Die Tür ist auf – Die Oper Lyon hat ihr Festival unter dem Motto „Freie Frauen?“ ins Netz verlegt


(nmz) -
Den aktuellen Jahrgang seines traditionellen thematischen Festivals wollte Serge Dorny dann doch nicht ausfallen lassen. Nicht zuletzt diese seit einigen Jahren geschickt ins Frühjahr platzierten, kleinen Festivals der Stagione-Oper Lyon haben überregionale und internationale Strahlkraft entfaltet und wohl dazu beigetragen, dass Dorny beinahe zum Intendanten der Semperoper in Dresden, tatsächlich aber zum Nachfolger von Nikolaus Bachler an der Bayerischen Staatsoper in München befördert wurde. Im zweiten Coronafrühjahr galt also in Lyon: lieber online und mit Mundschutz auf der Bühne, als vor dem Virus einknicken und ausfallen lassen.
27.03.2021 - Von Joachim Lange

Also gab es von Lyon aus (die Pariser Oper hat das aus nicht wirklich nachvollziehbaren „rechtlichen" Gründen bislang noch nicht hinbekommen) gleich eine Folge von Premieren für das Publikum am Bildschirm. Auch in Deutschland.
 
Unter dem Motto „Freie Frauen?“ stehen bei diesem digitalen Festival der Opéra de Lyon drei unterschiedliche Werke zum Thema auf dem Programm. Da die beiden Opern „Ariane et Barbe-Bleue“ von Paul Dukas und „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók das Zentrum bilden, ist klar, dass das Fragezeichen in der Überschrift von entscheidender Bedeutung ist.

Dukas (einziges) Opernmeisterwerk aus dem Jahre 1907 inszeniert Àlex Ollé. Béla Bartóks Einakter ist dem Ukrainer Andriy Zholdak anvertraut. Was zwischen den beiden Opernpremieren von Richard Brunel als Schauspiel inszeniert wird, ist als Stück „Hinter den Kulissen einer Uraufführung: Mélisande nach dem Theaterstück Pelléas et Mélisande von Maurice Maeterlinck“ angekündigt. Umrahmt werden diese drei Hauptproduktionen des digitalen Festivals, das insgesamt vom 22. bis 26. März dauert, durch eine Reihe von Veranstaltungen zum Thema u.a. mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen. (Ebenfalls abrufbar auf opera-lyon.com).
 
Mit seiner seiner Maeterlinck-Vertonung „Ariane et Barbe-Bleue“löste sich Paul Dukas (1865-1935) zwar aus dem Schatten Richard Wagners und Claude Debussys, geriet dafür aber unversehens in direkte Konkurrenz mit Richard Strauss. Kurz vor der Pariser Uraufführung 1907 ging dort nämlich auch „Salome“ das erste Mal über eine französische Bühne.

Die Geschichte beginnt damit, dass die schöne und kluge Ariane mit Blaubart einen Mann heiratet, dessen frühere Frauen spurlos verschwunden sind. Da sie entgegen eines ausdrücklichen Verbots alle Zimmer in seinem Schloss öffnet, findet sie nicht nur sagenhafte Schätze, sondern trifft auch auf ihre völlig eingeschüchterten Vorgängerinnen. Ariane bringt ihnen – im doppelten Wortsinn – das Licht zurück. Doch selbst als Blaubart von den Bauern gefesselt an die Frauen „ausgeliefert“ wird und damit keine reale Bedrohung mehr ist, vermögen die Ariane nicht in die Freiheit zu folgen.
 
Ollé, Alfons Flores (Bühne) und Josep Abril Janer (Kostüme) versuchen hinter dem symbolistischen Märchen zu einem subtilen Abhängigkeits-Psychogramm als Diskursangebot vorzudringen. Sie setzen dabei auf Versatzstücke einer unbestimmten Zeit, die auch die Gegenwart sein könnte und bleibt doch ein abstrakter Raum des Gefangenseins. Auch in gutbürgerlichen Konventionen oder veritablem Luxus. Sonnenlicht ist hier ein utopischer Wunschtraum und steht für Freiheit. Dunkle Schleier und nur aus Licht imaginierte Räume weichen einem Saal mit mehreren Festtafeln wie bei einem Bankett. Etliche Stehlampen beleuchten die Szene. Die Decke kann sich bis zum Boden absenken.
 
Zum Finale des zweiten Aktes führt Ariane ihre Geschlechtsgenossinnen ins Licht. Dazu werden die Tische übereinandergestapelt und mit den Lampen bestückt und bilden ein eindrucksvoll symbolträchtiges Bild. Es steht für die Sehnsucht nach Licht und Freiheit, aber auch für das Charisma Arianes, das aus ihrer inneren Souveränität erwächst.

Wenn dann Blaubart am Ende gefesselt vor den Frauen sitzt, wird deren Tragik offenkundig, denn die haben sich an ihre Unfreiheit im Banne ihres Herrn gewöhnt und dessen subtile Gewaltherrschaft willig angenommen. Arianes Befreiungsversuch scheitert exemplarisch. Sie hat die patriarchalischen Machtstrukturen zwar in Frage gestellt, aber die Betroffenen haben sie nicht verstanden. Obwohl sie hier offensichtlich traumatisiert sind. Ariane und ihre Begleiterin wirken hier wie zwei verständnisvolle Therapeutinnen, die das Gespräch suchen und Hilfe bei der Rückkehr ins normale Leben anbieten. Am Ende können die Frauen sich von den inneren Fesseln, die sie an Blaubart binden, nicht befreien. Immerhin lösen sie auch Blaubarts reale Fesseln nicht. Ob aber Unfreiheit für alle Seiten eine Lösung in einer Beziehung ist, darf man als offene Frage aus der Vorstellung mitnehmen.
 
Die schwedische Mezzosopranistin Katarina Karnéus ist das darstellerische und vokale Zentrum der Aufführung. Sie zieht - beflügelt vom Strom des Orchesterklangs Hélène Carpentier (Mélisande), Adele Charvet (Selysette), Margot Genet (Ygraine) und Amandine Ammairati (Bellangère) mit sich ans Licht. Hinauf auf die Pyramide aus Tischen. Anaik Model ist die Amme an ihrer Seite. Tomislav Lavoie obliegt die undankbare Aufgabe der wohl kürzesten Titelparte des Supermachos Blaubart.  
 
Im Graben geben die mit Mundschutz gesicherten Musiker des Orchestre de l'Opéra de Lyon unter Leitung von Lothar Koenigs ihr Bestes, um die irisierende Klanfaszination von Dukas Musik in die Dunkelheit der Geschichte leuchten und die musikalische Verführungskraft aufscheinen zu lassen, die Dukas zu seinem Platz in der Geschichte der Oper verhalf. Das gilt auch für den Chor des Hauses.

In der gruftartig dunklen Oper Lyon wäre der Zuschauerraum tauglich als Teil des Gesamtkunstwerkes. Schade, dass sich die ansonsten clevere Kameraführung jeden Schwenk in den Saal verkniffen hat.
  

  • Kostenlose Live-Übertragung der Premiere. Anschließend auf Abruf per Abonnement medici.tv Das Programm steht ab April 2021 auf Arte Concert zur Verfügung und wird im Sommer auf Mezzo ausgestrahlt.

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