Eine Königin am Dresdner Hof…. – Superstar Anna Netrebko begeistert in der Semperoper in Dresden


(nmz) -
Im Moment sucht wohl jedes Opernhaus nach einer Exit-Strategie aus der Corona-Zwangspause und nach einer weichen Landung in der neuen Realität. Paarweise besetzte Plätze, mit zwei freien Plätzen dazwischen und einer gesperrten Reihe davor und dahinter. wegweisendes Personal, gestrichene Pausen. Irgendwie geht das schon. Die Zuschauer sind hier jedenfalls weit besser auf Distanz zu ihren haushaltsfernen Mitmenschen als im Bau- oder Supermarkt und im Bus oder der Bahn, also nicht das Problem. Auch die reduzierten Einnahmen sind es nicht wirklich. Was normalerweise über die Kasse in den Haushalt der Häuser fließt sichert nur einen kleinen Teil des Budgets.
21.06.2020 - Von Joachim Lange

Das eigentliche Problem sind die Chöre und vor allem die eng im Grabe sitzenden Orchestermusiker. Um sich nicht dauerhaft auf das schmale kammermusikalische Repertoire einzuschränken, oder entsprechende Versionen der großen Filetstücke des Kanons herzustellen, muss man sich etwas einfallen lassen. Die bislang wohl cleverste Lösung geht Andreas Homoki in Zürich an. Von dort ist zu hören, dass ein externer Probenraum zu einem Tonstudio umgebaut wird, in dem Orchester und Chor mit Sicherheitsabstand musizieren, was dann live ins Opernhaus übertragen wird. Das heißt am Zürichsee wird die Schlechtwettervariante der Bregenzer Festspiele, zum Corona-Abwehrmodell adaptiert. Man darf gespannt sein, wie das funktioniert und ob es Schule macht. 

Aber Lösungen müssen überall gefunden werden – Selbstmord aus Angst vorm Tod ist keine. Und selbst für die großen gut verdienenden Stars gilt: sie verdienen nur etwas, wenn sie auch singen, von der existenziellen Bedrohung der vielen anderen gar nicht zu reden. In Dresden ist jetzt die Semperoper mit vier Konzerten der Luxusklasse unter dem Titel „Aufklang!“ aus der Deckung gekommen und hat das Haus (im Einklang mit allen geltenden Regeln) wieder geöffnet.

Am Anfang stand natürlich ein Konzert der ganz besonderen Art: entlang eines Best Of zaubern nur acht Musiker, eine Handvoll Sängerinnen und Sänger und eine Abordnung des Chores eine Ahnung von Verdis „Don Carlo“ vor die Ohren und das innere Auge der unter Opernentzug leidenden Zuschauer und Zuschauerinnen. Und es funktioniert, weil man Spitzenkönner der Sächsischen Staatskapelle  wie Andreas Kißling, (Flöte), Sebastian Römisch (Oboe), Volker Hanemann (Englischhorn), Robert Lis (Violine), Simon Kalbhenn (Violonchello), Andreas Wylezol (Kontrabass)  sowie Jobst Schneiderat (Harmonium) zur Verfügung hat. Und einen Mann am Klavier wie Johannes Wulff-Woesten, der als Komponist den Mut und hatte, den Verdi-Blockbuster auf anderthalb Stunden einzudampfen und obendrein das Geschick diese Minibesetzung auf der Bühne vom Klavier aus zu leiten. 

Da steht dem Semperopernintendant Peter Theiler zudem ein erstklassiger junger Bariton wie Sebastian Wartig für die Partie des Herzensfreundes des Infanten und der Freiheit, Marquis von Posa, eine elegant glutvolle Mezzosopranistin wie die Russin Elena Maximova und Bassisten wie Tilmann Rönnebeck als König Philipp II. und Alexandros Stavrakakis für den geheimnisvollen Mönch zur Verfügung. Dazu Mariya Taniguchi vom Jungen Ensemble und eine siebenköpfige Abordnung des Chors, den Jan Hoffmann einstudiert hat. 

Allein schon aus all diesen Gründen konnte sich Theiler ruhigen Gewissens auf dieses Abenteuer einlassen. Um daraus aber einen enthusiastisch bejubelten Erfolg beim Publikum zu machen, brauchts einen strahlenden Prinzen und eine wirklich königliche Königin. Die immerhin war zur Stelle: Anna Netrebko. Der Opernsuperstar schlechthin. In Dresden hatte sie 2016 einen spektakulären Auftritt. Da wagte sie ein Experiment, das sie dann in Bayreuth leider nicht wiederholte. In der Semperoper gab sie im „Lohengrin“ ein exzellentes Elsa-Debüt von tadelloser deutscher Diktion (da kann sie selbst sagen was sie will). Die auch sie hart treffende Corona-Zwangspause beendete sie jetzt an der Elbe mit einer fulminanten Elisabetta. Einstudiert hatte sie die Rolle für die mit Dresden koproduzierte Inszenierung, die Vera Nemirova eigentlich zu den in diesem Jahr ausgefallenen Salzburger Osterfestspielen präsentieren wollte. Der konzertante „Rest“ wurde jetzt gleichwohl zu einem Zeichen der Selbstbehauptung der Branche! Weder überbordende Emotion aus dem Graben, noch intellektuelles Inszenierungsbeiwerk auf der Bühne wetteiferten diesmal mit den Einfällen eines Genies wie Verdi und mit dem Wichtigsten, was Oper zu bieten hat, den Stimmen. Die kundigen Zuschauer dürften Fehlendes aus der Erinnerung ergänzt haben. Auf den Disput zwischen Philipp und Posa zu verzichten, schmerzt allerdings doch. Ebenso wie die gestrichene Forderung Elisabettas an ihren Mann nach Gerechtigkeit. Aber sei’s drum. 

Wenn die Netrebko in ihrer schwarzen, silberbestickten Robe mit hoch gestecktem Haar auftritt und zu singen anfängt, dann ist das alles geschenkt. Selbst, dass ihr Ehemann Yusif Eyvazov (so schlank, dass man ihn kaum wiedererkennt) den Don Carlo singt. Seinen gaumigen Start muss man einfach überhören – das wird im Laufe des Abends besser. Sein Timbre bleibt Geschmacksache. Tenor-Pathos wie in einer Ritterrüstung. Doch mit enormer Kraft – den (höchst kultiviert singenden) Posa singt er schon mal an die Wand. Bei seiner Frau versucht er es gar nicht erst. Er hätte auch keine Chance. Diese Donna Anna ist auch als Elisabetta schlichtweg überwältigend – mit einer ausgebauten, bronzenen Tiefe als Fundament, von dem aus sie sich mühelos in die Höhe aufzuschwingen vermag, um sich dann in ein Piano fallen zu lassen. So geht Verführung durch große Oper! Hinzukommt, dass die Netrebko eigentlich keine Inszenierung braucht. Ihr Charisma reicht allemal. Ohne, dass es aufgesetzt oder albern wirkt. Außerdem erweist sich die Netrebko auch in diesem Konzert wieder einmal als eine mustergültige Teamplayerin!  Stehende Ovation! Ein alter Herr ruft in den Beifall „Wiederkommen!“ Recht hat er.

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