Droge mit Risiken und Nebenwirkungen – Die Staatsoper Hannover mit Frank Martins „Le vin herbé“ in den Parks von Herrenhausen


(nmz) -
Es ist nicht nur eine Notlösung, zu der die Staatsoper Hannover jetzt ihr Publikum ins historische Gartentheater im ausgedehnten Park von Herrenhausen einlädt. Frank Martins (1890-1974) Tristan und Isolde Variante, die 1942 konzertant in Zürich und dann 1948 auch szenisch in Salzburg uraufgeführt wurde, ist wirklich so sparsam besetzt, dass sie mit keiner Anticoronaregel kollidiert.
23.06.2020 - Von Joachim Lange

Es sind sieben Streicher und ein Klavier, die der neue GMD des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover Stephan Zilias da unterm Baldachin an der linken Seite der Spielfläche sicher und inspiriert durch die pausenlosen 105 Minuten dirigiert. An der Länge der 21.00 Uhr beginnenden Vorstellung stört allenfalls die langsam aufsteigende Abendkühle. Für die dann aber beim Verlassen der Gärten die illuminierten Wasserspiele entschädigen.  

Der Titel des französischen Originals „Le vin herbé“ folgt der Vorlage von Joseph Bédiers 1900 erschienenem „Le roman de Tristan et Iseut“ und meint jenen Zaubertrank, der bei Tristan und Isolde wie eine Liebesdroge wirkt, die sie aus allen Konventionen katapultiert. Und zwar gleich so weit, dass beide die Verwicklungen, die sich daraus ergeben, nicht überleben. Es ist ein schönes Bild, wenn im entferntesten hinteren Winkel der perspektivisch aufeinander zulaufenden Seitenhecken der Bühne der tote Tristan mit dem Blick in die Ferne steht und Isolde nach ihrem Tod auf ihn zuschreitet. Offensichtlich begegnen sich beide da in einer für sie freundlicheren Welt. 

Bei Wagner will Isolde mit einem Todestrank sich selbst und Tristan eigentlich umbringen. Brangäne greift bekanntlich ein und reicht stattdessen die Liebesdroge. Bei Martin irrt sie sich „nur“ bei dem für die Hochzeitsnacht mit König Marke vorgesehenen Gebräu. Bei der Gelegenheit wird eine Wanne auf die Bühne getragen und mit einer effektvoll dampfenden Flüssigkeit gefüllt. Die Wirkung des Trankes ist dort wie hier ähnlich verheerend. Eingebettet in einen Distanz schaffenden Prolog und sie wiederherstellenden Epilog des Chores wird dazwischen im Wechselspiel von Chor und Solisten eine Geschichte erzählt, die man so ähnlich von Wagners Großwerk kennt, die aber doch auch davon abweicht.

Hier fliehen die Liebenden, werden vom König noch verfolgt, der sie dann aber doch nicht erschlägt. Hier heiratet Tristan sogar noch eine andere, weißhändige Isolde. Was ihm allerdings schlecht bekommt. Denn die hat sich nie damit abgefunden, dass sie nur die zweite Wahl war. Als Isolde schon mit vollem Segel auf den sterbenden Tristan zusteuert, um den letzten Wunsch nach einer Wiederbegegnung zu erfüllen, behauptet die ungeliebte Weißhändige einfach, über dem Schiff würde sich ein schwarzes Segel blähen. Da genau das aber das Zeichen dafür sein sollte, wenn es ohne die Geliebte kommt, gibt sie Tristan mit dieser Lüge den Rest. Isolde und er treffen sich so erst in der anderen Welt – ganz hinten, wo die Hecken sich am Brunnen treffen.

Martin war so kühn, kammermusikalisch das gleiche Ziel anzusteuern wie Wagner mit der vollen Macht des großen Orchesters. Und es gelingt. Wolfgang Nägele (Inszenierung), Irina Spreckelmeyer (Kostüme), Marvin Ott (Bühne) und Susanne Reinhardt (Licht) liefern zudem einen überzeugenden Beleg dafür, dass dieses oratorisch angelegte Stück für eine szenische Umsetzung taugt. Unbewusst profitiert ein solches Unterfangen natürlich auch vom Nachhall von Wagners älterer, revolutionärer Tristanmusik. Gerade in der klagenden Trauer der Streicher, scheint zuweilen ein fernes Echo aus dem dritten Tristanaufzug herüber zu wehen. 

Doch es bleibt eine ganz eigene Annäherung. Katie Mitchell hatte das Stück vor sieben Jahren in ein zerstörtes Theater des Uraufführungsjahres verlegt. Nägele löst es aus jedem Zeitbezug. Auch wenn die Kostüme dosiert aufs ausgehende 19. Jahrhundert verweisen. Bei der Personenführung vor allem des Liebespaares macht die Regie aus der Abstandsregelnot eine Stilisierungstugend. Man küsst sich nicht, sondern fährt bei gebührendem Abstand mit den Händen so über den eigenen Körper, als wäre es der jeweils andere. Das Oratorische des Abends setzt zwar über weite Strecken auf die chorische Wirkung der zwölf Sängerinnen und Sänger – aus ihrer Mitte heraus profilieren sich aber vor allem Nikki Treurniet als blonde Isolde und Rodrigo Porras Garulo als Tristan. Das Publikum dankte den Künstlern mit herzlichem Beifall für einen bemerkenswerten Abend im Park.

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