subventionen des Bundeskanzleramts und der Stadt Wien in den letzten Jahren bis zur Geringfügigkeitsgrenze abgesenkt wurden.

Mit leiser Wehmut verabschieden wir uns daher von den produktiven AutorInnen, den AbonnentInnen, die der ÖMZ die Treue gehalten haben, den Freunden und Förderern.

Daniel Brandenburg und Frieder Reininghaus (Herausgeber)

Zur Geschichte: Die ÖMZ ging auf Umwegen aus den 1919 gegründeten Musikblättern des Anbruch hervor. »Fast noch wichtiger als die Konzerte in der Nachkriegszeit«, schrieb der US-Wissenschaftler Jost Hermand, »waren die Musikzeitschriften dieser Ära, die sich für einen ›musikalischen Expressionismus‹ einsetzten und sich dabei auf die Pionierleistungen des Wiener Schönberg-Kreises beriefen«. Nach dem Verzicht auf den Modernitätsanspruch mit der Zwangsverstaatlichung in der Ära Dollfuß und der Liquidation nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich wurde die Zeitschrift 1946 vom Ministerialbeamten Peter Lafite neu gegründet. Im Sinne der Vorgaben einer ÖVP-SPÖ-KPÖ-Koalition setzte sie Akzente auf die zeitgenössische Neue Musik, die österreichische der Zwischenkriegszeit und die der Emigranten. In den sechs Jahrzehnten, in denen die ÖMZ dann von Elisabeth Lafite und später von Marion Diederichs-Lafite ediert wurde, blieb sie der Neuen Musik ebenso treu wie der ›klassischen‹. 2010 wurde die Zeitschrift von den jetzigen Herausgebern Daniel Brandenburg und Frieder Reininghaus übernommen und als unabhängiges selbstverwaltetes Projekt neu positioniert – mit zusätzlichen Aufgabenstellungen hinsichtlich des Donauraums und europäischer Orientierung.

 

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