Im Strudel von Annahmen und Verdächtigungen – „Peter Grimes“ in Magdeburg


(nmz) -
In Zeiten des Krieges, 1939 war Benjamin Britten mit seinem Partner Peter Pears – den Freunden Wystan Hugh Auden und Christopher Isherwood folgend – in die USA geflüchtet. Dort in Escondido, einer kleinen Stadt zwischen den Hügeln im Nordosten von San Diego, entstand die Idee zur Oper „Peter Grimes“. Britten und Pears lasen einen Artikel über den englischen Dichter George Crabbe (1754-1832). Dessen Verserzählung „The Borough“ beschreibt das Leben in einer Kleinstadt an der Küste von Suffolk. Das Lebend des Fischers Peter Grimes steht im Mittelpunkt, eines echten Bösewichts, eines Schurken.
01.05.2022 - Von Dieter David Scholz

Im Frühjahr 1942 wagte das Freundespaar die gefährliche Atlantiküberquerung zurück nach England: Dort lernten sie den Journalisten und Dramatiker Montagu Slater kennen, den sie das Libretto anfertigen ließen, was eine deutliche Veränderung gegenüber der Vorlage bedeutete. Es ging Britten nicht darum, aus Peter Grimes einen byronschen Helden des romantischen Weltschmerzes zu machen, sondern eher das Opfer einer Gesellschaft zu zeigen, das zugleich die Wertvorstellungen dieser Gesellschaft repräsentiert. Grimes ist ein Außenseiter, doch er möchte so gern dazugehören. Er weiß aber: „Wer kann die Gestirne zurückdrehen und von Neuem beginnen?“ Er ist ein Outcast, ein rauher Bursche, zweifellos, ein gewalttätiger Seemann. Aber nicht unbedingt ein aggressiver Psychopath, Homosexueller oder gar Päderast. Es geht vielmehr in der Oper um den Kampf des Einzelnen gegen die Masse und das Schicksal, ja um das Leben, das harte Leben der Seeleute und ihre Prägung in einer harten Gesellschaft.

„Die meiste Zeit meines Lebens verbrachte ich in engem Kontakt mit dem Meer. Das Haus meiner Eltern in Lowestoft blickte direkt auf die See, und zu den Erlebnissen meiner Kindheit gehörten die wilden Stürme, die oftmals Schiffe an unsere Küste warfen und ganze Strecken der benachbarten Klippen wegrissen. Als ich ‚Peter Grimes‘ schrieb, ging es mir darum, meinem Wissen um den ewigen Kampf der Männer und Frauen, die ihr Leben, ihren Lebensunterhalt dem Meer abtrotzten, Ausdruck zu verleihen – trotz aller Problematik, ein derart universelles Thema.“ (Britten)

Die Worte des Titelhelden „In welchem Hafen kann ich Frieden finden…“ hören wir im Licht heutiger Erfahrung besonders aufmerksam. Das Thema stand seinem „Herzen sehr nah“, bekannte er. Seine Erlebnisse in England als Kriegsdienstverweigerer und Homosexueller hatten ihn traumatisiert. Er kannte Scham, Isolation, Ausgegrenztheit, Versteckspiel, Unterdrückung und Anfeindung, ja gesellschaftlichem Druck aus eigener Erfahrung.

Britten wollte den Peter Grimes der Oper weder als Schurken noch als Päderasten zeichnen. Grimes ist bei ihm ein unbarmherziger Sohn des Meeres, der beschuldigt wird, das Böse zu produzieren und von der spießigen, bigotten, verlogenen und engstirnigen Masse Mensch einer britischen Provinz- und Kleinstadt verdächtigt, beschuldigt und beinahe gelyncht, schließlich in den Selbstmord getrieben wird. „Wer sich abseits stellt und uns verachtet, den vernichten wir“, heißt es in dieser Oper. Sie war der Auftakt von Brittens Opernproduktion, und was für einer! Ein Welterfolg.

Der zentrale Konflikt des Stücks: Bei einer verunglückten Ausfahrt ist Grimes Bootsjunge ums Leben gekommen. Die Lehrerin Ellen Orford verhilft ihm gegen den Widerstand des Dorfes zu einem neuen Bootsjungen, obwohl sie um Grimes Brutalität weiß. Ihre Befürchtungen werden spätestens wahr, als sie am neuen Bootsjungen blaue Flecke entdeckt. Zweifellos schwingt das Thema Kindesmissbrauch untergründig in dieser Britten-Oper mit, ebenso wie später in „The Turn oft he Screw“, „Billy Budd“ und „Death in Venice“. Als auch der zweite Junge ums Leben kommt, ist die Masse, sind die „braven“ Bürger bereit, Selbstjustiz zu üben.

Regisseur Stephen Lawless zeigt Grimes zwar als traumatisierten Outcast, doch noch weicher als ihn schon Britten gegenüber der Vorlage gezeichnet hat, weniger als Sünder denn als jemanden, gegen den gesündigt wird in einem Strudel von Annahmen und Verdächtigungen. Den neuen Lehrjungen zeigt er als obdachloses, als gepeinigtes Straßenkind, das sich hinter seiner Kapuze versteckt, ebenso unfähig zu sozialer Interaktion wie Grimes, der in einem Wohnwagen lebt, am Rande der Gesellschaft, und davon träumt, viel Geld zu verdienen, ein Haus zu bauen, zu heiraten um endlich anerkannt zu werden.

Britten wuchs bekanntlich in Lowestoft (Suffolk) auf. An der englischen Küste, so Regisseur Lawless im Programmheft, gebe es viele solche Ortschaften, „die ursprüglich einfache Fischerorte gewesen waren, sich dann aber zu pulsierenden Seebädern entwickelten, mit großem Vergnügungs- und Unterhaltungsangebot für Urlauber… allerdings sind sie geprägt von Kriminalität, Armut und Drogenhandel. Und genau das wollten wir auf die Bühne bringen.“

Er bringt es auf die Bühne, die ihm Leslie Travers baute, ein typisches britisches kleinbürgerliches Seebad mit Fish-and-Chips-Bude, Ess-, Tanz- und Spiellokal, Strandpromenade und all dem verkommenen „Charme“, den solche Orte verströmen.

Auntie, die Kneipenwirtin, ist eine Zuhälterin, Bürgermeister Swallow lässt sich von Prostituierten verwöhnen, die Witwe Mrs. Sedley ist süchtig und wird von Apotheker Nes Keene mit Drogen versorgt. Der Fahrer Jim Hobson profitiert vom Menschenhandel, indem er Kinder transportiert. Viele kleine Nebenhandlungen und eine präzise und plausible Personenregie machen die Inszenierung zu einem Erlebnis, das unter die Haut geht. Die Worte des Regisseurs werden szenisch beglaubigt: „Du spürst diesen Geist einer Gesellschaft, die durch und durch kriminell ist.“

Britten sagte in einem Interview 1948, als das Stück erstmals an der New Yorker Metropolitan Opera herauskam: „Je bösartiger die Gesellschaft, desto bösartiger das Individuum.“ So ist es wohl. Im Kampf eines Einzelnen, des Außenseiters Grimes gegen die Masse der Dorfbewohner hat er diese Einsicht zur erschütterden Parabel gestaltet.

Von besondere Expressivität ist in der Magdeburger Aufführung die Musik, die unter der energischen Leitung von GMD Anna Skryleva all die Grausamkeit, aber auch die Poesie Brittens zum Ausdruck bringt. Besonders hervorzuheben sind die Orchesterzwischenspiele. Sie werden jeweils vor dem Eisernen Vorhang gespielt, damit keine Missverständnisse entstehen. Ausdrucksstark zeichnen sie das Bild des englischen Meeres an der Ostküste – bedrohlich, gewaltig, düster und unberechenbar gefährlich. Doch diese „Seainterludes“ sind eigentlich Seelenbilder. „Es hat nichts mit dem Meer zu tun. Es hat mit den Leuten im Dorf zu tun,“ so Britten. Das Meer ist nur Allegorie der Fremdheit und Unberechenbarkeit, eine „nautische Metapher für das Universum“ (Norbert Abels).

Die Menschen singen und schreien sich an, das Orchester lärmt sich gnadenlos die Seele aus dem Leib in dieser gnadenlosen Oper, die nicht anklagt, aber aufzeigt und mit allem Anderen als einem Happy End schließt.

Man verfügt am Theater Magdeburg nicht nur über ein vorzügliches, farbenprächtiges wie spieltechnisch sehr respektables philharmonisches Orchester und einen sehr guten Chor (Einstudierung Martin Wagner), sondern auch über ein rundum überzeugendes großes Ensemble, aus dem Richard Furman als darstellerisch feinsinniger wie unprätentiöser, sängerisch hochexpressiver Peter Grimes herausragt. Noa Danon singt eine betörend seelenvolle Ellen Orford, die vergeblich Grimes zu retten versucht. Eine Stimmautorität ist Sangmin Lee als alter Kapitän Balstrode, Lucia Cervoni ist eine durchtriebene, stimmlich erstklassige Auntie, auch Swallow, der Bürgermeister wird von Joannes Stermann eindrucksvoll verkörpert, ebenso der Apotheker Ned Keen von Marko Pantelić und die verschrobene Type Mrs. Sedley von Jadwiga Postroźna, um nur die wichtigsten Partien zu nennen.

Eine großartige, eine erschütternde, eine berührende Aufführung einer Oper, die beispiellos deutlich in Libretto und Musik Pein und Elend eines tragischen Sozialkonflikts am Beispiel eines Aussenseiters vor Augen und Ohren führt.

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