Die Semperoper landet mit Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die Tote Stadt“ einen Coup!


(nmz) -
Dass Erich Wolfgang Korngolds „Tote Stadt“ zur Semperoper, genauer gesagt zur Sächsischen Staatskapelle Dresden, passen würde, war klar. Aber gleich so? Das übertraf dann doch die Erwartungen! Und dabei stand nicht mal der Spätromantiker Thielemann als musikalischer Hausherr am Pult. Dmitri Jurowski hat bei seinem Dresdner Operndebüt jedoch sämtliche (der reichlichen) Vorzüge dieses Richard-Strauss-Orchesters par excellence voll ausgespielt und geradezu ein Korngold-Orchester daraus gemacht!
18.12.2017 - Von Joachim Lange

Was nun wieder kein so weiter Weg ist. Er hat kein Problem damit, aus jenem „Glück, das mir verblieb“ eines zu machen, das uns verbleibt. Und bei den Orchesterzwischenspielen oder der Prozessionsmusik so aufzudrehen, dass der Raum komplett ausgefüllt wird, und doch kein Lärm dabei rauskommt. Wenn dann eine Weltklasse-Sängerin wie Christa Mayer für die kleine Rolle der Brigitta zur Verfügung steht und mit ihrem ersten Aufritt ein Spitzenniveau vorgibt, dem alle anderen auch folgen, dann ist eine musikalische Sternstunde im Anmarsch.

Dabei ist die „Tote Stadt“ der Geniestreich eines 23jährigen, der 1920 zeitgleich in Köln und Hamburg uraufgeführt wurde, um dann sofort Furore zu machen. Wie man bei der Heidelberger Ausgrabung des vier Jahre vorher uraufgeführten „Ring des Polykrates“ hören konnte, war der alle Stürme der Zeit überlebende Ohrwurm der Oper schon vier Jahre vorher beim Junggenie im Schwange. 

Seine Psycho-Oper zu Paul Schotts (wie sich der Vater des Komponisten als Autor nannte) aus dem Roman „Bruges-la-Morte“ destillierten Libretto ist jedenfalls der zeitlebens und darüber hinaus größte Erfolg Korngolds. Auch nicht so einfach für einen Anfangzwanzigjährigen, der das Zeug hatte, sich mit Strauss und Puccini zu messen, wenn denn nicht der Rassenwahn der Nazis dazwischen gefunkt hätte. In den USA hat er sein Talent in Hollywoods Dienste gestellt und der Filmmusik aufgeholfen. 

In der Oper hat Paul die Liebe seines Lebens, Marie, verloren, trauert ihr aber so exzessiv nach, dass er nicht zurück ins eigene Leben findet. So seltsam zwischen Traum und Wirklichkeit die Geschichte auch changiert, am Ende bringt er den Plot ziemlich hellsichtig und klar selbst auf den Punkt. „Ein Traum hat mir den Traum Zerstört, / ein Traum der bittren Wirklichkeit / den Traum der Phantasie.“ singt Paul, nach dem wir miterlebt haben, wie er sich aus der Zufallsbekanntschaft Marietta die zurückgekehrte Marie phantasiert. Und die dann, als sie dem Vergleich mit seiner Erinnerung an Marie nicht standhält, mit einem Haarzopf der Toten erwürgt. Wenn er aus diesem sehr lebendigen Tagtraum erwacht, fragt er „Wie weit soll unsre Trauer gehen, / Wie weit darf sie es, / Ohn' uns zu entwurzeln?“ Das genau ist die Frage, die die Regie, und jeder für sich, beantworten muss oder eben im Raum stehen lassen kann. 

David Bösch hat die Geschichte in Dresden in all ihrer Unklarheit klar und stringent erzählt. Als ein Problem von Paul. Die Kirche des Gewesenen, wie er die aufbewahrte Erinnerung an Marie selbst nennt, ist ein heruntergekommener, riesig hoher Saal. Mit spießiger Stehlampe, ebensolchem Sessel, Matratze und dem verhängtem Porträt Maries. Und jene Haare, die er wie eine Reliquie aufbewahrt. Die vergrößert sich irgendwann so ins Alptraumhafte, dass die (wie es hieß) 128 Kilometer Blondhaar die ganze Bühne einspinnen. Paul wird außerdem immer wieder von lauter gespensterhaften Zombies mit blonden langen Haaren heimgesucht. Dazu ein Spuk der Schatten an der Wand: Da laufen die verlockenden Marie-Negativ-Videos wie die gespenstisch weißen Schatten der Prozession. Das ist fabelhaft, atmosphärisch. So wie der Tod, der in Person herumgeistert oder die Theatertruppe, zu der Marietta gehört. Ein morbider Alptraum, den Bösch, Patrick Bannwart (Bühne) und Falko Herold (Kostüme) da evozieren. Einer, der aus der Musik kommt, mit ihr atmet, aber auch ihr betörend einschmeichelndes Pathos bricht. 

In den letzten Jahren konnte man dem Regisseur David Bösch beim künstlerischen Reifen zusehen. Über das Stadium seiner Kreidekritzeleien an kargen Bühnenwänden als Markenzeichen ist er längst hinaus. Korngold hat er quasi „geübt“, als er sich vor kurzem an der Flämischen Oper in Gent dessen „Wunder der Heliane" mit überzeugendem Ergebnis vornahm. Was durchaus der schwerere Brocken ist, denn verglichen mit dieser Gegen-Salome aus dem Jahre 1927 ist die „Tote Stadt“ schon längst wieder (fast) ein Repertoirestück geworden, vor dem sich auch mittlere Häuser wie Braunschweig, Gera oder Chemnitz nicht scheuen.

Bringt man dieses Werk aber in der Semperoper mit der Sächsischen Staatskapelle und einem handverlesenen Ensemble auf die Bühne, dann wird es zum Ereignis. Dann kann man den Erfolg von vor fast hundert Jahren nachvollziehen. Schlichtweg atemberaubend ist neben Christa Mayer der fabelhafte Bariton Christoph Pohl, den Bösch als Pauls Freund Frank in einen Rollstuhl gesetzt hat. Vielleicht eine Anspielung auf die Entstehungszeit der Oper im Bannkreis des ersten Weltkrieges? Als Fritz ist ihm der zweite Hit der Oper („Mein Sehnen, mein Wähnen, es träumt sich zurück…“) vorbehalten. Ein blanker Hörgenuss! Burkhard Fritz hat als Paul alle dramatische Kraft, die das Trauern braucht, immer mehr aber auch die zarten Töne der Melancholie. Das kann auch Manuela Uhl bieten, obwohl bei ihr die Textverständlichkeit ziemlich auf der Strecke bleibt. Auch in den übrigen Rollen, beim Chor und dem Kinderchor herrscht eitel Sonnenschein in dieser melancholischen Trauer.

Am Ende, wenn Paul aus seinem Traum erwacht, verspricht er dem Freund, ihm zu folgen und das Leben zu versuchen. Doch dann schlägt er den Teppich zurück, findet die Haarsträhne und legt sich zu ihr …

Nach einem kurzen Durchatmen im Saal: tosender Applaus! Für alle!