Eine Höllenfahrt auf dem Podium – „La damnation de Faust“ von Hector Berlioz bei den Salzburger Festspielen


(nmz) -
Konzertante Aufführungen gehören bei den Salzburger Festspielen dazu. Sie komplettieren das Programm und sind eine schöne Umrahmung, für die Großen der Szene, die auch mal Partien erkunden wollen, die nicht im Repertoire der Häuser verankert sind. Anna Netrebko hat die Chance schon des öfteren genutzt. Jetzt hat es auch Ihre lettische Mezzokollegin aus der Spitzenriege, Elīna Garanča, mit der Marguerite so gemacht.
24.08.2021 - Von Joachim Lange

Wer die konzertante Aufführung von Hector Berlioz‘ „La damnation de Faust“ im Großen Festspielhaus hauptsächlich wegen ihr gebucht hatte, der musste sich freilich (inklusive der Pause) eindreiviertel Stunden gedulden, bis sie endlich in einem luftig leichten, eleganten Traumkleid in weiß mit blauen Federn vorm Dekolleté herein gerauscht kam, um aus dem Stand loszulegen und zu faszinieren.

Dass man dieses französische Opernunikum, das weniger ein klassisches Stück Musiktheater, als vielmehr eine musikalisch immer wieder orchesterstark auftrumpfende Collage ist, konzertant gibt, ließe sich in diesem Falle sogar werkgeschichtlich rechtfertigen. Auch die Uraufführung fand am 6. Dezember 1846 konzertant in der Pariser Opéra-Comique statt, und war von Berlioz wohl auch im Sinne einer „Konzertoper“ so gedacht. Eine erste szenische Uraufführung folgte erst fast ein halbes Jahrhundert später 1893 in Monte Carlo. 

Dass Hector Berlioz (1803-1869) heute ausgerechnet mit seiner Grand opera „Le Troyens“ auf den Opernbühnen (auch in Deutschland) vertreten ist, hat etwas von ausgleichender Gerechtigkeit, hatte er doch – wie andere Franzosen auch – mit Richard Wagner einen oft unfairen und ziemlich nachhaltig wirkenden Kritiker. 

Gleichwohl bleibt das, was der Komponist und Almire Gandonnière als Librettisten aus  Goethes „Faust“ gefischt und zu einem in seiner Zersplitterung beinahe geradezu modernen Vierteiler gemacht haben, die dramaturgisch disparate Vorlage für ein wirkungsvolles Musiktheater. Große Oper mit symphonischen Einschüben und mit einem Mini-Personaltableau bei den Protagonisten. Alles ist auf Faust, Méphitophéles und Marguerite verdichtet und wird von Brander komplettiert, dessen Ratten-Lied Peter Keller präzise beisteuert.  

Mehr als nur einen Hauch von Grand opera bringen freilich die gewaltigen Chöre in diese Légende dramatique in vier Teilen, wie es in der Stückbezeichnung heißt. Allein schon die Aufzählung von deren Rollen als Bauern und Christen, als Zecher, Soldaten und Studenten, aber auch als Gnome, Sylphen, Irrlichter, der Verdammten und Dämonen sowie als Fürsten der Finsternis und der himmlischen Geister klingt nach einer Mischung aus Aktion und Romantik, deren Zusammenhalt in der Praxis eine Extraherausforderung für den Dirigenten darstellt. Neben den Wiener Philharmonikern sind es auch hier Wiener, die für den Glanz an der Salzach sorgen. 

Ernst Raffelsberger hat die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (wie es schön umständlich korrekt heißt) ebenso präzise einstudiert, wie Wolfgang Götz den „Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor“ bei dem zum Glück nur die Bezeichnung holpert. Die Chöre jedenfalls waren eine hinreißend machtvolle und dabei klangschöne Ergänzung zu dem, wozu der schon als Franzose für Berlioz prädestinierte Dirigent und bisherige Musikdirektor der Brüssler Oper La Monnaie, Alain Altinoglu, die Wiener Philharmonie animierte.

Es gehört zu den Besonderheiten der Salzburger Festspiele, dass man ihr quasi Hausorchester in jedem Jahrgang auf vielen unterschiedlichen Feldern brillieren, also hören und in dem Falle auch sehen kann. Es war klar, dass dieses Extraklasse-Orchester das opulente Auftrumpfen ebenso überzeugend präsentiert, wie eben auch die eloquente französische Eleganz, die diese Musik zum kulinarischen Genuss macht.

Was macht es da schon (noch dazu, wenn man sich szenisch nicht dazu „verhalten“ muss), dass der erste Teil der Geschichte nach Ungarn verlegt wurde, damit der populäre Rákóczi-Marsch irgendwie legitimiert ist. Auf dem Podium ist er das pure Hörvergnügen, ein Aufatmen nach Fausts ausführlich vorgetragener Frustration über sich, die Welt und überhaupt. 

Den dafür passenden Tonfall und den konzentrierten lyrischen Schmelz bietet der amerikanische Tenor Charles Castronovo als Faust in reichem Maße. Mit dem Orchester im Rücken wohl auch ohne Reserven. Der baschkirische Bass Ilda Abdrazakov mit seiner bodenständigen, für das spöttisch Zynische von Méphistophélès’ Verführungsversuchen und das bestimmend Fordernde des Triumphierenden passenden, eher markanten als balsamische Stimme ist ein maßgeschneidertes vokales Gegenstück dazu. Dadurch entfaltet sich die besondere Beziehung zwischen diesen Beiden auch ohne szenische Übersetzung durch den Gesang.

Grandios und nicht nur optisch wie ein Stern aufgehend: der Auftritt von Elīna Garanča! Sie verzaubert mit ihrer sinnlichen, vergleichsweise hell leuchtenden Stimme, die zugleich klar und bestimmend artikuliert. Auf das großen Liebesduett von Faust und Marguerite im deren Zimmer scheint Berlioz in der ausufernden Liebesnacht von Dido und Aeneas in seinen Les Troyens noch einmal zurückgekommen zu sein. Auch wenn hier bei aller betörenden Verschlingung der Stimmen, die Leidenschaft bei Garanča für Momente jene von Castronovo zu überdecken drohte. Aus der Romanze „Meine Ruh ist hin“ zu Beginn des vierten Teils macht sie im Wechselspiel mit dem Englischhorn ein fast zehn Minuten währendes Minidrama, dem man gebannt folgt. Garanča überstrahlt einen beglückend musikalischen Abend, der auch beim Entfesseln der Hölle das bleibt was er ist – ein kulinarisches Ereignis, das das Freisetzen auch szenischer Fantasien zu Fausts Höllenfahrt beim Zuhörer erlaubt, aber nicht erzwingt. 

In Salzburg gab es „La damnation de Faust“ vor 22 Jahren das letzte Mal in der Inszenierung von La Fura dels Baus (mit Vesselina Kasarova als Marguerite und Sylvain Cambreling und der Staatskapelle Berlin). Eigentlich auch schon ziemlich lange her.

 

 

 

 

 

Das könnte Sie auch interessieren: