Eröffnung des ersten Opernfestivals Oberpfalz mit Carl Maria von Webers „Freischütz“


(nmz) -
Es gibt an die 40 Opernfestivals in Deutschland. Deutschland ist Opernweltmeister, was Zahl und Dichte an kleineren und größeren, bedeutenden und unbedeutenden Feld-Wald- und Wiesenfestivals angeht. Nun also auch noch Opernfestspiele im Zentrum der Oberpfalz, im malerischen, pieksauber gepflegten und renovierten, leider aber nicht sonderlich urbanen und belebten (auch gastronomisch alles andere als aufregenden) Amberg, das freilich einige Einmaligkeiten zu bieten hat …
21.07.2021 - Von Dieter David Scholz

… etwa ein faszinierendes, kurioses Hotel im Knast der Stadt, der Fronfeste, einem denkmalgeschützten Gefängnis aus dem 17. Jahrhundert. Auch das dem Theater benachbarte alte traditionelle Wirtshaus („Casino“) ist einmalige Ausnahme, denn es wird von einem großartigen Koch und Weinkenner geführt, was der Kunst, den Kunstgenießern und den Künstlern nebenan ohne Frage guttut.

Auch das Stadttheater Amberg ist eine kuriose Einmaligkeit, es ist eines der schönsten Kleintheater Deutschlands, seit dem 19. Jahrhundert bürgerliches Theater. Nach der Säkularisation des Franziskanerordens wurde es 1803 in die Gemäuer der ursprünglichen gotischen Klosterkirche hineingebaut, ein klassizistisches Rangtheater, das mehrfach umgestaltet und renoviert wurde. Seit 1978 ist es Gastspieltheater. Von außen kaum erahnbar, stellt es sich als eines der zauberhaftesten Theater der Republik dar, ein Schmuckkästchen mit einmaligem, gemaltem Schmuckvorhang in theatralischer Raffung.

Ein festes Ensemble freilich gibt es nicht. Das wäre für die Gemeinde mit nicht einmal 45.000 Einwohnern unfinanzierbar, wohl auch unrentabel. Die relativ menschenleere, bayerisch geprägte wie sprechende Oberpfalz (der an Tschechien grenzende Bezirk im Nordosten Bayerns) ist kein eigentliches Theaterland, eher musikalisch-künstlerisches Brachland (was nicht heißt, dass es dort keinerlei Kulturdenkmäler gibt). Seine Einwohner sind bisher jedenfalls nicht durch besondere Opernbesessenheit aufgefallen.

Eben das war für den Dirigenten Michael Konstantin Beweggrund, (2018 gemeinsam mit einem Förderverein) das Festival zu gründen. Es sollte schon im Juli 2020 mit der Neuinszenierung von „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber starten. Corona geschuldet ist der verspätete Beginn in diesem Jahr, in dem es auch noch eine märchenhafte neue Oper „InSomia“ von Raphael Fusco im alten Lokschuppen gibt.

Das Opernfestival Oberpfalz soll Oper von Oberpfälzern für Oberpfälzer sein und das schmale kulturelle Angebot in der Region bereichern. Das ist ehrenwert. Konstantin will nicht nur routinierte Opernfans anlocken, sondern vor allem ein junges, neugieriges Publikum für Oper interessieren, ja gewinnen.

Um eben dieses typische, in seiner Ambivalenz berührende „Provinz-Publikum“ (Bauern, Beamte und Angestellte, Bildungsbürger, Marktfrauen und im Verborgenen blühende Orchideen, Philister und verkappte musische Naturen, Alte und Junge, Sportive wie Sensible und Grobe) nicht überzustrapazieren, spielt man eine Strichfassung von 90 Minuten (Andreas Wiedermann, Frauke Mayer und Michael Konstantin). Sie darf als erfreulich geglückt bezeichnet werden: „The Best of“ könnte man sagen. Man vermisst nichts, und manche Peinlichkeit, manches Unbehagen des heute nur schwer zu vermittelnden Librettos, auch manche musikalische Redundanz bleiben außen vor. Das Orchester wurde auch pandemiebedingt stark reduziert (Arrangement: Ernst Bartmann). Im Wesentlichen ist es eine Bläserbanda (Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, 2 Hörner, Trompete, Posaune) mit Pauke und Streichquartett.

Dass man mit diesem ausgedünnten Orchester einen durchaus überzeugenden „Freischütz“ realisieren kann, hat der forsche Idealist Michael Konstantin bewiesen. Er hält die musikalischen Fäden auf und unter der Bühne gut zusammen und sorgt für Dramatik, Spannung und Romantik. Seine straffe Lesart und die Besetzung erlauben eine transparente, klare Interpretation.

Alle Gesangssolisten wurden den Anforderungen ihrer Partien gerecht, die Männer unter ihnen waren allerdings unstrittig überzeugender als die Frauen. Herausragend in Stimme und Diktion ist Patrick Vogels Max zwischen Tristan uns Schubertlied, ein Glücksfall in Stimme und Darstellung, ein außergewöhnlicher Tenor, von dem noch viel zu erwarten ist. Aber auch der Kaspar von Gary Martin, der Kuno von Cornelius Burger, der Ottokar von Daniel Ochoa, der Kilian von Felix Mischitz, sie alle besitzen kernige, gesunde, klangschöne Stimmen. Der umjubelte Christoph Stephinger, der Eremit und Samiel verkörperte, bestach durch seinen schwarzen Bass und gab in seinen Bühnenabschied nach 40 Jahren des Singens.

Laura Demjans Ännchen blieb betrüblich blass, brav und piepsig, wahrlich keine Virtuosa des Koloraturgesangs und ziemlich wortunverständich vor allem in den nuscheligen Dialogen. Auch Isabel Blechschmidts Agate sang zu routiniert, auch zu dunkel timbriert, zu „fleischig“. Sie blieb auch im Darstellerischen eine blasse, konventionelle Frauengestalt. Schade. Nicht wirklich schlecht beide Sängerinnen, aber auch nicht wirklich gut.

Das handverlesene Festivalorchester und der eigens zusammengestellte Festivalchor (erstaunlich präzise Laien) boten dagegen insgesamt eine sehr respektable Aufführung. Es wäre falsch, nur von Provinzglück zu sprechen. Dass hinter und auf der Bühne sowie im Theater unzählige hilfsbereite, für ihr neu geborenes Festival engagierte Amberger am Werk waren, dass die Choristen geschminkt und kostümiert durch die halbe Stadt marschierten, weil im Theater ausreichende Umkleideräume und Garderoben mangels Platzes fehlen, gehört freilich zum Phänomen Kleinstadt, ebenso wie die stolze und engagierte Begeisterung und Teilnahme der Bevölkerung an ihrem Opern-Spektakel.

Die Inszenierung von Andreas Wiedermann ist in sich stimmig. Er geht das Stück unkompliziert an und zeigt eine Metapher auf Bigotterie, Fremdbestimmtheit, Angst und Schlechtigkeit des Menschen, auf Abhängigkeit, Aberglauben und gesellschaftliche Einbindung in eine starre Standesordnung der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Szenische Knappheit und verkohlte Optik der Bühne (Aylin Kaip) mit ihren Baumskeletten zeigen eine mystische, dunkle Welt des Hoffens auf einen Sieg des Guten. Märchenfiguren laufen immer wieder quer durchs Bild. Samiel trägt einen Hirschschädel. Kostüme und Gesichter sind ascheverschmiert, wo nicht moosbewachsen. Das Konzept: „Ein bizarres Märchen, das die ewige Geschichte von der leichten Verführbarkeit des Menschen unter gesellschaftlichen Repressionen weiterdeutet“. Ironie und schwarzer Humor sind angesagt in einem zerstört anmutenden Deutschen Wald, die Figuren sind holzschnittartige Marionetten, der Jägerchor fiel plötzlich um, man rauft und tanzt. Ein Pandämonium unter allgegenwärtigem, mondartigen Ring, der mal giftig, mal romantisch beleuchtet wird. Im Bühnenqualm werden Rückseite und Abgründe des Biedermeier angedeutet.

Alles in allem eine ernstzunehmende wie vergnügliche Erfahrung, dieser Auftakt des ersten Opernfestivals Oberpfalz, das heuer erstmals, wenn auch mit argen Einschränkungen stattfand. Ob die den Kunstgenuss beeinträchtigende Maskenpflicht der ausgedünnten Zuschauerschar (jede zweite Reihe musste leer-, und die Hälfte der Sitzplätze unbenutzt bleiben) epidemiologisch Sinn macht und sein musste, sei dahingestellt.

Beim nächsten Opernfestival Oberpfalz soll (ein ebenfalls auf 90 menschenfreundliche Minuten eingedampfter Verdi im Mittelpunkt stehen. Man wünscht dem Vorhaben alles Glück, denn Oper, egal wo und wie (abgesehen von wirklich dilettantischen Aufführungen) ist doch immer Glück!

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