Kraft, Schwung, „lekker“! Das Eröffnungskonzert des Impuls-Festivals in Köthen


(nmz) -
„Lekker“, das bedeutet im Dänischen nicht nur köstlich, sondern ebenso toll und schön. Und mit diesem Attribut bedachte Hans Rotman, gebürtiger Däne, Komponist, Dirigent und Intendant des Impuls-Festivals, bei seiner Begrüßung das MDR-Sinfonieorchester, das unter sechs verschiedenen Dirigaten den Auftakt des sachsen-anhaltinischen Neue-Musik-Festivals bestritt.
01.11.2010 - Von Clemens Müller

Eine Dirigentin und fünf Dirigenten vertraten die Orchester aus Schönebeck, Dessau, Halberstadt, Wernigerode, Magdeburg und Halle; die Städte und Klangkörper also, die das bis zum 21. November stattfindende Festival austragen.

Um es gleich vorweg zu nehmen: in diesem Eröffnungskonzert erklingt keine abstrakte, schwer zugängliche Avantgarde, wie es einige immer noch von zeitgenössischer Musik erwarten würden. Dieses Konzert ist rhythmisch und reich an kraftvollem Klang, mit Interpreten denen das Musizieren sichtlich Freude bereitet. Das MDR-Sinfonieorchester ist gut aufgelegt und musiziert durchweg lebendig. Den Abend kleidet eine wohltuend gelöste Atmosphäre. „Musik braucht eigentlich keine Erklärungen, aber wir manchmal.“, sagt die Kultusministerin des Landes Sachsen-Anhalt und Schirmherrin des Festivals Prof. Dr. Birgitta Wolff in ihrer Eröffnungsrede. Diese Vermittlungsebene bedienend, stehen jeweils einleitende, unterhaltsam gestaltete Gedanken Hans Rotmans und der anderen Dirigenten den Werken voran. Doch der Reihe nach.

Der Beginn des Konzertabends ist als Hommage an die Bachstadt Köthen gedacht und wird von der jungen litauischen Dirigentin Mirga Grazinyte bestritten: Anton Weberns Orchestrierung von Johann Sebastian Bachs „Ricercata a 6 Voci“, einem fugenartigen Satz aus dem „Musikalischen Opfer“. Sehr erhebend, wie sie die Klangfarbenmelodie durch die verschiedenen Stimmen leitet, sie nie aus den Händen verliert und ihr zum Ende immer mehr Kraft zum Atmen gibt, sie gleichsam aus den Führungen des Kontrapunkts ins Offene führt und die Musik strahlen lässt.

Das zweite Stück von Christian Jost, das 2002 entstandene „One Small Step“, ist ein musikalischer Höhepunkt des Abends und wird mit Esprit dirigiert von Antony Hermus, dem GMD des Anhaltinischen Orchesters Dessau. Im Programmheft als „Mondlandungs-Reminiszenz“ bezeichnet, hält sich Jost aber nicht bei Affirmation auf, sondern schafft eine sehr spannungsvolle, pulsierende Komposition zwischen Verdichtung und Weite, zwischen Klangballungen und forschen Rhythmen.

Eine Uraufführung liefert der Eisenacher Komponist Thomas Buchholz mit „Young Person’s Guide to New Music“, geleitet von Johannes Rieger, Musikdirektor des Nordharzer Städtebundtheaters. Der Titel ist Programm: die Komposition erscheint als „Leitfaden“ durch Spiel- und Kompositionstechniken des 20. Jahrhunderts, präsentiert unter Mitwirkung von Chor und Solisten des Köthener Ludwigsgymnasiums. Drei Sprecher/innen dienen als Stichwortgeber und Kommentatoren der vom Orchester intonierten Musik. Mit Schlagworten wie „seltsames Rauschen“, „mystisch“, „chaotisch“, „mikrotonal“ oder „aleatorisch“ führen sie durch die suitenhafte Komposition, deren Klangbild sich von geräuschhaft über atonal bis zu folkloristischer Melodik erstreckt. Leider verpufft die charmante Aufklärungsarbeit etwas in musikalischer Hinsicht: erst zum Ende hin wird die Komposition auch ästhetisch reizvoller.

Der Chefdirigent des Philharmonischen Kammerorchesters Wernigerode Christian Fitzner leitet das Orchester durch die 2006 entstandene Komposition Les Adieux – Hommage an Ligeti von Martin Christoph Redel. Das atmosphärische Stück, dessen flirrender, flächiger Beginn an „Atmosphères“ und späteres polyphones Klopfen an die Metronome in „Poème symphonique“ erinnert, verhält sich ansonsten eigenständig zu dem Vorbild.

Im Anschluss gibt der diesjährige Composer in Residence und Dirigent Guillaume Connesson seinen Einstand mit „The Shining One”, einem Konzert für Klavier und Orchester. Musikalisch stellenweise eher eine spätromantische Burleske, durchsetzt mit „modernen“ Spieltechniken, gefallen an der Aufführung vor allem die Spielfreude und die Brillanz des Orchesters und der Solistin Ragna Schirmer. Der „Drive“, den die Musiker erzeugen, lässt die etwas „altbackene“ kompositorische Anlage (fast) vergessen.

Zum Ende tritt der Intendant persönlich an das Dirigentenpult und bietet mit Leonard Bernsteins „Prelude, Fugue and Riffs“ den virtuos-rythmischen Kehraus des Konzerts.
Das Publikum klatscht kräftig Beifall für ein „lekker“ Konzert.

Die Aufzeichnung des Konzerts überträgt MDR Figaro am 2.11. um 20.05 Uhr.

 

Hans Rotman Nationalität

Der Mann ist Holländer!!!


Impuls-Festival

Leider muss man immer wieder bestätigt finden, dass Musikjournalismus ein wenig von musikalischer Hörfähigkeit der schreibenden Zunft kündendes Arbeitsfeld ist, in dem auch Herr Müller munter herumwurstelt. Dabei stört weniger seine einfach gelagerte Geschmacksbildung, als vielmehr die offensichtliche Unfähigkeit, über den akustischen Eindruck von Musik eine sachlich richtige Aussage zu treffen. Und dass ein Ricercare nicht nur “fugenartig” sondern schlichtweg ein Fuge ist mag ja noch als sprachlicher Ausrutscher durchgehen, obwohl man das als jemand der sich öffentlich über Musik äußert eigentlich hören müsste, wenn man es schon nicht weiß. Dass in meinem Stück “The Young Person’s Guide to New Music” der Anfang, der hier als musikalisch “verpufft” umrissen wird völlig identisch mit dem Schluss ist, den Clemens Müller als ästhetisch reizvoller beurteilt, bedarf keiner weiteren charmanten Aufklärungsarbeit. Jeder hat das Recht auf eigene Ohren, aber nicht jeder hört etwas!


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