„Fidelio“ als Rettungsgeschichte 44 – Adam Fischer in Düsseldorf


(nmz) -
Himmlisches und Irdisches war in dieser Fidelio-Produktion ganz nah beisammen. Alles mit klar perforierten Reißlinien, weswegen die Wertstofftrennung nicht allzu schwerfällt. Um mit der guten, der sehr guten Nachricht anzufangen: Es wurde hinreißend musiziert, fabelhaft gesungen. Immer wenn Adam Fischer am Pult steht, sitzen die Düsseldorfer Symphoniker auf der Stuhlkante. Wie jetzt, da es darum ging, einen „Herzenswunsch“ ihres „Principal Conductors“ zu erfüllen wie der von Tonhallen-Intendant Michael Becker eigens für Adam Fischer geschaffene Titel lautet.
10.09.2020 - Von Georg Beck

Bei Amtsantritt vor fünf Jahren, so verriet Becker, habe es eine Würde-ich-gern-machen-Liste gegeben und da sei er schon draufgestanden, der Wunsch, einmal eine Hommage jenes Fidelio zu versuchen, den das Orchester der „National Broadcasting Cooperation“ unter Arturo Toscanini im Dezember 1944 in New York für das amerikanische Radiopublikum produziert hatte.

Jetzt war es soweit. Und in Hinsicht auf die musizierten Teile war es ein starker Abend. An dessen Anfang stand ein klarer Strich. Aufs Kleinbürgerlich-Singspielhafte des Ersten Aktes hat sich Fischer gar nicht erst einlassen wollen, ist vielmehr nach der dritten Leonoren-Ouvertüre gleich in die dunkle Kerkerwelt der großen Florestan-Szene gesprungen – eine dramaturgisch ungemein überzeugende Entscheidung. Inwiefern dieses Schlussbild „halbszenisch“ sein sollte, blieb freilich rätselhaft. Was Fischer dirigiert hatte (wieder einmal alles auswendig!) war ein oratorischer Zweiter Akt, was bewirkte, dass der hohe Ton dieser Musik (fast) solitär im Zentrum stand.

In dieser verdichtenden Konzeption hätte dieser „Fidelio 44“ eigentlich im Rahmen des diesjährigen Beethovenfestes über die Bühne gehen sollen. Es kam anders. Die Gründe sind bekannt. Immerhin aber konnte die Produktion in Düsseldorf stattfinden, nicht, wie geplant, mit dem Bonner, sondern, dies war die einzige Änderung, mit dem Chor der Deutschen Oper am Rhein, der verteilt über die Ränge der Tonhalle ein filigran-aufgesplittetes „Heil sei dem Tag“-Finale hinlegte. Alles nicht so kompakt wie gewohnt, eher kammermusikalisch. Fabelhaft die Solisten. Hervorgehoben seien Johanni van Oostrum als klare, strahlende Leonore, Maximilian Schmitt ein silbrig glänzender Florestan, Tilman Rönnebeck ein standhafter Rocco.

Was aber hatte das Ganze nun mit dem Toscanini-Fidelio von 1944 zu tun? – Schnell war klar, dass es mehr war als nur irgendein Regieeinfall, mehr als eine museale Konzertrekonstruktion. Es war ein wirkliches Herzensanliegen wie dies Adam Fischer selbst zu Konzertbeginn deutlich machte. Mit bewegter Stimme, einen Zettel in der Hand, den er eigentlich nicht brauchte, erzählte er vom Januar 1945. Seine jüdische Mutter hatte sich in einem Budapester Wohnhaus vor ihren Häschern versteckt. Wäre sie Gestapo oder den verbündeten ungarischen Pfeilkreuzlern in die Hände gefallen, wäre ihr Schicksal besiegelt gewesen. Es sollte anders kommen und man kann verstehen, dass diese Fortsetzung in der Familie Fischer immer und immer wieder erzählt worden ist seitdem. Was geschah, war dies: Budapest belagert von der Roten Armee, Luftangriffe der Alliierten und Adam Fischers Mutter, nicht wie alle anderen im Keller, sondern ausharrend oben im vierten Stock. Nach Stunden das Wunder. Als einziges war ihr Haus stehengeblieben. Mit dem Einmarsch der Russen war sie frei – „und viereinhalb Jahre später“, fügte Adam Fischer hinzu, „bin ich geboren“.

Für das Tonhallen-Publikum, das an Fischers Lippen hing, war unmittelbar klar: eine solche Erfahrung, eine solche Rettungsgeschichte verlangt nun wirklich nach der größtmöglichen musikmoralischen Höhe, verlangt nach Entfaltung sämtlicher zur Verfügung stehenden orchestralen, chorischen Kräfte, zielt einfach auf „namenlose Freude“ – insbesondere dann, wenn man, wie Adam Fischer, Musiker, Dirigent ist. Insofern war, was da unter der Rotunde der Düsseldofer Tonhalle über Bühne und Podium gegangen ist, ein veritables Stück Bekenntnismusik, was das Düsseldorfer Publikum auch instinktiv verstand. Am Ende stand es deswegen auch, um Chor, Solisten, Orchester und seinen famosen Dirigenten zu verabschieden.

Damit hätte es an diesem Abend sein Bewenden haben können. Mehr kann man nämlich, wie eigentlich unschwer einzusehen ist, kaum machen. Und dann wurde doch noch so einiges gemacht. Über die stille Regie, die von Fischers ureigener Rettungsgeschichte ausging, legte sich, wie ein Netz, eine andere. Ein Stück Belehrung einerseits, ein Stück romantisierender Verunklarung andererseits. Für Leonhard Koppelmann stand nämlich zunächst einmal fest, dass diese Inszenierung Warntafeln benötigt. Bitte den richtigen Beethoven nicht mit dem falschen verwechseln! Im Handumdrehen kehrte Koppelmann den Oberlehrer heraus, suchte sich zwei (sehr gute) Sprecher (Sonja Beißwenger, Andreas Grothgar) und ließ dieses Duo einen quälend ausladenden Belehrungstext vortragen: „Es ging Toscanini um eine Rückeroberung Beethovens, als Repräsentant einer freiheitlichen, aufgeklärten und selbstbestimmten Welt.“ In diesem Stil.

Apropos. Auf eine Tryptichon-Leinwand hinter dem Orchester projizierte Videokünstler Stefan Bischoff seine „Filmstills“. Feuernde Schlachtschiffe, Soldaten, Bunkeranlagen, das bekannte historische Tableau der Ereignisse nach dem D-Day, fotorealistisch aufbereitet, in erdige Farben gegossen, mit feinen Haarrissen versehen. Der Haken war nur: Zur Rettungshöhe, die Adam Fischer vorgegeben hatte, fand diese Veranstaltung keinen Zugang. Dass dieser „Fidelio 44“ im Kern eine Überlebende-Geschichte verarbeitete, blieb unverstanden. Erschwerend und in Tateinheit kam hinzu eine unangemessen romantisierende Haltung. Rauschende Kornfelder, markige Soldatengesichter, Gegenlicht, Untersicht – als hätte Bischoff Anleihen bei Leni Riefenstahl genommen. Das war schon komisch. Da zitierte Koppelmann ausführlich die gepfefferten Ansprachen, die Thomas Mann über den BBC an seine „Deutschen Hörer“ gerichtet hatte, worin er den nazistischen Ungeist direkt zurückführte auf eine „auf den Hund gekommene“ Romantik – und dann gab es auf der Leinwand doch wieder nur Romantik. Less wäre more gewesen.

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