Legendär und kontrovers: Sibylle Zerrs Buch über Marshall Allen und das Sun Ra Arkestra


(nmz) -
Sun Ra nannte seine um 1952 gegründete Bigband „Arkestra“, gedacht als Symbiose aus Arche und Orchester. Der Pianist, Komponist und Arrangeur betrachtete das „Arkestra“ als Institution, die aus der Vergangenheit in die Zukunft steuert. Bis heute sind es polymetrisch angelegte Rhythmen mit kaum erkennbaren Verflechtungen zwischen kompositorischen Abschnitten und freien Improvisationen. Dass es nach dem Tod des Meisters 1993 weiterging, dafür sorgt in erster Linie Marshall Allen, wie in einer neuen Darstellung deutlich wird.
31.01.2012 - Von Reiner Kobe

Marshall Allen ist untrennbar mit dem Namen von Sun Ra verbunden. Er setzte seit 1958 dem „Arkestra“ Glanzlichter auf mit seinem expressiven Spiel auf diversen Holzblasinstrumenten. Nach einem Zwischenspiel von John Gilmore, auf das nicht weiter eingegangen wird, übernahm Allen 1995 die Leitung der Band, die er wie seinen Augapfel hütet. Mit dem inzwischen 87-Jährigen hat sie die Wende ins neue Jahrhundert erfolgreich gemeistert und genießt bis heute Kultstatus. Ein aktuelles Bild der Bigband zeichnet Sibylle Zerr mit vielen Fotos voller Spiel- und Lebensfreude und essay-artigen Betrachtungen zu Philosophie, Mythologie und Musik Sun Ras. Letzteres nimmt nur ein Drittel des englischsprachigen Bandes ein, so dass es sich eher um ein Fotobuch handelt.

Der Mythos des Sun Ra Arkestra lichtet sich auch nach der Lektüre nicht, was wahrscheinlich gar nicht Absicht der Autorin war, die das Arkestra acht Jahre lang hautnah begleitet hat. Vom alten Ägypten ist die Rede, dem sich Sun Ra und seine Nachfolger verbunden fühlen, und vom Glauben an eine bessere Welt durch Musik. Sie verspricht mehr Freiheit als die Bürgerrechtsbewegung je erhoffen konnte. „Eins der legendärsten und kontroversesten Jazz-Ensembles“ begibt sich auf Friedensmission quer durch die „spaceways“ schreitend. Derlei führt Marshall Allen konsequent weiter, wenn auch nicht auf die Altherrenweise des Meisters.

Der Multiinstrumentalist ist, erfährt der Leser, eine gütige und mildherzige Person. Nur bei der Auswahl der neuen Mitmusiker ist er gelegentlich streng, denn der Mythos muss bewahrt werden. Einzelne junge Musiker werden kurz erwähnt, etwas ausführlicher wird Farrid Barron vorgestellt, der seit 2006 am Klavier sitzt. Das Zusammenleben der Band-Mitglieder in Philadelphias Morton Street, wo der Meister 1968 ein Haus, das „Blackhouse“, zum Zentrum erkor, ist keinem strengen Diktat mehr unterworfen. Das Wesen des Arkestra, teilt die Autorin abschließend selbstkritisch mit, kann keineswegs beschrieben werden. Es vermittelt sich einzig und allein durch sein leibhaftiges Erleben.

Sibylle Zerr, Picture Infinity – Marshall Allen + The Sun Ra Arkestra, Selbstverlag 2011, 152 Seiten, 25 Euro

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