Gegenlärm aus dem Gameboy: Felix Kubin und das ensemble Intégrales in Esslingen


(nmz) -
Eine Veranstaltung im Rahmen des Netzwerk Neue Musik unter dem Titel „The Art of Entertainment“: Das verspricht spannend zu werden. Umso mehr, wenn sie in einem Jugendhaus stattfindet und die Kompositionen „Renaissance Gameboy“, „the musicbox-final project“ und „Going to Hell“ heißen. Vor einem bunt gemischten Publikum spielten das ensemble Intégrales und Felix Kubin eine ganz neuartige, ebenso komplexe wie unterhaltsame Musik, die mit der klassischen „Neuen Musik“ des 20. Jahrhunderts so viel und so wenig zu tun hat wie mit dem Punkrock, der traditionell eher im Esslinger Jugendhaus Komma zu hören ist.
27.11.2011 - Von Dietrich Heißenbüttel

Scharf, stimmhaft eingezogene Luft: „I’m going to hell“. Marko Cicilianis Komposition beginnt mit einer Geste des Zusammenfahrens, Erschreckens, die sofort eine Kakophonie von Geräusch- und Sprachsamples auslöst. Barbara Lüneburg, ein Mikrophon um den Hals, singt und spricht und bedient nur gelegentlich ihre elektrische Violine. Vor ihr liegt ein dickes Gewirr von Kabeln am Bühnenboden, die zu Cicilianis Synthesizer, Mischpult, Sampler und Notebook führen. Der spricht ebenfalls, wie auch Jonathan Shapiro, Texte ins Mikrophon, die von Internet-Seiten stammen und bekenntnishaft persönliche Geheimnisse ausplaudern. Zum Stück gehört auch, dass Shapiro eine Unterbrechung für eine Ansage des Sponsors ankündigt. Lüneburg klingt manchmal ein wenig wie Laurie Anderson, dann wieder fährt ein zappaesker Lauf von Synthesizer und Drum Pad dazwischen.

Regelmäßige Besucher des Esslinger Jugendhauses sind zahlreich erschienen, darunter solche, die bei Burkhard Friedrich, dem Leiter des Ensembles bereits einen Kompositionsworkshop gemacht haben. Aber auch ältere Semester, Anhänger Neuer Musik. Friedrichs „Musicbox final“ beginnt vor einer leeren Bühne. Chromatische Läufe, in die dann auch Lüneburg einstimmt, bilden das Grundmotiv, zu dem periodisch ein Techno-Gewummer einsetzt. Mit den beiden Werken der Ensemblemitglieder ist der Boden für Felix Kubin bereitet, der von nun an im Mittelpunkt steht. Seine Kompositionsserie „Renaissance Gameboy“ beruht tatsächlich auf Klangmaterial und Sequenzen der Nanoloop-Software für den Nintendo Gameboy. Wie in Friedrichs „Musicbox“ erklingt dieses Material in der ersten Version zunächst für sich, bevor, Einer nach dem Anderen, das fünfköpfige Ensemble einsetzt. In der zweiten Version erhalten die Musiker den Impuls über Kopfhörer, die Elektronik hält sich zurück. Aus der dichten Verschränkung der kurzen Loops mit den Klängen von Klavier, Violine, Cello, Schlagzeug und Saxophon entsteht eine rhythmische, repetitive Musik, allerdings viel komplexer und offener als in der Minimal Music.

Denn Kubin ist alles andere als ein Anhänger leicht verdaulicher Dur-Moll-Tonalitäten. Im zweiten Teil des Abends performt der Musiker, der einmal in einer Band namens „Klangkrieg“ spielte, ein „Syndikat für Gegenlärm“ gegründet und ein Hörspiel gleichen Namens produziert hat, allein: auch wenn er sich als „Mineralorchester“ ankündigt. Denn, so erklärt Kubin, er will seine verschiedenen Personae zu Gehör kommen lassen. Die melden sich denn auch munter zu Wort: Vom krachenden Lärm bis zu eingängigen, schrägen Synthi-Melodien und am Ende auch Schnulzen – oder deren Parodien? – und militärisch punkigem Geschrei fährt Kubin Facetten eines Klangkosmos auf, die nach herkömmlichem Verständnis unvereinbar erscheinen, bei ihm aber, getragen von sicherem Gespür für die richtige Balance, Hand in Hand gehen: Da steht der Korg-Synthesizer oben auf dem Stapel und produziert jene außerirdischen Töne, die zu Beginn der 1980er-Jahre die „Neue Deutsche Welle“ charakterisierten – für Kubin eine wesentliche Referenz, die sich weiter bis Kraftwerk zurückverfolgen lässt. Zugleich aber stammt ein anderer Teil – die schrägen Töne und Geräusche ebenso wie die kompositorische Komplexität – unverkennbar eher aus der Elektronik der „ernsten“ Musik seit Stockhausen.

Kubin trennt diese Klangwelten nicht, er lässt sie vielmehr lustvoll aufeinanderprallen und interagieren. Von Rhythmus und Repetition getragen, entsteht so ständig ein Überschuss und dank der hoch sensiblen und virtuosen Art, in der der Musiker mit seinen Drehknöpfen und Reglern umgeht, nie der Eindruck von Monotonie. Ein feines Lächeln kündigt an, dass ein Stück zu Ende ist und Kubin mit dem Resultat zufrieden. Das Publikum – und zwar keinesfalls nur die eingefleischten Fans – nicht minder.
  

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