Ein Freund für alle Fälle – Gerd Natschinskis „Mein Freund Bunbury“ im Theater am Park in Gera


(nmz) -
Wer heutzutage mit einem Sommerspektakel unter freiem Himmel sein Publikum unterhalten will, ist gut beraten, wenn er eine Schlechtwettervariante in petto hat. In Gera hätte man die, denn die Bühne am Park, auf der jetzt der DDR-Musical Klassiker „Mein Freund Bunbury“ Premiere hatte, liegt gleich neben der Oper – der Fluchtweg ins Trockene wäre kurz. Am Donnerstag zur Premiere konnte Generalintendant Kay Kuntze beruhigt darüber flunkern, dass man eventuelles regnerisches Wetter als Londoner Lokalkolorit betrachten solle. Doch das Wetter hielt über die gesamten knapp zwei Stunden.
07.08.2021 - Von Joachim Lange

So konnte die Truppe der Londoner Heilsarmee trocken durch die mit Abstand aufgestellten, nicht voll besetzten 200 Zuschauerplätze marschieren und sammeln. Die Musiker des Philharmonischen Orchesters spielten in einem Zelt unter Leitung von Thomas Wicklein rechts neben der ebenfalls überdachten Bühne. Zusammen mit der Lautsprecher-Anlage schafften sie es meistens, sich gegen den Straßenlärm durchzusetzen. 

Auf der Bühne hatte Ausstatterin Elena Köhler für die Inszenierung von AnnaLisa Canton mit ein paar beweglichen Kulissenteilen alles bereitgestellt, um flott zwischen Londoner Straßen- und Bahnhofsvorplatz-Atmosphäre für die Heilsarmee und dem Salon für die „upper ten“ des Adels zu wechseln. Und um Platz zu schaffen, wenn die Beine der Revue-Girls und Boys fliegen sollten oder Cecily Carew (Miriam Zubieta) ihren Musical Hall Auftritt als Sunshine Girl hatte. Die führt genauso ein Doppeleben (Heilsarmee hier, Revuestar dort), wie der Krimiautor Algernon Moncrieff (Kai Wefer), der den titelgebenden Freund Bunbury als die personifizierte Ausrede schlechthin benutzt. 

Auch Cecilys Vormund Jack Worthing (Alexander Kerbst) gibt nach außen den Heilsarmeesoldaten, ist aber auf der Suche nach der guten Partie. Die heißt Gwendolen (Claudia Müller), soll aber nach dem Willen ihrer Tante Lady Bracknall (Juliane Bookhagen) nicht unter ihrem Stand heiraten. Dass dann Moncrieff das Pseudonym für sich selbst benutzt, beschleunigt das Wirrwarr des Wer ist wer in Richtung Happyend (was sonst) noch einmal kräftig. Dass der Butler (Johannes Emmerich), der bei den einen drei Tage in der Woche als Jeremias und bei den anderen ebenfalls für drei Tage als John seine Dienste tut, wirklich Bunbury heißt, ist dann die Pointenkirsche auf dem Komödieneis mit Sahne. 

Die Story funktioniert – schon weil Helmut Bez und Jürgen Degenhart sie nach einer Vorlage von Oscar Wilde gebaut haben und dessen Name für perfektes Boulevardtheater mit sitzenden Pointen und dem richtigen Tempo steht.  

Entscheidend für den sicheren Erfolg ist aber die Musik des gebürtigen Chemnitzers Gerd Natschinski (1928-2015). Die zündet immer noch, da folgt ein Hit dem anderen und man kann sich den Ohrwurm aussuchen, den man vor sich hin trällert, wenn man das Theater wieder verlässt. Den Titelsong „Mein Freund Bunbury“ gibts sogar in mehreren Varianten gut verteilt übers ganze Stück. Das schmachtende „So wie Du“ klingt genauso musical klassisch wie „Picadilly“ oder „Sunshine Girl“. Überhaupt klingt hier fast alles nach dem seinerzeit so gerne reklamierten Weltniveau. Ist aber Made in GDR! Uraufgeführt 1964 im Ostberliner Metropoltheater. Man liest es und glaubt es kaum. Allein schon wenn Jack Worthing mit seinen angeblichen weltweiten Reisen hochstapelt. Kein einziges der Ziele war drei Jahre nach dem Mauerbau fürs Publikum im Metropoltheater und allen anderen Häusern der größten DDR der Welt, in der es nachgespielt wurde, real erreichbar. Und der Ort des Geschehens – London – natürlich auch nicht. Es ist nicht zu verstehen, dass „Mein Freund Bunbury“ heute keinen Stammplatz auf den Spielplänen der Opernhäuser zumindest im Osten der Republik hat!

  • Nächste Vorstellungen: 7.8. (14.30 Uhr und 19.30 Uhr), 8.8. (18.00 Uhr), 11.8. (19.30 Uhr), 13.8. (19.30 Uhr), 14.8. (14.30 Uhr und 19.30 Uhr)  und 15.8. (18.00 Uhr)
  • www.tpthueringen.de 

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