Ein Loch im Eisernen – Premiere von „Viktoria und ihr Husar“ in Halle


(nmz) -
Die Zeit und damit den historischen Kontext der Operette von Paul Abraham hat Regisseur Patric Seibert von den Jahren nach dem Ersten in die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg verlegt. Was willkürlich klingt, aber funktioniert, weil damit die Vorlage gleichsam zur Kenntlichkeit entstellt wird. Die Sache zündet insgesamt szenisch und musikalisch, findet unser Kritiker Joachim Lange.
18.12.2021 - Von Joachim Lange

Paul Abraham (1892-1960) gehört zu den Komponisten, denen der Zivilisationsbruch am Ende der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts übel mitgespielt hat. Der Person und seinem Werk. Auf die durchschlagend erfolgreiche Budapester Uraufführung von „Viktoria und ihr Husar“ 1930 folgten die „Die Blume von Hawai“ (Leipzig 1931) und 1932 in Berlin „Der Ball im Savoy“. Alle drei machten ihn populär. Auch wegen Abrahams Affinität zu den Vermarktungsanforderungen der damals neuen Medien Film, Funk und Platte. War eine Abraham-Uraufführung 1932 in Berlin gerade noch möglich, konnte seine Lustspieloperette „Märchen im Grand Hotel“ 1934 nur noch in Wien uraufgeführt werden. Da hatte die Flucht des Juden Abraham vor dem Rassenwahn der Nazis schon begonnen. Sie führte ihn über Budapest und Kuba in die USA, wo er schließlich in einer Heilanstalt landete.

Seinem Werk erging es nicht anders als dem von vielen seiner Komponistenkollegen mit ähnlicher Biografie. Die dogmatisch dominierende Nachkriegsmoderne (aber auch Probleme mit dem überlieferten Material) verzögerte die Rückkehr vieler von den Nazis verfemter Werke auf die Bühnen so lange, bis sie zum Objekt von echtem Ausgrabungs- und Entdeckungseifer wurden.  

Für die Wiederbelebung der Operette der Endzwanziger- und Anfangdreißigerjahre, war Barrie Kosky in den letzten Jahren ein Vorreiter. Im Hauptberuf Regisseur und Chef der Komischen Oper; mit seiner Spielplanprogrammierung als Intendant und selbst als Regisseur. An seiner Seite – per Definition – natürlich die Staatsoperette in Dresden (etwa mit dem „Märchen im Grand Hotel“), auch die Volksoper in Wien (mit dem Fußballschwank „Roxy und ihr Wunderteam“). Noch wichtiger ist aber, was davon auf „normale“ Stadttheater abfärbt. In dieser Hinsicht hat die Oper in Halle kein Defizit. Hier sind den Zuschauern Inszenierungen wie „Ball im Savoy“ oder „Die Blume von Hawaii“ noch in lebhafter Erinnerung. 

„Viktoria und ihr Husar“ durften also mit einem längerfristig vorbereiteten Publikum rechnen. Das wurde bei der für Ende November angesetzten Premiere mit einer bislang unbekannten Variante einer coronaspezifischen Vorstellung konfrontiert. Die wurde nämlich nach der zweiten Pause nicht mit dem letzten (Ungarn-)Akt als Happy-End abgerundet, sondern wegen einer positiven Testmeldung abrupt vorzeitig abgebrochen. 

Am 17. Dezember gab es nun (für Zuschauer mit 2G plus Voraussetzungen, aber am Platz wenigstens ohne Maske) die eigentliche Premiere. Die musikalische Leitung hatte Peter Christian Feigel. Der Kapellmeister der Staatsoperette Dresden ist einer der versiertesten Spezialisten für das Genre im Allgemeinen und diesen Komponisten im Speziellen. Er und die Musiker der Staatskapelle machen ihre Sache ganz hervorragend. Sie fühlen sich ins Melodische ein und lassen gekonnt die Zügel schießen, wenn es um das folkloristische Ausmalen der Schauplätze geht. Vor allem bei den flotten Puszta-Anklängen in der Nachfolge von Lehár und Kálmán und deren erfrischender Konfrontation mit zeitgenössischer Tanz- und Salonmusik bis hin zu English-Waltz und Jazz. Oder eben mit längst verselbständigten Hits wie dem „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“. Alles in allem ein origineller Stilmix vom Feinsten. 

Bei den Schauplätzen der Vorlage – Japan, Russland und Ungarn – bleibt es auch in Halle. Doch die Zeit und damit den historischen Kontext haben Regisseur Patric Seibert, Dorota Karolczak (Bühne) und Jon Bausor (Kostüme) von den Jahren nach dem Ersten in die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg verlegt. Was willkürlich klingt, aber funktioniert, weil damit die Vorlage gleichsam zur Kenntlichkeit entstellt wird. 

Dass der studierte Regisseur Seibert als Dramaturg und als Faktotum in Frank Castorfs Bayreuther Ring-Inszenierung mitgemischt hat, daran erinnert in Halle das Drehbühnen-Konstrukt für die ersten beiden Akte. Es ist eine atmosphärisch eindrucksvolle Ruinenlandschaft, die mit ein paar Plakaten und roten Fahnen im Handumdrehen von der amerikanischen Gesandtschaft in Japan zu der in Leningrad verwandelt werden kann. Seibert gönnt sich auch ein kleines Insider-Augenzwinkern, wenn (wie im Ring als Sergei-Eisenstein-Zitat) ein Kinderwagen eine Treppe hinunter hoppelt. Ansonsten greift er beherzt zu. Kein Hauch von k.u.k. Nostalgie, sondern eher der Luftzug des Kalten Krieges weht hier durchs Ruinenambiente. 

Wenn sich zum Einstieg der Eiserne Vorhang des Theaters senkt, dann meint das auch den sprichwörtlichen, der nach Kriegsende zwischen dem sowjet-kommunistischen Teil Europas und dem Westen niederging. Es hat dezenten ahistorischen Witz, wenn später einmal vom Loch im Zaun an der ungarischen Grenze zu Österreich die Rede ist. Die Inszenierung wird aber auch überdeutlich. Wenn die famose, singende Schauspielerin Barbara Dussler Brechts berühmtes Gedicht „Lob des Kommunismus“ mit dem Rücken am Eisernen Vorhang geradezu orgiastisch überzieht, dann verleiht sie damit ihrer Rolle als russischer Führungsoffizier eine Komponente, die kaum noch rational erklärbar ist. Sie bleibt in wechselnder Gestalt so eine Art von personifizierter surrealer Verfremdung. Respektive Verdeutlichung. Von der Agentenführerin hinter einer Zeitung bis zum kommunistischen Bürgermeister hinter einem Stalinschnauzer in Ungarn.

Seibert erzählt die Geschichte so, dass der Husar als Wehrmachtsoffizier Stefan Koltay (Chulhyun Kim) und sein „Bursche“ Janczi (Musa Nkuna) in der Kriegsgefangenschaft von den Sowjets als Agenten vergattert werden. Die Besetzung mit einem südkoreanischen und einem dunkelhäutigen südafrikanischen Tenor entfaltet zusammen mit dem Akzent bei den gesprochenen Passagen in diesen speziellen Rollen aparten Verfremdungswitz. 

Ihr Auftrag: sich beim amerikanischen Gesandten in Japan (John Cunlight ist Gerd Vogel mit der gewohnten darstellerischen Noblesse) als geflohene Gefangene auszugeben, um Asyl zu bitten, um auf diesem Wege mit ihm gemeinsam nach Leningrad versetzt zu werden. Soweit der Agententhriller. Den Weg in die Operette weist die Vorgeschichte, von der wir im eingespielten schwarz-weiß Video erfahren. Gesandten Gattin Viktoria (Franziska Krötenheerdt höchst überzeugend zwischen Dame und äußerst beweglichem Musicalstar) ist die jüdische Ex, die vor ihrer Flucht vor den Nazis vom Wehrmachtsoffizier aus Karrieregründen sitzen gelassene wurde. Dass die beiden ihre alten Gefühle wiederentdecken und am Ende zusammenfinden und dass John den großmütig Verzichtenden geben kann, ist Operette pur. Auch beim Happyend in Ungarn bleibt Seibert aber doppelbödig. 

Es ist ein Ungarn der Fassade und Rituale. Eins der großen Als-ob-Freiheit, dem die Menschen ihre kleinen realen Freiheiten ablisten. Starker Wein zum kommunistischen Gulasch sozusagen. Seibert bietet auch hier noch einmal jede Menge hintersinnigen Witz zum intelligenten Ernst. Unter dem Banner „Seht, Großes ist vollbracht“ finden sich vor aufgehübschten Fassaden drei Paare, ganz so wie es sich in der Operette gehört. Vor dem Paar des Operettentitels sind es Janczi und seine Riquette, die Yulia Sokolik durchgängig mit handfestem Wortwitz aufpeppt. Ein darstellersicher  (und dank Sofia Pintzou auch exzellent choreografierter) Coup gelingt Robert Sellier als Viktorias Bruder Ferry Hegedüs. Der heiratet in Japan gleich mehrere Japanerinnen, um ihnen die Ausreise zu ermöglichen und macht aus dieser Bufforolle ein perfektes Kabinettstück der männlichen Überforderung. Beim Happyend macht Vanessa Waldhart als O Lia San das Rennen.   

Seibert, seinem Dramaturgen Carlo Mertens und dem (mikroverstärkt singenden) Protagonisten-Ensemble ist eine Inszenierung gelungen, die sowohl mit leichter Hand die Show, die Revue, die sofort zündende Nummernfolge von Hits bedient, als auch die Konstellation der Geschichte mit Hintersinn neu erzählt und damit wirklich ernst nimmt. Die Sache zündet insgesamt szenisch und musikalisch – dass beim von Johannes Köhler einstudierte Chor noch allerhand Luft nach oben ist, mag den Widrigkeiten der Produktionsumstände geschuldet sein. Den Hauptteil tragen eh die Protagonisten. 

Dass Seibert augenzwinkernd und unaufdringlich auch noch zur modischen Ächtung der Vokabel Zigeuner oder die Wortentstellungen im Gendereifer auf die Schippe nimmt, gibts gratis obendrauf. So kann Operette gehen. Genau so!

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