Konzertdesign goes local – Die „Montforter Zwischentöne“ beleben Feldkirch (Vorarlberg) mit neuen Formaten


(nmz) -
Während der regelmäßige Opern- und Konzertbetrieb unter Sparmaßnahmen leidet, entstehen immer mehr Festivals. Deren wachsende Anzahl führt zu austauschbaren Programmen. Die Montforter Zwischentöne im österreichischen Feldkirch setzen dagegen auf maßgeschneiderte Veranstaltungen mit regionalem Bezug.
21.11.2017 - Von Antje Rößler

In Feldkirch, der westlichsten Stadt Österreichs, geht das nach dem einst ortansässigen Adelsgeschlecht benannte Festival drei Mal jährlich über die Bühne. Im Februar, Juli und November; also außerhalb der gängigen Festival-Hochsaison: Jedes Mal wird ein anderer Themenschwerpunkt interdisziplinär beleuchtet; durch Musik, Literatur, Psychologie oder bildende Kunst.

„Es handelt sich nicht um ein Musikfestival im engen Sinne“, sagt Folkert Uhde, einer der beiden künstlerischen Leiter. „Wir wollen Alltagskultur und Musik in neuartigen Formaten verbinden, die unmittelbare ästhetische Erfahrungen ermöglichen.“

Konkret wird dieser Ansatz im Programm der neunten Montforter Zwischentöne, die an zwei November-Wochenenden unter dem Motto „Vollenden“ stattfanden: Zur Eröffnung gab es eine Filmpremiere über die schönsten Schlussszenen der Filmgeschichte. Ein Gerontologe sprach, begleitet von Bachs Klaviermusik, über das erfüllte Altern. Zwei Plattensammler stellten ihre liebsten Schluss-Stücke vor. Der Begriff „Vollenden“ ist vage genug, um dazu in alle möglichen Richtungen zu assoziieren.

Zusammengezurrt werden die interdisziplinären Abende von Folkert Uhde und Hans-Joachim Gögl. Uhde nennt sich „Konzertdesigner“ und verantwortet auch die Programmgestaltung von Berliner Radialsystem, Orgelwoche Nürnberg und den Köthener Bachfesttagen. Gögl, geborener Vorarlberger, erprobt neue Formate vor allem im Kongressbereich.

Bei den Zwischentönen gibt es ausschließlich maßgeschneiderte Programme zu erleben. Künstler, die mit ein- und denselben Stücken von Festival zu Festival tingeln, trifft man hier nicht. Stattdessen sucht das Festival Anschluss an die Region, das „Ländle“, das sich traditionell nach Westen ausrichtet und geprägt ist von der Nähe zu Schweiz und Liechtenstein. Eng arbeitet man mit einheimischen Künstlern und Institutionen zusammen. Vor allem mit dem Konservatorium, das den riesigen Prunkbau des einstigen Feldkircher Jesuitenkollegs bezogen hat.

„Vollendung“

Am Konservatorium unterrichten mehrere Mitglieder des Epos Ensemble, das bei den Zwischentönen Schuberts C-Dur-Streichquintett aufführte. Jedoch spielten die fünf Streicher um Primgeigerin Christine Busch die Musik gleichsam allzu „vollendet“. Die lyrische, homogene, klangschöne Interpretation ließ vergessen, dass die legendäre Komposition weniger eine Vollendung als einen Aufbruch zu neuen Formen und klanglichen Sphären markiert. Von Schuberts Radikalität und Tiefgründigkeit, die sich auch in brutalen Kontrasten und schroffen Akzenten zeigen, war hier wenig zu vernehmen.

Während der Einführung interessierte sich die BR-Moderatorin Annekatrin Hentschel nicht dafür, an welchen Merkmalen sich die Vollendung des Quintetts manifestiert. Stattdessen fragte sie die Musiker nach ihren Erfahrungen und Gefühlen in Bezug auf das Stück. Als sei die Ergriffenheit des Rezipienten, und sei es der Musiker selbst, für den ästhetischen Rang irgendwie relevant.

Bei dieser Veranstaltung überzeugte das 2015 gemeinsam mit den ersten Zwischentönen eröffnete Montforthaus durch tadellose Akustik. Der helle Neubau mit seiner breiten Glasfront fügt sich organisch in die mittelalterliche, von der rauschenden Ill geteilten Stadtkulisse. „Das Haus ist ein großes Geschenk für die gesamte Region“, sagt Festivalleiter Uhde. „Wir profitieren vor allem von seiner großen Flexibilität. Den Saal können wir für jede Veranstaltung anders einrichten.“

Die Zwischentöne erkunden jedoch auch andere Orte in Feldkirch, eine Jugendstil-Turnhalle etwa, oder das noch von einer Handvoll Mönchen bewohnte Kapuzinerkloster. Eine ehemalige Schwimmhalle wiederum wurde von den Teilnehmern des festivaleigenen Konzertdramaturgie-Wettbewerbs „Hugo “ bespielt.

Den Abschluss der Neunten Zwischentöne machte ein Gesprächskonzert unter dem Paulus-Motto „Ich habe den Kampf gekämpft, den Lauf vollendet“. John Dowlands „Lachrimae“ wurden sanftmütig-melancholisch dargeboten von den Gambisten des Hathor Consort. Zwischendurch diskutierten die Äbtissin Maria Hildegard Brem, die Psychoanalytikerin Ute Karin Höllrigl und der Soziologe Reimer Gronemeyer über das Vollenden des eigenen Lebensentwurfes.

Nicht thematisiert wurde dabei der Begriff selbst, der wohl beim vollendeten Kunstwerk Anderes meint als beim vollendeten Leben. Hat Schubert sein Leben vollendet? Oder wurde er zu früh aus dem Leben gerissen? Und wie berührt der frühe Tod sein Werk? Mehr Fragen als Antworten – das muss nicht schlecht sein. In diesem Fall jedoch standen das Gespräch und Dowlands Musik unvermittelt nebeneinander.

Die kommenden Zwischentöne im Februar 2018 sind ein Beitrag zur 800-Jahrfeier Feldkirchs. „Wie nimmt sich Feldkirch wahr? Wohin geht die Stadt?“, will Festivalleiter Folkert Uhde fragen, indem er sich unter dem Motto „aufbrechen, heimkehren“ in die Diskussion zur weiteren Stadtentwicklung einmischt.

„Ausgehend von der Tradition der legendären Feldkircher Lateinschule, die im 14. Jahrhundert viele einflussreiche Persönlichkeiten hervorbrachte, laden wir sieben Experten aus ganz verschiedenen Bereichen ein“, stellt Uhde in Aussicht. „Sie stammen alle aus Feldkirch.“

Neue Formate und Orte für Aufführungen, die Einbindung der Region und des ortsansässigen Publikums, Beiträge zur Stadtentwicklung – von den konfektionierten Groß-Festivals mit ihren immergleichen Stars heben sich die Montforter Zwischentöne wohltuend ab.

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